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Intensivkurs oder App – Wie lernt man eine Sprache am besten?

10.01.2016, 08:43 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

Hablar bastante bien in unos, äh, unas semanas

Ende Februar fliege ich nach Chile, um einen Freund zu besuchen. Das Problem: Ich spreche kein Wort Spanisch. Weil ich keine Lust habe, zwei Wochen stumm daneben zu sitzen und mir alles übersetzen zu lassen, fasse ich einen Entschluss: Ich will versuchen, bis Februar so viel Spanisch wie möglich zu lernen.

Anders als früher im Studium habe ich jetzt im Job allerdings wenig Zeit, um mir nebenbei eine neue Sprache anzueignen. Ich habe nur zwei Möglichkeiten: Ich kann entweder einen Intensivkurs besuchen oder mithilfe einer Sprach-App lernen.

Ich beschließe, beides auszuprobieren. Einen Monat lang mache ich den Test: Was bringt mehr, Präsenzstudium am Wochenende, für das ich Geld bezahle, oder kostenloses Selbststudium unter der Woche? Und wie viel Spanisch kann ich überhaupt innerhalb eines Monats lernen?

Hier sind meine Ergebnisse.


1. Der Intensivkurs

"Hola! Buenos días!" – Als ich am Samstagvormittag um kurz vor zehn Uhr ins Klassenzimmer stolpere, begrüßt mich Estela, meine energiegeladene Lehrerin, sofort auf Spanisch. "Morgen", murmele ich verschlafen zurück – und denke mir: "Oh Gott, die wird doch nicht gleich Spanisch mit uns reden? Es ist unser erster Kurstag!"

Meine Befürchtung bestätigt sich: Estela spricht tatsächlich von Anfang an Spanisch mit uns, und zwar fast die ganze Zeit. Ich verstehe nicht mal die Hälfte der Wörter (und das auch nur, weil ich Französisch spreche), aber dank – typisch spanischer – Handbewegungen kann ich die Bedeutung von Estelas Sätzen meist erraten.

Und auch wenn ich zwischendurch nur Bahnhof verstehe: Schon innerhalb der ersten halben Stunde gewöhne ich mich an die Aussprache spanischer Buchstaben und die Betonung spanischer Wörter. Ich höre Estela zu und bekomme das Gefühl, dass ich diese Sprache unbedingt lernen will. Einfach weil sie so schön klingt.

Den Intensivkurs "Spanisch Anfänger – A1 Stufe 1" besuchen mit mir zwölf weitere Teilnehmer; alle sind älter als ich, die meisten wollen Spanisch lernen, um sich im Urlaub besser verständigen zu können. Wir treffen uns insgesamt viermal: zweimal am Samstag und zweimal am Sonntag, jeweils von 10 Uhr bis 15.15 Uhr.

Nach jedem Kurstermin muss ich Hausaufgaben machen, wie früher in der Schule. Nur diesmal sind die Aufgaben freiwillig; niemand kontrolliert, wie viel wir zuhause lernen.

Nach jedem Kurstermin muss ich Hausaufgaben machen, wie früher in der Schule. Nur diesmal sind die Aufgaben freiwillig; niemand kontrolliert, wie viel wir zuhause lernen.

Wir lernen, uns vorzustellen, einfache Gespräche zu führen, die wichtigsten Verben zu konjugieren und von eins bis 199 zu zählen. Unsere Lehrerinnen – erst Estela, später Silvia – lassen uns Bälle und Wollknäuel werfen, würfeln und Brettspiele spielen, alles mit einem Ziel: uns zum Reden zu bringen.

Sie zwingen uns dazu, in die Mitte des Raumes zu gehen und uns mindestens drei anderen Teilnehmern auf Spanisch vorzustellen. Sie zwingen uns auch dazu, eine Familie zu erfinden und sie vor dem ganzen Kurs zu präsentieren – inklusive typisch spanischer Doppel-Nachnamen.

Manchmal erinnern die Übungen an den Englischunterricht in der fünften Klasse, aber sie sind effektiv: Ich traue mich mehr und mehr, die neue Sprache auszuprobieren, schreibe meinen lateinamerikanischen Freunden erste Sätze auf Spanisch – und freue mich, wenn sie auf Spanisch antworten.

Natürlich, manchmal nervt es mich, dass ich am Wochenende um acht Uhr aufstehen muss, um rechtzeitig beim Kurs zu sein. Und manchmal fällt es mir schwer, mich abends hinzusetzen und meine Hausaufgaben zu erledigen. Meist macht mir der Spanischkurs aber großen Spaß: Ich habe mich freiwillig entschieden, die Sprache zu lernen – und ich habe das Gefühl, wirklich voran zu kommen.

