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"Kein Internet, kaum Strom, aber eine Deadline": Was junge Gründer in Gaza erleben

04.01.2016, 10:29 · Aktualisiert: 03.12.2016, 17:33

Eine Start-up-Szene in Gaza? Ja, die gibt es. Wir haben mit jungen Existenzgründern gesprochen – per Skype, da eine Ausreise fast unmöglich ist, und vor 17 Uhr, denn danach wird der Strom abgeschaltet.

Maktabi

Was? Ein Airbnb für Gewerbeimmobilien

Wer? Fadel Abukaresh, 27, IT und Software Ingenieur

Wie bist du auf die Idee für Maktabi gekommen?

Ich habe nach einem Büro gesucht und gemerkt, dass es keine ordentliche App für gewerbliche Immobilien gibt.

Also hast du dein eigenes Unternehmen für Gaza City gegründet?

Nein, in Gaza gibt es keinen Markt dafür, es geht immer um den ganzen Nahen Osten. Angefangen haben wir im Libanon.

Wie sind deine Erfahrungen als Unternehmer in Gaza?

Man braucht außerhalb von Gaza Freunde und Geschäftspartner, die finde ich über das Internet. Und man braucht Geld, wie überall.

Habt ihr genug?

Wir haben uns bei einem Start-up-Pitch in Jordanien gut geschlagen und gerade 75.000 Dollar von einem Investor aus dem Westjordanland bekommen.


Gaza Sky Geeks unterstützt Start-ups in Gaza. An einem Wochenende treffen sich die Teilnehmer zu einer Konferenz

Gaza Sky Geeks unterstützt Start-ups in Gaza. An einem Wochenende treffen sich die Teilnehmer zu einer Konferenz (Bild: Magic Lens for Mercy Corps)

Wie einfach ist es eigentlich, in Gaza Mitarbeiter zu finden?

Sehr einfach, es gibt viele gut ausgebildete Leute, wir haben die Stelle in sozialen Medien und auf dem Portal jobs.ps ausgeschrieben, es haben sich mehr als 50 Bewerber gemeldet. Wobei viele Angst haben, für ein Start-up zu arbeiten, weil es hier keine Start-up-Kultur gibt. Daher verlangen sie als Sicherheit mehr Geld, das wir wiederum nicht bezahlen können.

Konntet ihr im vergangenen Jahr während des Gazakrieges arbeiten?

Wir mussten, sonst hätten wir ja alle Kunden verloren! Es war verrückt. Kein Internet, kaum Strom, aber eine Deadline für eine App. Ich musste bei Raketen und Beschuss in den Norden gehen, um die App abzuholen, weil sie nicht elektronisch übermittelt werden konnte, der Entwickler hatte keinen Strom. Völlig abgedreht.

Was sind aktuell die größten Schwierigkeiten?

Reisen und Strom. Die Grenze zu Ägypten ist geschlossen, und mit Israel ist es schwierig. Wir haben acht Stunden Strom, und die Generatoren stehen nicht überall – und die sind außerdem super laut.

Was schließt du als erstes zum Aufladen an?

Handy und Computer – und meine sechs Powerbanks für die Zeit nach 17 Uhr.

Salam, Dalia und Abeer (von links) entwickeln eine App

Salam, Dalia und Abeer (von links) entwickeln eine App

Dietii

Was?

Eine App für Araberinnen, die sich gerne gesünder ernähren oder abnehmen möchten.

Wer?

Salam Dalloul, 22, studiert Software Ingenieurwesen, aus Gaza City

Abeer Elshaer, 22, studiert Software Ingenieurwesen, lebt im Maghazi Camp

Dalia Shurrab, 35, Ärztin, Business Administration und Medienexpertin aus Khan Yunis

Ihr seht aus wie Freundinnen, dabei seid ihr Geschäftspartnerinnen. Woher kennt ihr euch?

Wir haben uns im Start-up-Büro kennen gelernt und auch hier zusammen unsere Idee entwickelt. Vor einem halben Jahr wussten wir noch nicht mal, was ein Start-up überhaupt ist. Jetzt haben wir unser eigenes Produkt, also fast.


