29.12.2017, 11:37 · Aktualisiert: 29.12.2017, 11:50

Endlich reich?

Ein Samstagabend, Freunde sind zum Essen gekommen. Es gibt mexikanische Wraps, wir sprechen über Urlaube, Weihnachtsgeschenke – und Bitcoin. Wie so ziemlich alle gerade.

Normalerweise würden Gespräche über Geldanlagen und Aktienfonds bei uns Lähmungserscheinungen hervorrufen. Aber Bitcoin! Das ist neu, aufregend und einige machen damit gerade richtig viel Geld. (bento)

  • Einerseits warnen so ziemlich alle, die nicht persönlich in Bitcoin investiert haben, vor der Kryptowährung: Zentralbanken, Experten, Forscher. Alles nur Spekulation, eine bald platzende Blase.
  • Der Kurs schwankt extrem. Erst vor Weihnachten ist der Bitcoin abgestürzt, so richtig erholt hat er sich noch nicht. (bento)
  • Das Bitcoin-System hat einen hohen Stromverbrauch und gilt als nicht besonders nachhaltig.
  • Immer wieder bringen Hackerangriffe Nutzer um ihre Bitcoin.
  • Aber die Idee klingt verlockend: Eine dezentrale Währung ohne Aufsicht, Überweisungen weltweit – und das kostet kaum etwas.

Ich gebe zu: Ich bin angefixt. Ich will wissen, wie das funktioniert.

Gawin Wood, einer der Blockchain-Programmierer – die Technologie hinter Bitcoin – sagt, er habe das System selbst nicht verstanden, bis er es selbst angewandt hat. (Deutschlandfunk)

Also beschließe ich, es auszuprobieren: Ich kaufe mir Bitcoin.

(Bild: Giphy)

Erste Erkenntnis: Ganz so einfach wie ein Amazon-Kauf funktioniert Bitcoin nicht. Also Schritt für Schritt:

1. Woher bekomme ich Bitcoin?

  • Man kann sie selbst herstellen: Am Anfang wurden Bitcoin noch von vielen Einsteigern in komplexen Rechenvorgängen mit Computern "geschürft". Weil das immer mehr Rechenleistung und damit Strom verbraucht, lohnt sich das ohne spezielle Hardware und supergünstige Energiepreise nicht mehr.

Was sind Bitcoins und wie entstehen sie?

Ein Bitcoin ist eine Aneinanderreihung von Zahlen. Bitcoin werden durch eine Software berechnet - man setzt Strom und Zeit ein und bekommt Bitcoin. Das nennt sich Mining.

Die Menge der Bitcoins ist mathematisch beschränkt: Nur 21 Millionen können nach den Regeln erschaffen werden.

Je mehr Bitcoin es gibt, desto aufwendiger ist das Mining. Mittlerweile braucht man dafür so viel Rechenpower und Strom, dass sich das in Deutschland kaum noch rechnet.

Bitcoin gibt es seit 2009. Der Erfinder, Satoshi Nakamoto, besitzt Bitcoin im Wert von mehreren Milliarden. Aber niemand weiß, wer sich hinter dem Namen verbirgt und ob es nur eine Person ist.

Mehr dazu: Bitcoinblog

  • Ich kann sie Bitcoin-Besitzern direkt abkaufen: Es gibt keine zentrale "Instanz", die Bitcoin ausgibt. Entweder man schürft sie oder man kauft sie anderen Besitzern ab. Dieses "Peer-to-Peer"-Prinzip legt die Basis für Bitcoin. Es bedeutet soviel wie "Kommunikation unter Gleichen". Der Vorteil: Die Transaktion selbst kostet nichts.
  • Es gibt auch Marktplätze im Internet, die Käufer und Verkäufer zusammenbringen und dafür eine Gebühr nehmen. Auf Plattformen wie Bitcoin.de, Kraken.com oder GDAX.com können sich Bitcoin-Käufer und Verkäufer zusammenfinden.
  • Für Eilige und Einsteiger gibt es Bitcoin-Wechselstuben: Wer möchte, dass es schnell geht, kann sein Geld direkt bei einer Online-Wechselstube wie Coinbase eintauschen. Die halten selbst Bitcoin. Nachteil: Die Preise sind hier oft höher.

  • Man kann seine Bitcoin auch gegen Bargeld tauschen: Auf der Website Localbitcoins.com finden sich Menschen, die deine Scheine in Krypto wechseln – allerdings nicht in Deutschland. Der Anbieter hatte sich bereits 2015 wegen staatlicher Auflagen aus dem Markt zurück gezogen. (The Coinspondent)
  • Und dann gibt es noch Bitcoin-Automaten, beispielsweise in Berlin (Blockchain-Hero).

