Bild: Susanne Schleyer

14.06.2018, 14:03 · Aktualisiert: 14.06.2018, 17:00

Frauen sollen alles gleichzeitig können – echt jetzt?

Zur Person

Eva Corino ist vierfache Mutter, Journalistin und Schriftstellerin. Kurz nach der Geburt ihres erstes Kindes wollte sie wieder zurück in den Beruf. Sie war aber gerade nach Amerika gezogen und merkte: Die Sache mit der Vereinbarkeit ist doch schwieriger, als es immer behauptet wird. Bei der Reise durch verschiedene Länder hat sie beobachtet, wie sich andere Paare im Spannungsfeld zwischen Familie und Beruf bewegen. Soeben ist ihr neues Buch erschienen: "Das Nacheinander-Prinzip. Vom gelasseneren Umgang mit Familie und Beruf."

Wir leben in einer durchökonomisierten Welt. Und viele junge Familien kollaborieren, weil sie die ungeheuren Druckzustände der Rush Hour nicht aushalten: Karrieredruck, Gleichberechtigte-Partnerschafts-Druck, Optimal-Geförderte-Kinder-Druck, Beauty-und-Fitness-Druck, Schöner-Wohnen-Druck, Altersvorsorge-Druck.

Damit unsere Gesellschaft nicht über kurz oder lang um die Ohren fliegt, brauchen Familien unbedingt mehr gemeinsame Zeit, mehr Mut und mehr Gelassenheit. Die gute Nachricht: Wir müssen nicht alles auf einmal machen, vieles geht auch nacheinander! Das zeigen auch die 15 Lebensgeschichten von Frauen und Männern, die ich erzählt habe. Alle meine Helden und Heldinnen haben nämlich nach einer glücklichen Familienphase einen interessanten beruflichen Aufbruch gewagt.

Fünf Dinge, die ich beim Schreiben meines Buchs gelernt habe:

1.

Frauen verdrängen ihren Kinderwunsch.

Sie sind heute dazu verdammt, ihre Befriedigung in der Rolle der Arbeitenden zu finden, im Beruf. Der Wunsch, Mutter zu werden und seine Kinder selbst zu versorgen, wird zum neuen Tabu. So wie es früher tabu war, sich außer der Mutterschaft noch eine anspruchsvolle Berufstätigkeit zu wünschen.

Von diesen Tabus müssen wir uns befreien. Frauen haben heute Zugang zu fast allen Berufen und Bildungswegen. Aber sie müssen unbedingt mehr darauf achten, dass sie einen befriedigenden Kompromiss hinkriegen zwischen den Chancen des Berufslebens und der Bedeutung der Mutterrolle.

2.

Wir leben in einem Gleichzeitigkeitswahn.

Es ist wahnsinnig zu glauben, dass moderne Mütter (und neue Väter) all das gleichzeitig leisten könnten, was sie leisten müssten, um dem herrschenden Ideal von Vereinbarkeit zu entsprechen. Weil das zu Zeitnot und dem ständigen Gefühl von Überforderung führt. Und weil es immer mehr Menschen gibt, die an dieser Überforderung zerbrechen: Die ihre Gesundheit ruinieren, ihre Beziehungen beschädigen und ihre Kinder vernachlässigen.

Fast alle träumen davon, später mal eine Familie zu gründen und haben doch panische Angst vor den anstrengenden Aufgaben, die sich in der Rush Hour des Lebens drängen: Mr. oder Mrs. Right finden, sich rührend um die eigenen Kinder kümmern, zwei Karrieren voranbringen, wenn nötig, sogar umziehen und pendeln. Geht das? Ja, aber nur, wenn man der richtige Typ dafür ist. Und wenn man die richtigen Bedingungen hat.

3.

Das totale Outsourcing von Erziehung ist nicht des Rätsels Lösung.

Mehr Krippen, Ganztagskindergärten und -schulen. Ja, wir brauchen das alles, um unsere modernen Leben auf die Reihe zu bekommen. Wir brauchen Hilfe und professionelle Helfer. Die Zeiten des Mutti-muss-alles-alleine-Machen sind zum Glück vorbei. Aber dennoch darf nicht so getan werden, als wäre das totale Outsourcing von Erziehung schon des Rätsels Lösung. Denn was ist mit dem ursprünglichen Bedürfnis von Eltern und Kindern nach Verbindung und gemeinsam verbrachter Zeit? Wir brauchen diese Zeit, um keine Gesellschaft von Egomanen, emotionalen Krüppeln und entfremdeten Einzelkämpfern zu werden.

4.

Wir brauchen ein neues Lebensmodell für Mütter und Überzeugungsväter: das Nacheinander-Prinzip.

