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15.11.2015, 16:23 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Als ich Bumble hörte, kamen mir kleine, dicke, freundlich-summende Hummeln in den Kopf. Im Fall von Bumble wären es sogar freundlich-summende-feministische Hummeln. Empowered Hummeln. Denn die App, die es seit Anfang des Jahres gibt, verspricht feministisches Dating. Gegründet wurde sie von Whitney Wolfe, 25 Jahre alt und Mitgründerin von Tinder, jedermans und -fraus digitaler Lieblings-Wisch-und-Weg-Vekupplungsapplikation. Ihren Ausstieg bei Tinder begleitete 2014 ein Rechtsstreit wegen sexueller Belästigung. Es ging um einen Ex (und Mitgründer), der die Trennung nicht akzeptieren wollte. Wolfe gewann. Und startete neu.

Der feministische Markenkern von Bumble ist schnell erklärt: Nur Frauen können den ersten Schritt machen. Tun sie dies nicht binnen 24 Stunden, ist Prince Charming wieder weg aus der Vorschlagsliste. Es sei denn, er verlängert das Ultimatum für die Dame auf weitere 24 Stunden. Das funktioniert aber nur mit einer Frau pro Tag. Bei gleichgeschlechtlichem Interesse dürfen übrigens beide. Wolfe selbst sagt dazu:

Women are extremely independent in every facet of our lives, except dating. We wanted to encourage a confident connection. Making the first move, whether a woman is matching with a man or a woman, gives her a boost of confidence right off the bat. It immediately puts her in the driver’s seat.
Whitney Wolfe

Das wäre ein positiverer Start für eine mögliche Beziehung und würde potentiell die berüchtigten Tinder-Konversationen vermeiden: „Hey, ich studiere auch Sozialwissenschaften, magst du Analsex?“.

Böse Zungen behaupten, dass mit dem feministischen Konzept nur der Geburtsfehler von Tinder ausgemerzt werden. Der Dienst leidet an zu vielen Dead-End-Matches, also Vorschlägen, auf die nicht reagiert wird und der Tatsache, dass insbesondere Frauen mit Nachrichten bombardiert werden. Jeder Pick-Up Artist wird schließlich bestätigen, dass mindestens ein Treffer dabei rauskommen wird, wenn man nur die gleiche miese Masche bei genug Frauen ausprobiert. Bei Bumble hingegen führen 60 Prozent der Vorschläge zu Interaktionen.

Dabei ist die Frage nicht, ob Frauen - sozialisiert mit Bravo Girl und Jane Austens Emma Woodhouse - Matchmaking einfach ernster nehmen. Vielmehr muss ich mir eingestehen, so sehr ich zunächst über das "Endlich dürft/müsst ihr den ersten Schritt machen" lächelte – da ist etwas dran. Nicht nur, weil Frauenzeitschriften gern dabei helfen, wenn frau sich fragt, ob man nun nach drei oder fünf Tagen zurückrufen soll.

Die vermeintliche Datingetiquette enthält für beide Geschlechter eine ziemliche Liste an Dingen, die zu tun und zu vermeiden sind. Eigentlich sind es zwei Listen, denn die gut gemeinten Ratschläge variieren sehr, je nachdem, ob man Mann oder Frau ist. Nicht zuletzt muss ich zugeben, dass ich mich selbst oft genug auf antiquierte Regeln zurückgezogen habe. Wer nicht zuerst anspricht, verpasst Chancen, aber minimiert eben auch die Gefahr der Ablehnung. Was natürlich schwer gegen meine feministische Grundüberzeugung ging. Schwierig. Trotzdem habe ich die Frage "Wie datet Frau richtig in Feminismusland?" für mich ganz gut beantworten können.

  1. Je älter man wird, desto deutlicher wird man nach dem Ort des ersten Dates befragt. Die Peergroup sieht darin einen Indikator für den sozialen Status des Männchen, sprich sein Geld. Frau selbst läuft in die Falle, den Neuen bereits positiv zu bewerten, bevor er sich richtig vorgestellt hat, wenn die Peergroup auf die Nennung des Ortes mit "Uih, teuer" reagiert. Deshalb, eigene Brieftasche raus holen und sich um die Befüllung selbst kümmern, ist nie verkehrt.
  2. Halbiere die Gedanken, die du dir um Sex beim ersten Treffen oder in den ersten Tagen/Wochen machst. Um die Angemessenheit, nicht die Verhütung versteht sich! Dann halbiere nochmal und du bist bei der Anzahl der Gedanken angekommen, die du dir über dein Outfit in den ersten Tagen/Wochen machen solltest.
  3. Es gibt eigentlich keine Regeln. Nicht eine. Denn schlussendlich ist alles gar nicht so kompliziert.

Das gilt übrigens auch für die so gern gestellte Frage "Dürfen Männer noch Komplimente machen und sich wie Gentlemen verhalten?", um hier noch einen Mehrwert für die männlichen Leser zu liefern. Ein besorgter Kollege erkundigte sich erst neulich, ob er mir noch die Tür aufhalten dürfte.

Nun, Männer begannen im 19. Jahrhundert Frauen die Tür aufzuhalten, weil sie mit ihren ausladenden Kleidern, Riesenhüten und Handschuhen nur schwer durch diese kamen. Sie gingen auf der Straßenseite des Gehsteigs, damit sich die Kleider der Damen nicht in den vorbeifahrenden Kutschen verfingen. Sie rückten Stühle zurecht, weil die aufgrund der engen Korsetts dauerkurzatmig gewordenen Frauen sich gern mal setzten.

Irgendwann wurde das Ganze in Regellisten gepresst und die Beweggründe waren nicht mehr ganz klar. Da kann ich helfen, denn es ist ganz einfach: Geht es bei Komplimenten und dem Gentlemen-Sein um gegenseitigen Respekt und passiert es auf Augenhöhe, dann bitte, frisch voran, die Herren. Machen sie die Tür auf. Auch gern für andere Männer.

Womit wir wieder bei Bumble wären. Denn was gerade der Vergleich mit Tinder zeigt, ist, dass sich beim Onlinedating eine ziemlich überflüssige Spirale fortsetzt: Gefühlt ist an Frauen™ schwer ranzukommen. Das bringt Männer™ dazu, mehr um deren Aufmerksamkeit zu buhlen. Was dazu führt, dass Frauen™ sich zurückziehen, was wiederum noch größere Anstrengungen der Männer™ triggert, die sich manchmal mit Enttäuschung und Verzweiflung paaren. Das endet dann meist sehr traurig für die Frau.

Vielleicht können beide Seiten ein bisschen gewinnen: Wenn Frauen sich nämlich wohler und sicherer fühlen könnten, weil sie weniger verzweifelt-gruseligen Versuchen der Kontaktaufnahme ausgesetzt wären und Männer auch, weil sie nicht steinzeitjägermäßig ständig an die Front müssten, um womöglich abgelehnt zu werden.

Dann ist das mit dem erzwungenen ersten Schritt für Frauen in der App womöglich gar keine so schlechte Idee. Obwohl ich mir nicht sicher bin, wie feministisch das die Hummel jetzt macht.


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