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Bild: Tamaz Georgadze

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Abitur mit 12, Diplomat mit 15: Heute gilt Tamaz Georgadze als Start-Up-Star in Berlin

20.01.2016, 10:52 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Wie hat er das geschafft?

Ist das eine sehr subtile Form von Selbstbewusstsein? Oder sieht Tamaz Georgadze seinen Weg vom Wunderkind aus dem georgischen Kutaissi zum Berliner Start-Up-Star tatsächlich als eine quasi logische Abfolge intellektueller Herausforderungen, die er suchte, weil sie ihn eben interessierten?

Eine Geschichte, die der 37-Jährige Zug um Zug runtererzählen kann, in einem Biocafe in Prenzlauer Berg, nahe seiner Wohnung mit murmelnder Stimme und ohne großen Spannungsbogen. Weil sie gar so spannend ja wohl auch nicht ist.

Die zweite Version ist wohl die richtige. Georgadze ist Schachspieler. Ein ruhiger Analytiker, der Zug für Zug denkt. Mit dreieinhalb Jahren lernte er das Spiel von seinem Onkel, einem georgischen Großmeister. Mit fünf spielte er so erfolgreich Turniere, dass man zugunsten einer Schachkarriere fast auf seine Einschulung verzichtet hätte, "in der Sowjetunion gab es das". Der junge Tamaz wollte, die Eltern nicht.

Wegen seines Schachtalents wäre Georgadze fast nicht eingeschult worden

Wegen seines Schachtalents wäre Georgadze fast nicht eingeschult worden (Bild: Tamaz Georgadze)

Also Schule. Russische Schule, "als einziger Vollblut-Georgier". Trotz Unterricht in fremder Sprache habe er rasch Klassen übersprungen, "relativ randomly, 3.,5.,7.,10.". Abitur machte er mit 12.

Nächster Zug, nächste Herausforderung: Für sein Ökonomie-Studium musste die Mutter mit nach Tiflis ziehen, drei Jahre später hatte er den Master. Das war 1993. Der Ostblock war zerfallen, Georgien kämpfte einen blutigen Unabhängigkeitskrieg mit Russland.

Und Georgadze? Der nun 15-Jährige trat einen Job im von kommunistischen Kadern bereinigten Außenministerium an, verfasste Briefe im Namen des neuen Präsidenten Eduard Schewardnadse, eine lebende Legende wegen seiner Rolle als sowjetischer Außenminister während der deutschen Wiedervereinigung.

Die Andersgründer

In Start-ups zählen nur die beste Idee, das smarteste Gründerteam und die schnellste Umsetzung? Leider nicht. Gerade in Deutschland ist die Gründerszene von Anwaltssöhnen und Edel-BWLern dominiert, für die das eigene Unternehmen nur der coolere Weg zur ersten Million ist. Doch es gibt auch die anderen: Die Gründer, die sich mit dem eigenen Unternehmen nach oben gearbeitet haben: Die Andersgründer.

Für umgerechnet 20 bis 30 Euro im Monat arbeitete er mit, das junge Land überhaupt auf die diplomatische Landkarte zu bringen - und nicht gleich wieder von dort verschwinden zu lassen. "Es war eine dunkle Zeit, reine Perspektivlosigkeit", erzählt Georgadze heute. Wer konnte, verließ Georgien, die anderen litten unter dem Zusammenbruch der Währung, der Mangelwirtschaft und dem Krieg.

Sein Alter sei selten ein Thema gewesen: "Ich habe mich immer mehr daran gewöhnt, unter Älteren zu sein. In der Schule waren es drei, vier Jahre, hier eben zehn oder fünfzehn." Und nein, der US-Präsident habe wohl nie erfahren, dass mancher Brief der georgischen Regierung von einem Teenager verfasst worden war.