Diese Texte haben mir beim Bitcoin-Verstehen geholfen:

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2. Ich entscheide mich für einen Marktplatz – weil das auch andere tun.

Da ich auch nach stundenlanger Recherche noch immer an der Oberfläche der Kryptowelt kratze, muss ich mich auf diese Empfehlungen verlassen. Und die meisten Websites und "Experten" in Deutschland empfehlen zum Einstieg bitcoin.de.

Es gibt natürlich unzählige Marktplätze, eine Übersicht findest du hier. Einen Vergleich der größten Plattformen hat und worauf du bei der Auswahl achten solltest, findest du hier.

  • bitcoin.de arbeitet mit der Münchener Fidor-Bank zusammen und wird dank regelmäßiger Sicherheitschecks als sicher und seriös bezeichnet. Ich fühle mich hier jedenfalls besser aufgehoben als bei Plattformen, die keine Ansprechpartner nennen und allenfalls Briefkastenfirmen auf irgendwelchen Inseln haben.

3. Sie wissen alles über mich.

Um mich auf Bitcoin.de zu registrieren, muss ich meine Email-Adresse, Adresse, Geburtsdatum, vollständigen Namen und Handynummer eingeben und über einen SMS-Code verifizieren. Anschließend muss ich mein Bankkonto mit der Plattform verknüpfen – oder gleich ein neues bei der Fidor-Bank eröffnen.

Verifiziert wird mein Konto über eine Sofortüberweisung von 0,25 Euro durch das Unternehmen Klarna, ein schwedisches E-Payment-Unternehmen.

Moment mal. Ich dachte, Bitcoin sei anonym?

Im Prinzip ja. In der Blockchain, die dezentrale Datenbank aller Bitcoin-Transaktionen, tauchen keine personenbezogenen Informationen auf.

So funktioniert die Blockchain:

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Doch Anonymität birgt auch Risiken: Wie kann ich sicher sein, dass die Person, der ich Geld mein Geld geschickt habe, mir auch wirklich die versprochenen Bitcoins schickt? Wenn man Bitcoin-Verkäufer persönlich trifft, zum Beispiel auf einer Bitcoin-Party, kann das gut gehen. Aber im Internet?

Kommerzielle Tauschbörsen wie Bitcoin.de liefern das fehlende Vertrauen. Weil dahinter eine Firma steht, muss sie sich an staatliche Auflagen halten und beispielsweise auch mit Finanzämtern zusammenarbeiten und aufpassen, dass niemand Geld wäscht oder Terroristen finanziert.

  • Tauschbörsen wie bitcoin.de verwahren die Bitcoin: Wird ein Kauf eingeleitet, wird die entsprechende Menge Bitcoin dieses Besitzers gesperrt, bis der Vorgang von beiden Seiten abgeschlossen und bestätigt haben. Die Bitcoin verschiebt die Plattform dann von einem zum anderen Besitzer. Wenn man sie nicht auf eine eigene Bitcoin-Adresse überträgt, werden sie weiterhin von bitcoin.de aufbewahrt.

Ist das nicht paradox? Ein dezentrales System, das auf Vertrauen basiert, das wir aber nur aufbringen, wenn eine zentrale Instanz uns dabei absichert?

Aber ich kann die Leute verstehen – es geht schließlich um Geld. Damit die Verkäufer auch mir vertrauen, muss ich meine Identität noch weiter verifizieren. Ich wähle dazu das Video-Identverfahren für 14,90 Euro.

  • Dazu brauche ich meinen Personalausweis, eine Webcam oder ein Smartphone.
  • Ein Videofenster öffnet sich, ich sehe mich selbst und eine Nachricht: 9 Minuten Wartezeit.
  • Nach 30 Minuten ist immer noch nichts passiert.

Eilig sollte man es nicht haben.

Mit Blick in die Wohnung.

Mit Blick in die Wohnung.

Beim dritten Anlauf funktioniert es. Eine ungeduldige Mitarbeiterin mit Headset und dunkel gerahmter Brille bittet mich, meinen Ausweis in verschiedenen Winkeln vor die Kamera zu halten. Sie macht ein Bild von mir, ich muss einen weiteren SMS-Code bestätigen.

4. Endlich Bitcoin kaufen – oder besser Bitcents?

Auf der Website kann ich nun Kaufs- und Verkaufsangebote anderer Nutzer sehen. An diesem Abend steht der Kurs bei 9437 Euro – pro Bitcoin.

