Bild: Nikita Fahrenholz

Future

Wie aus Eifersucht Erfolg wurde: die irre Gründergeschichte von Nikita Fahrenholz

04.03.2016, 06:51 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Der Gründer von Delivery Hero und Book a Tiger über seine Karriere

Alles beginnt mit glühender Eifersucht: Nikita Fahrenholz ist 19, als seine Freundin aus ihrem Sommerjob als Tänzerin in St. Tropez anruft. Sie habe sich da in jemanden verliebt.

Fahrenholz bucht den nächsten Flug von Berlin nach Südfrankreich und irrt auf der Suche nach seiner Freundin durch das Côte-d’Azur-Resort. Er sieht die Villen, die Yachten, die Sportwagen – und schließlich auch seine Freundin mit ihrem Neuen.

Ein Millionärssohn. Natürlich. Stinksauer sei die Ex gewesen, dass er einfach auftauchte, erzählt Fahrenholz heute vergnügt. Gedemütigt flog er wieder heim – aber mit einer Lektion: "Die sind hier alle so wohlhabend", habe er sich gedacht. "Wie kriege ich das auch hin?"

Nikita Fahrenholz hat es hingekriegt. Der 31-Jährige zählt zu den erfolgreichsten Start-up-Unternehmern Deutschlands. Er hat Delivery Hero mitgegründet, alleine seine Anteile daran dürften ihn zum Multimillionär machen.

Die Restaurantlieferplattform betreibt in Deutschland Lieferheld und Pizza.de, ist aber weltweit aktiv. Investoren bewerten Delivery Hero mit knapp drei Milliarden Euro. Damit zählt das Berliner Unternehmen zu den wertvollsten Tech-Firmen Europas.

Eines der ersten Lieferheld-Büros: In wenigen Jahren vom Start-up zum Milliardenkonzern.

Eines der ersten Lieferheld-Büros: In wenigen Jahren vom Start-up zum Milliardenkonzern. (Bild: Nikita Fahrenholz)

Seine Kindheit verbrachte Fahrenholz in einer 60 Quadratmeter großen Plattenbau-Wohnung. Der Junge aus Berlin-Hellersdorf, Sohn einer Einwandererin aus Russland. "Jede Wohnung sah gleich aus, das Highlight war die Fototapete im Wohnzimmer mit dem Südseestrand“, erinnert sich Fahrenholz.

Gegen die Eintönigkeit spielte er Klavier, drei bis vier Stunden am Tag. Er liebte Beethoven und Chopin, hasste Bach. Spielen musste er sie alle, in der "russischen Drillschule". Seine strengen Klavierlehrerinnen lehrten ihn Disziplin. Und nicht nur das: "Sie haben mir eine andere Welt eröffnet."

Die Andersgründer

In Start-ups zählen nur die beste Idee, das smarteste Gründerteam und die schnellste Umsetzung? Leider nicht. Gerade in Deutschland ist die Gründerszene von Anwaltssöhnen und Edel-BWLern dominiert, für die das eigene Unternehmen nur der coolere Weg zur ersten Million ist. Doch es gibt auch die anderen: Die Gründer, die sich mit dem eigenen Unternehmen nach oben gearbeitet haben: Die Andersgründer.

Der Vater hatte die Familie verlassen. Das Geld war knapp, selbst im Vergleich zu den Nachbarn – "was schon ein niedriger Maßstab war". Fahrenholz gewöhnte sich daran, zurückzustecken – und auszuteilen. Der Umgang mit manchen Nachbarskindern sei rau gewesen. "Es gab oft auf die Nase. Man musste sich durchsetzen." Die Lektionen vom Hellersdorfer Hinterhof und den Nachmittagen im Fußball-Käfig vergaß er auch als Gründer nicht.

Das Klischee des Neureichen, der es mit Protz und Statuskonsum allen zeigen will, erfüllt Fahrenholz aber nicht. Gut, zum Interview schlägt er das Borchardt vor, den High-Society-Treff in Berlin-Mitte. Doch zum Termin kommt er im Car2Go, bestellt Wasser. Fotos von Sportwagen und teuren Reisen, für die andere junge Gründer bekannt geworden sind, sucht man auf Fahrenholz’ Facebookseite vergeblich.

Nikita Fahrenholz (links im Batman-Kostüm): Die Lieferheld-Jahre beschreibt er als einzigen Rausch.