In den letzten fünfzig Jahren haben wir 15 Jahre Lebenserwartung gewonnen. Und das ändert alles. Eigentlich haben wir genug Zeit, wir müssen sie nur besser aufteilen und unser Leben in Phasen denken.

Genau dieses Leben in Phasen meine ich mit dem Nacheinander-Prinzip: Nach einer guten Ausbildung im Beruf durchstarten, nach einer gelassenen Familienphase die kraftvolle Rückkehr in die Arbeitswelt! Und das mit der Aussicht, noch zwanzig, manchmal vierzig Jahre für die berufliche Selbstverwirklichung vor sich zu haben.

"Das Nacheinander-Prinzip"

Eva Corino: "Das Nacheinander-Prinzip - Vom gelasseneren Umgang mit Familie und Beruf" ist im Juni 2018 im Suhrkamp-Verlag erschienen. 287 Seiten, 16,95 Euro.

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Viele Mütter stehen heute, wenn ihr letztgeborenes Kind die Pubertät erreicht, erst in der Mitte ihres Lebens. Das heißt, dass ein ganzes Frauenleben heute nicht mehr in der Mutterrolle aufgehen kann. Und dass wir die Lebensphase, in der wir Eltern von kleinen Kindern sein können, wieder mehr ausschöpfen sollten.

Und so kann es gehen: Sich Qualifikationen zulegen, die wirklich gefragt sind – und immer die Frage im Kopf behalten: Wie werde ich eine knappe Ressource? In den Jahren des Berufseinstiegs richtig reinhauen und ausnutzen, dass man als noch jung und flexibel ist: No attachment, no obligation. In der Familienphase die intensive Zeit mit den Kindern genießen. Und sich nicht verrückt machen lassen von beruflicher Torschlusspanik: Es gibt genug Tore, die offen bleiben.

Und: Beim Wiedereinstieg anknüpfen an das, was in Studium und Beruf vor der Familiengründung gelernt wurde. Den eigenen Qualifikationen einen zeitgemäßen Spin geben. Darauf vertrauen, dass man mit etwas Mut, Phantasie und gezielter Weiterbildung selbst nach langen Familienphasen wieder ins Geschäft kommt.

5.

Aktuelle Entwicklungen fördern das Nacheinander-Prinzip.

Frauen sind heute tendenziell besser ausgebildet als Männer und verfügen vor der Familiengründung schon über Berufserfahrung und ein tragfähiges Netzwerk. Die Betreuungsinfrastruktur wird ausgebaut, die Rollenflexibilität der Männer nimmt zu.

Die demographische Krise sorgt für eine zunehmende Knappheit auf dem Arbeitsmarkt, für Fach- und Führungskräftemangel. Dies macht es für Staat und Unternehmen lukrativ, sich als „familienfreundlich“ zu präsentieren und in den Wiedereinstieg von qualifizierten Mitarbeiterinnen zu investieren.

Jobsharing, Mobiles Arbeiten und Home Office sind keine Notlösungen mehr, sondern ein vielversprechender Teil der digitalen Arbeitswelt. Das erlaubt einer wachsenden Zahl von Eltern, zu Hause zu arbeiten, in der Nähe ihrer Kinder und im Einklang mit den Lebensrhythmen ihrer Familie.

Die klügsten Köpfe in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft haben längst verstanden, dass sie mehr Zeit, Geld und Angebote für Weiterbildung bereitstellen müssen. Dass es möglich sein muss, nach Familienphasen auf interessante Stelle zurückzukehren. Dass es heute kein Problem ist, diverse Karrieren auch im Alter zwischen 40 und 50 anzufangen und zu beschleunigen.

Diese günstigen Entwicklungen müssen wir ergreifen und politisch flankieren: Nur so können wir uns auf den Weg in die wiedereinstiegsfreundliche Gesellschaft der Zukunft begeben.


Gerechtigkeit

Lachen oder weinen? Die WM zu Gast beim Autokraten

14.06.2018, 13:35

Darf man (mit) Putin feiern?

Russland lädt zum Fußballfest – und die Welt ist zu Gast bei einem Autokraten. Mit dem ersten Spiel zwischen Russland und Saudi-Arabien startet am Donnerstagnachmittag die Fußball-Weltmeisterschaft 2018. 

Es wird ein riesiges Event. 64 WM-Spiele werden in zwölf russischen Stadien stattfinden, die in vier unterschiedlichen Zeitzonen liegen. (Hier kannst du die Spiele kostenlos streamen.)

Im Luschniki-Stadion in der Hauptstadt Moskau wird sowohl das Eröffnungsspiel wie auch das Finale gezeigt. 

Auf der Tribüne sitzt dann: Russlands Präsident Wladimir Putin.