Nach einem Jahr Außenamt zog Georgadze weiter. Für die Promotion kamen Großbritannien oder Deutschland in Frage. "Ausschlaggebend war die Sprache", sagt er. Englisch konnte er schon, "es war die letzte Möglichkeit, eine neue Sprache zu lernen". Dachte er. Mit 16. Also: Gießen.

Der US-Präsident habe wohl nie erfahren, dass ein Teenager manchen Brief der georgischen Regierung verfasst hatte
Tamaz Georgadze, mit 15 arbeitete er im georgischen Außenministerium

Die ersten zwei Wochen kam Georgadzes Vater mit, etwa um für seinen Sohn, den minderjährigen Doktoranden, ein Konto zu eröffnen. "Zum ersten Mal war ich auf mich allein gestellt, mit Heimweh und allem." Im Studentenwohnheim habe er aber bald Freunde gefunden, erzählt er. Das mit dem Altersunterschied kannte er ja schon.

2001 hatte er seinen Doktor, in seinem zwischendurch begonnenen Jurastudium stand er vor dem ersten Staatsexamen. Der Tipp eines Kommilitonen brachte Georgadze auf einen Workshop bei der Unternehmensberatung McKinsey. Er habe nach einem Praktikum gefragt und einen Job bekommen, erzählt er.

Zehn Jahre lang beriet er dort deutsche und osteuropäische Banken, "eher als Hobby" auch Geldhäuser und die Regierung Georgiens und stieg zum Senior Partner auf.

Irgendwann aber machte ihn die Arbeit für McKinsey nicht mehr glücklich. "Zu sozialistisch" nennt Georgadze die als Kapitalistenladen verschrieene Consultingfirma. Prestige für erfolgreiche Projekte sei gleichmäßig verteilt worden, es habe die Chance gefehlt, sich selbst etwas zu beweisen. "Wenn ich nochmal etwas Neues anfange, dann jetzt", habe er sich gedacht.

Tamaz Georgadze heute: Sein Unternehmen hat eines der originelleren Geschäftsmodelle in Berlin

Tamaz Georgadze heute: Sein Unternehmen hat eines der originelleren Geschäftsmodelle in Berlin (Bild: bento)

Anfang 2014 gründete er mit zwei Ex-Beraterkollegen Weltsparen. Sein Start-Up vermittelt die Ersparnisse deutscher Privatanleger nach Bulgarien oder Portugal, wo Banken deutlich höhere Zinsen zahlen. Durch die europaweite Einlagensicherung ist Kunden das Geld selbst im Fall einer Bankenpleite garantiert.

Trotzdem musste Georgadze seine Begabung zur Seelenruhe schon wenige Monate nach der Gründung unter Beweis stellen. Im Juni 2014 gerieten zwei Banken, an die Weltsparen Einlagen vermittelte, in den Strudel der Eurokrise. "Ich habe mehrere Nächte kaum geschlafen", erzählt er heute. Beide Banken überlebten, keiner seiner Kunden verlor sein Geld. In der Kritik ist das Geschäftsmodell von Weltsparen dennoch bis heute.

In jedem Fall aber hatte der Georgier eine der originelleren Ideen im vom Copycat-Denken geprägten Berliner Start-Up-Kosmos – schon weil sein Geschäftsmodell in den USA wenig Sinn ergäbe: Weil im Eurokrisen-Europa gleichzeitig deutsche Sparer unter Niedrigzinsen und südeuropäische Banken unter Kapitalmangel leiden, floriert sein Unternehmen.

Anfang 2016 will Georgadze eine Milliarde Euro vermittelt haben, 20 Millionen Euro sammelte seine Firma im August 2015 von Investoren ein. Das einstige Schachtalent, der Musterschüler und Ex-Berater ist nun ein Star der aufstrebenden Fintech-Szene.

Nur eines ist er nicht mehr: der Junior. In einer Branche, in der Endzwanziger weltbekannte Firmen führen, zählt Georgadze mit 37 zu den Älteren. Zum ersten Mal in seinem Leben.

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