Nikita Fahrenholz (links im Batman-Kostüm): Die Lieferheld-Jahre beschreibt er als einzigen Rausch. (Bild: Nikita Fahrenholz)

Im Gegenteil: Fahrenholz kritisiert den Geltungsdrang, den er bei vielen Vertretern der deutschen Start-Up-Szene wahrnimmt: "Wenn manche Gründer auf Tech-Konferenzen groß daherreden, denke ich: Worüber erzählt ihr hier eigentlich? Ihr schwärmt vom Gründersein, dabei habt ihr noch nicht mal Erfolg." Sein Unternehmerleben sei vor allem eines gewesen: Arbeit.

Die begann direkt nach seinem traurigen Kurztrip an die Côte d’Azur. Der Abiturient Fahrenholz wollte nun BWL studieren. Er bewarb sich nicht an einer der berühmten Privatunis WHU und EBS, an denen gefühlt jeder zweite deutsche Gründer studiert hat. Sondern an der ersten Hochschule, die Google ausspuckte. Einer Fachhochschule im schwäbischen Reutlingen.

Du rennst fünf Jahre einer Karotte hinterher, wirst befördert und rennst der nächsten Karotte hinterher.
Nikita Fahrenholz

"Wenn du hier was erreichen willst, musst du ackern“, sei sein Leitsatz gewesen. "Die Topjobs werden an die ein, zwei Jahrgangsbesten vergeben".

So errang er prestigeträchtige Praktika, bei KPMG, bei einer Großbank in London – und schließlich bei McKinsey, der weltgrößten Unternehmensberatung. "Jeder Schritt war richtig scary, nichts davon war selbstverständlich für mich", sagt Fahrenholz. Doch es zahlte sich aus, noch mitten im Studium bot ihm McKinsey einen Job an. Nach dem Abschluss wurde er dort Berater.

Endlich war er da, wo er seit dem Abitur sein wollte.

Und hielt es dort kein Jahr aus.

Die Arbeit habe ihn schnell angeödet, sagt Fahrenholz. 18 Stunden habe man über Controlling-Prozesse gesprochen. Auch die Hierarchien nervten ihn. "Du rennst fünf Jahre einer Karotte hinterher, wirst befördert und rennst der nächsten Karotte hinterher."

Teilweise bin ich tagelang nicht nach Hause, ich habe im Büro geschlafen und mir frische T-Shirts bei H&M gekauft.
Nikita Fahrenholz

Über einen Freund lernte Fahrenholz kurze Zeit später die Unternehmer Markus Fuhrmann und Claude Ritter kennen. Er sollte den Businessplan für eine Essenslieferplattform schreiben, die sie in Berlin aufbauen wollten. Die drei wurden eine "Gang". Wenige Wochen später kündigte Fahrenholz bei McKinsey. "Es ging nicht mehr nur um Geld. Wir wollten etwas Großes aufbauen, aus purer Arbeit."

Die Lieferheld-Jahre beschreibt Fahrenholz als einzigen Rausch. In Meetings flogen Stühle, auf einer Party mit Investoren fiel er aus dem dritten Stock. Meistens aber arbeiteten die Gründer wie verrückt daran, ihre Firma groß zu machen. "Teilweise bin ich tagelang nicht nach Hause, ich habe im Büro geschlafen und mir frische T-Shirts bei H&M gekauft."

Nikita Fahrenholz heute: Plattenbau, McKinsey, Start-up

Nikita Fahrenholz heute: Plattenbau, McKinsey, Start-up (Bild: bento / Alexander Demling)

Die Arbeit zahlte sich aus: Von Berlin aus operiert Delivery Hero heute in 34 Ländern, hat 2500 Angestellte und könnte noch in diesem Jahr an die Börse gehen. Fahrenholz hat damit nur noch am Rande zu tun. Mit Claude Ritter verließ er die Lieferplattform im Mai 2014, um die Putzkräfte-Vermittlung Book A Tiger zu gründen. Auch ihr neues Geschäft wächst, expandiert in andere Länder. Die Lieferheld-Gründer setzen an zum zweiten Streich.

Mit seiner Freundin von einst spricht Fahrenholz heute noch regelmäßig, über seinen unseligen Tagestrip an die Cote d'Azur lachen die beiden heute, sagt er. Warum auch nicht? Für ihre Affäre muss er ihr heute eigentlich dankbar sein.