12.05.2018, 10:28 · Aktualisiert: 23.05.2018, 13:32

"Das ist eine sehr konservative Klientel, ich glaube nicht, dass das passt," sagt eine Sachbearbeiterin einer jungen Frau, die sich über eine Ausbildung im Steuerwesen informieren will.

Die junge Frau interessiert sich für die Bundeswehr und hofft, bald verheiratet zu sein. Aber mit "konservativ" waren natürlich nicht ihre Werte gemeint. Nach denen hatte die Sachbearbeiterin ja nicht gefragt. Denn die junge Frau ist eine Transfrau und was "nicht passt" war der Fakt, dass sie mitten in ihrer Transition steckte.

Zur Person

Lex Marmor heißt eigentlich anders und verwendet im Alltag zwei unterschiedliche Vornamen, einen Männer- und einen Frauennamen. Hier schreibt Lex, was das bedeutet: im Alltag, in der Liebe und bei der Arbeit. 

"Für diesen Beruf müssen Sie in ihrer Persönlichkeit sehr gefestigt sein, um den Stress bewältigen zu können", sagte ihr wenig später eine Finanzberaterin. Die Person, von der ich spreche, hat sich das ohne Kommentar angehört, statt den Raum zu verlassen oder der Beraterin ihre Unterlagen vor die Füße zu werfen.

Das zeugt von mehr Stressresistenz und Charakterstärke, als ich sie in so einer Situation hätte. Aber gemeint waren wohl ihre Bartstoppeln und die tiefe Stimme – und denen war und ist es leider egal, dass sie die Persönlichkeit einer jungen Frau zieren.

"Beim Zugang zum Arbeitsmarkt und bei Karrierechancen werden Transpersonen benachteiligt. Sie sind deutlich häufiger von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen", stellt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes anhand einer Studie der Europäischen Grundrechteagentur fest.

Jede transgeschlechtliche oder genderqueere Person, die ich kenne, kann ein Ereignis aus ihrem Leben schildern, das dies bestätigt. Jobsuche bedeutet, sich zu präsentieren: beim Lebenslauf, im Anschreiben, beim Vorstellungsgespräch. Kaum jemand mag das. Aber genderqueere Personen haben es besonders schwer – und das nicht nur, wenn der Name auf alten Dokumenten nicht mehr zu der Person zu passen scheint, die sich vorstellt.

Was "nicht passt" war der Fakt, dass sie mitten in ihrer Transition steckte

In den meisten Bewerbungsgesprächen entscheidet bei uns weder die fachliche Qualifikation noch die Person, die sich vorstellt. Es geht nur darum, an welchen Stellen des Berufslebens unsere Identität angeblich ein Problem für unser Gegenüber sein kann.

Ich kann mir keine Firma vorstellen, die gut ausgebildete und selbstsicher auftretende junge Männer als Risiko für ihr Business ansieht. Nur, wenn sie plötzlich zarte Gesichtszüge und mit 25 noch immer keinen Bart haben und ihre Meinung in einer Stimme artikulieren, die noch nicht von Testosteron gebrochen wurde – dann schrillen in der Personalabteilabteilung offenbar die Alarmglocken.

Wer weiß, ob der überhaupt die Kartons aus dem Lager tragen kann, was? Genauso gilt eine 1,85 Meter große Frau mit langem Haar und Etuikleid normalerweise nicht als Kundenschreck. Aber was, wenn sie breite Schultern und einen sichtbaren Adamsapfel hat?

Selbst Unternehmen, die sich vielsagend damit schmücken, dass sie auch für "solche" Leute "aufgeschlossen" seien, ließen sie wohl kaum im Vertrieb arbeiten. Wer nicht weiß ist, hat es noch schwieriger – wahrscheinlich, weil da jemand Angst hat, die Person könnte Dauergast beim Betriebsrat sein.

So wird Transsein zum Stigma – was es eigentlich gar nicht sein müsste – und Transmenschen stehen als unprofessionell da oder werden in alternative Berufe gedrängt, in denen solche Zwänge nicht gelten.