Junge Gründerinnen beim Gaza Sky Geeks-Wochenende, dem Start-up Accelerator in Gaza

Junge Gründerinnen beim Gaza Sky Geeks-Wochenende, dem Start-up Accelerator in Gaza (Bild: Magic Lens for Mercy Corps)

Wie wird Dietii funktionieren?

Dietii ist eine Rezeptdatenbank. Man tippt ein Gericht ein, und die App schlägt kalorienärmere Versionen vor und liefert Rezepte sowie Fotos mit. Wir hoffen, dass wir die Beta Version in sechs Wochen fertig haben.

Was sind denn bei euch die klassischen Dickmacher?

Schawarma, Hummus, Falafel, Fatta Maftool, eine Art Couscous mit Zwiebeln und Kartoffeln. Lafa natürlich, also dünnes Brot mit Olivenöl und vielen Zwiebeln und Knafe, die typische Nachspeise. Die App schlägt zum Beispiel Rezepte vor, bei denen man grillt statt frittiert oder ein Hühnchen im Ofen gart und nicht brät.

Und für die herrliche Süßspeise Knafe?

(Lachen) Dietii schlägt vor, nur zwei Löffel Knafe zu essen und danach Sport zu machen. Oder kein Hauptgericht zu essen.

Hat in Gaza jeder ein Smartphone?

Klar – und hier kocht auch jeder, denn es gibt nicht so viele Restaurants, keine Bars, und die Gastro in den Hotels ist wahnsinnig teuer.

Was sind denn die größten Herausforderungen?

Geld im Allgemeinen. Wir haben noch keinen Investor. Und wir suchen einen CTO, der das Projekt betreut, bis Abeer und Salam mit der Uni fertig sind.

MockApp

Was? App zur Projekt und Kundenverwaltung

Wer? Mustafa Dahdouh, 26, Grafikdesigner in Gaza City

Was kann deine App?

Ich mache kurz meinen Minipitch, ja? Grafikdesigner mit vielen Kunden kennen das Problem: Man muss viel kommunizieren, aber die zur Verfügung stehenden Tools sind für Designer nicht optimal. Daher bauen wir MockApp, mit dem Designer eine Art Prototyp vom Projekt anlegen und Teammitglieder ihr Feedback geben – alles ist zusammengefasst auf einen Blick zu sehen.

Wie bist du darauf gekommen?

Eigene Erfahrung. Ich arbeite seit acht Jahren als Grafikdesigner für internationale Kunden. Mein Team und ich haben Kunden aus Saudi-Arabien, Dubai und Kuweit – aber das Problem des Workflows war groß. So kam ich auf Mockapp.

Teilnehmer beim Startup Accelerator

Teilnehmer beim Startup Accelerator (Bild: Magic Lens for Mercy Corps)

Also wolltest du ein zweites Unternehmen gründen?

Erst ja, aber dann habe ich von dem Start-up-Accelerator gehört und mich vorgestellt. Im vergangenen März stellte ich die Idee dann bei der “Gaza Challenge 2015” Investoren vor.

In Gaza?

Nein, in Ramallah im Westjordanland.

Warst du da schon mal?

Nein, ich bin da zum ersten Mal überhaupt aus Gaza raus.

Was fandest am eindrücklichsten?

Ich sah Dinge, die ich sonst nur aus dem Internet kenne. Ich fing sofort an, über neue Märkte nachzudenken. Und ich fragte mich: Warum gründen wir nicht einfach ein Start-up, das die politischen Probleme löst.

Wo könnte man solche Mitarbeiter finden?

Also Mitarbeiter in Gaza sind nicht das Problem, es gibt so viele Entwickler und Ingenieure und eine hohe Arbeitslosigkeit. Meine Freunde arbeiten fast alle als Freiberufler.

Wie sind die Gehälter in Gaza?

Niedriger als in Europa, aber wir sind auch nicht Indien. Das Leben in Gaza ist ziemlich teuer.

Was ist mit Strom?

Ich habe eine große Batterie mit USB Anschlüssen gekauft, für 1000 Dollar. Wenn wir Strom haben, lade ich die Batterie auf, die dann acht Stunden hält – bei drei Laptops, Fernseher und Licht und Handys natürlich.

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