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"Deutschland ist eines der langsamsten Internetländer des Westens." Stimmt das?

05.09.2017, 18:11 · Aktualisiert: 06.09.2017, 10:50

Der Faktencheck zur Bundestagswahl

Wer hat's behauptet?

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist eines der großen Wahlkampfthemen. Martin Schulz und die SPD fordern ein digitales Bürgeramt, die CDU will mit einer Breitbandoffensive punkten (Tagesschau, Heise).

In einem Interview mit dem Handelsblatt mahnt FDP-Chef Christian Lindner allerdings an: "Damit der Wandel gelingt, braucht es eine erstklassige Infrastruktur (…), die Deutschland als eines der langsamsten Internetländer des Westens derzeit nicht besitzt."

Aber stimmt das?

stimmtdas.org

Im Wahlkampf bleiben Politiker nicht immer haargenau bei der Wahrheit. Aber woher weiß man, wer die Fakten verdreht oder sie auch nur in den falschen Kontext setzt? Rund 15 Mitarbeiter der Faktencheck-Plattform stimmtdas.org prüfen in den Wochen vor der Bundestagswahl fragwürdige Aussagen. Hier erfahrt ihr, wie sie arbeiten.

Was ist "der Westen"?

Der Begriff der "westlichen Welt" ist diffus, es gibt keine klare Definition. Eine Abgrenzung, die international gebräuchlich ist, setzt den Westen mit den als Industrieländern definierten Staaten gleich. Hier finden sich viele Nationen, auf die auch die historische Definition des Begriffs passt, mit Ausnahme von Chile, Japan, Südkorea und der Türkei.

Die Industriestaaten sind Mitglied in der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dieser Check orientiert sich an den Ländern der OECD. Einmal mit allen Staaten und einmal abzüglich der oben genannten Staaten.

Christian Lindner mahnt: Deutschland braucht eine erstklassige digitale Infrastruktur, denn wir sind eines der langsamsten 'Internetländer' des Westens. #SchnellesInternet

Posted by FDP on Mittwoch, 12. Juli 2017

Wie ist die Internetgeschwindigkeit in den OECD-Ländern?

Wir checken zwei Varianten: das kabelgebundene Internet und das mobile Internet. Das US-Unternehmen Akamai legt jedes Quartal den "State of the Internet"-Bericht vor, der auch in den Berichten der OECD Verwendung findet. Die OECD selbst legte im Jahr 2014 einen eigenen Bericht vor, der neben den Daten von Akamai noch Geschwindigkeitsindikatoren von zwei weiteren Organisationen berücksichtigt und ähnliche Platzierungen ermittelt hat.

Gemessen an den durchschnittlichen Megabits pro Sekunde (MBps) liegt Deutschland mit 15,3 MBps hier weltweit auf dem 25. Platz. Führend sind Südkorea (28,6 MBps), Norwegen (23,5 MBps) und Schweden (22,5 MBps).

Im Vergleich mit allen OECD-Ländern liegt Deutschland auf Platz 17 von 34. Damit wäre Deutschland nicht "eines der langsamsten Internetländer des Westens", sondern im Mittelfeld. Ähnlich ist es, wenn Südkorea, Chile und Mexiko herausgerechnet werden. Deutschland wäre dann auf Platz 16 von 30. Das gleiche gilt für den Mittelwert der Internetgeschwindigkeit. In beiden Fällen liegt Deutschland knapp über dem Mittel von 15,1 mbps (OECD-Länder ohne Südkorea, Chile, Mexiko) und 15,25 (alle OCED-Länder).

Zieht man in die Überlegung auch noch die mobilen Daten ein, schneidet Deutschland im internationalen Vergleich noch besser ab. Dort liegt die Bundesrepublik mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 24,1 Mbps sogar auf dem zweiten Platz, direkt hinter Großbritannien.

Fazit

Vergleicht man die Internetgeschwindigkeit der westlichen Industrienationen, liegt Deutschland im Mittelfeld. Im mobilen Datenfunk liegt Deutschland sogar deutlich über dem Mittelwert – auf Platz zwei.

Die Bundesrepublik als eines der langsamsten westlichen Internetländer zu bezeichnen ist daher übertrieben und stimmt nicht.

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