Durch die Medien wird dieses Bild noch verstärkt. Als wären wir alle Paradiesvögel! Wir arbeiten als Programmiererinnen, Verkäufer, Soldatinnen oder Buchhändler – aber zu sehen sind wir fast nur als Influencer, YouTuber, Models oder Aktivistinnen, und die treten oft schrill auf.

Die Folge: Unter transgeschlechtlichen Menschen ist die Arbeitslosenquote drei- bis viermal so hoch wie unter der Gesamtbevölkerung, in deren Land sie leben. In Staaten mit geringer sozialer Mobilität wie Brasilien und Thailand sind viele von uns zur Sexarbeit gezwungen, um sich ernähren zu können – und das trägt ungewollt weiter zur Stigmatisierung als "anrüchig" und "unqualifiziert" für andere Berufe bei.

Transsein wird zum Stigma – was es eigentlich gar nicht sein müsste

Doch auch, wer eine Arbeit ergattert hat, ist damit nicht seine Sorgen los: Drei von vier transgeschlechtlichen Menschen haben – je nach Herkunftsland – am Arbeitsplatz Belästigungen ertragen müssen, also Spötteleien oder soziales Ausgeschlossensein, offene Anfeindungen oder gar Nachstellungen und sexuelle Übergriffe.

Vor allem vor dem Coming-Out oder zu Anfang der Transition ist man dafür besonders verletzlich. Viele halten den sozialen Druck irgendwann nicht mehr aus und kündigen – wir sind am Anfang der Spirale angekommen. Kein Wunder, dass viele von uns mit einem Coming-Out warten, bis sie in fortgeschrittene Positionen gelangt sind, oder versuchen, ihre Identität am Arbeitsplatz zu verbergen.

Die junge Frau, von der ich euch erzählt habe, arbeitet heute wirklich in einer Steuerkanzlei. Regelmäßig muss sie Kunden am Telefon erklären, dass sie nicht Herr, sondern Frau Soundso ist – nachdem sie Namen und Anrede gesagt hat. Immer wieder.

Aber wer sagt schon Nein zu einer unbefristeten Festanstellung in einem "seriösen" Beruf? Dass ihre Kollegen sie am ersten Tag mit der vermeintlich subtilen Frage "Ist das ein Männer- oder ein Frauenname?" begrüßten und sie zwölf Stunden am Tag nichts trinkt, um während der Dienstzeit nicht aufs Damenklo zu müssen – geschenkt.


Gerechtigkeit

Armin ist Jude, Ozan Muslim: Wie funktioniert diese Freundschaft?

11.05.2018, 18:08 · Aktualisiert: 12.05.2018, 16:46

Was zeichnet diese Beziehung aus, mit welchen Problemen sehen die zwei sich konfrontiert?

Armin und Ozan sind seit 2014 befreundet. Sie gehen ins Café, ins Theater oder kochen füreinander. Sie wären Freunde, wie alle anderen auch, doch sie sind besonders: Armin ist Jude, Ozan Muslim. Wie funktioniert eine Freundschaft zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Religionen? Was zeichnet diese Beziehung aus, mit welchen Problemen sieht sie sich konfrontiert? Hier erzählen zwei über eine Freundschaft, von denen viele sich nicht vorstellen können, dass sie überhaupt existiert. 

Wer spricht?

Armin Langer ist Jude, er lebt in Berlin, ist 27 Jahre alt und hat jüdische Theologie studiert. Er arbeitet als freier Autor, Redner und hält vor allem Vorträge über Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. In seinem Buch "Ein Jude in Neukölln" erzählt er von seinen Erfahrungen und einem friedlichen Miteinander zwischen den Religionen.

Ozan Keskinkilic ist Muslim. Er ist 28 Jahre alt, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Alice Salomon Hochschule in Berlin und unterrichtet dort unter anderem über Rassismus und Migration. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Antisemitismus und Antimuslimischem Rassismus.