  • Weil es lediglich um ein Experiment geht, will ich nicht mehr als 100 Euro ausgeben. Wenn das schief geht, ist es ärgerlich – aber nicht existenzbedrohend.
  • Einen ganzen Bitcoin werde ich also nicht bekommen. Aber man kann auch Teile eines Bitcoin kaufen. Die Verkäufer legen fest, wie groß diese Teile sind. Die meisten übersteigen mein Budget trotzdem.
  • Ich entscheide mich für ein Angebot von rund 0,006 Bitcoin für 63 Euro. Das sind 9600 Euro pro BTC. Damit würde ich den Preis weiter treiben. Aber ein günstigeres Angebot finde ich nicht.

Wie der Bitcoin-Preis entsteht

Im Grunde gibt es nicht "den" Bitcoin-Preis. Jeder Marktplatz hat seinen eigenen Preisindex. Er richtet sich nach der Höhe des letzten Verkaufs. 

Wer bestimmt den Preis eines Bitcoin?

Die einzelnen Bitcoins sind letztlich so viel wert, wie Käufer dafür bezahlen. Angebot und Nachfrage bestimmten die Höhe. Weil die Menge an Bitcoins begrenzt ist und immer mehr Menschen einsteigen, klettert der Preis derzeit unaufhaltsam nach oben.

Einen Vergleich mehrerer Marktplätze hat Coinmarketcap.com.

Damit bin ich jetzt Teil des Bitcoin-Hype – und befeuere den Preisanstieg.

Ein bisschen fühlt sich das falsch an. Soll Bitcoin nicht eigentlich als Alternative zum spekulationsgetrieben Finanzsystem sein? Groß geworden ist die Währung nicht ohne Grund auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2009.

Mir aber scheint es, als wäre Bitcoin längst ins Gegenteil verkehrt:

Die digitalen Münzen sind keine Alternative sondern ein neues Mittel des alten Systems. Die "neue" Währung kaufen viele offenbar nur, um mehr von der alten zu machen.

Mein Verkäufer hat 27 positive Bewertungen und keine negative. Nachdem ich auf "Kaufen" klicke, bekomme ich eine Email mit seinem echten Namen und seiner Bankverbindung. Jetzt habe ich eine Stunde Zeit, das Geld auf sein Konto zu überweisen und den Vorgang zu bestätigen.

Für die Transaktion müssen er und ich jeweils 0,5 Prozent an bitcoin.de abdrücken.

5. Dann heißt es: Warten

Der Verkäufer hat jetzt drei Tage Zeit, mir meine Bitcoin-Teilchen zu übertragen. Nach zwei Tagen hake ich mit einer privaten Nachricht über die Plattform nach. Dann endlich: Die Transaktion wurde bestätigt!

Ich habe meinen ersten Bitcoin(-Anteil) gekauft!

Nur: Die Bitcoin gehören mir immer noch nicht.

bitcoin.de hat einfach nur einen Anspruch auf der eigenen Datenbank verschoben. Um die Bitcoin wirklich mein Eigen nennen zu können, muss ich sie mir "auszahlen". Aber dafür brauche ich erstmal einen Ort, an dem ich sie aufbewahren kann.

  • Das geht über sogenannte "Wallets":
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Über Empfehlungen lande ich bei Bither. Die Installation der Smartphone-App ist einfach, es werden keine Personendetails abgefragt. Aber: "Never Uninstall! Never Forget your password!"

Was passiert, wenn man den Zugang verliert, musste dieser Waliser erleben:

Wer in Bitcoin einsteigen will, braucht nicht nur Vertrauen in die Idee, sondern auch in die Bitcoin-Fans – und Zeit. Vor allem muss man damit rechnen, dass es auch schief gehen kann.


Gerechtigkeit

Polizei in Teheran will Frauen ohne Kopftuch nicht mehr festnehmen

29.12.2017, 11:08

Was ist passiert?

Die strengen Kleidervorschriften für Frauen im Iran werden gelockert. Die Polizei kündigte an, künftig in der Hauptstadt Teheran keine Frauen mehr festzunehmen, die gegen den islamischen Dresscode verstoßen.

Stattdessen müssten sie an sogenannten Aufklärungsklassen teilnehmen. Das berichtet die halbstaatliche Nachrichtenagentur Tasnim. Außerhalb der Hauptstadt würden allerdings weiterhin die alten Regeln gelten, wurde der örtliche Polizeichef zitiert. (Washington Post)