Regelmäßig, unregelmäßig, reflexiv - im Kurs lernen wir Schritt für Schritt die Konjugation spanischer Verben. Zuhause schreibe ich mir eine bunte Übersicht; mit dieser Systematik lerne ich am besten.

Regelmäßig, unregelmäßig, reflexiv - im Kurs lernen wir Schritt für Schritt die Konjugation spanischer Verben. Zuhause schreibe ich mir eine bunte Übersicht; mit dieser Systematik lerne ich am besten.

Neben Grammatik und Wortschatz bringen Estela und Silvia uns Dinge bei, die mit Blick auf meinen Chile-Trip besonders wichtig sind: Zum Beispiel, dass der Buchstabe "c" in Spanien vor "e" und "i" gelispelt, in Lateinamerika aber wie ein scharfes "s" ausgesprochen wird. Oder dass man in Spanien "vosotros" für die zweite Person Plural (ihr) verwendet, in Lateinamerika aber "ustedes" (in Spanien ist das der Plural der Höflichkeitsform "Sie").

Am Ende des Kurses kann ich mich vorstellen, ich kann sagen, wie es mir geht, woher ich komme, wo ich wohne, welche Sprachen ich spreche, was ich beruflich mache und wie meine Familiensituation aussieht. Ich kann einfache Sätze bilden und weiß, wie spanische Wörter ausgesprochen werden, wenn ich sie lese.

Ich weiß auch, dass noch viel Arbeit vor mir liegt und dass es jetzt vor allem an mir ist, mich hinzusetzen und weiter zu lernen (was bisher noch nicht so gut klappt). Aber zumindest ist ein Anfang gemacht.


2. Die Sprach-App "Duolingo"

Der erste Nachteil des Lernens per App wird mir schon bewusst, bevor ich sie überhaupt ausprobiert habe: Es gibt keine vorgegebene Kurszeit, zu der ich erscheinen muss; stattdessen muss ich mich selbst zum Üben zwingen. Eine Woche lang schiebe ich den Start meines Selbststudiums per App vor mir her: zu spät, zu müde, andere Dinge zu tun. Dann endlich lade ich eine App herunter.

Aus der Vielzahl unterschiedlicher Sprach-Apps wähle ich "Duolingo" aus. Anfangs habe ich Schwierigkeiten, den Spanischkurs überhaupt zu finden; zu Beginn meines Experiments besteht die Möglichkeit, Spanisch zu lernen, nämlich nur in der englischsprachigen Version. Dorthin gelangt man, indem man beim ersten Öffnen der App die Option "Courses taught in English" auswählt.

Als erstes lege ich mein persönliches Lernziel fest: Ich will ab sofort 15 Minuten pro Tag üben. Los geht’s: Ich muss Vokabeln zuordnen, einfache Sätze übersetzen, Gehörtes aufschreiben und Wörter nachsprechen. Erst werden Basics wie Begrüßung und Verabschiedung trainiert, anschließend lerne ich mehr zu Themenbereichen wie "Essen", "Tiere" oder "Pluralbildung".

Die App ist liebevoll gestaltet und – so mein Eindruck – sinnvoll in kleine Häppchen unterteilt; es macht Spaß, mit ihr zu lernen.

Die App ist liebevoll gestaltet und – so mein Eindruck – sinnvoll in kleine Häppchen unterteilt; es macht Spaß, mit ihr zu lernen.

Schon bei den ersten Übungen fällt mir eines auf: Wenn die "Duolingo"-Stimmen das "c" vor "i" und "e" aussprechen, klingt das für meine (ungeübten) Ohren eher wie ein scharfes "s" als gelispelt; in jedem Fall gibt es keinen Hinweis auf die unterschiedlichen Aussprachegewohnheiten in Spanien und Lateinamerika (siehe oben).

Diese Nachlässigkeit steht stellvertretend für einen – meiner Meinung nach großen – Nachteil der App: Anders als im Sprachkurs werden Regeln zur Aussprache einzelner Buchstaben sowie zur Betonung von Wörtern nicht erklärt, sondern als gegeben vorausgesetzt.

Mit Blick auf Grammatik ist das anders, zumindest in der englischen Version von "Duolingo": Hier gibt es hin und wieder kleine Boxen mit Regeln und Erklärungen – zum Beispiel zum grammatischen Geschlecht von Substantiven und den dazugehörigen Artikeln. Trotzdem: Ich habe den Eindruck, diese Regeln im Kurs systematischer gelernt und dadurch besser verinnerlicht zu haben. Vielleicht liegt das daran, dass mir dort eine Muttersprachlerin erklärte, wie ihre Sprache funktioniert.

Außerdem wird in der App nicht alles angesprochen, was für den täglichen Sprachgebrauch wichtig ist: Die spanische Verneinung zum Beispiel wird zwar geübt, die zugehörige Regel lese ich aber nirgends; das Gleiche gilt für die Konjugation der (regelmäßigen) Verben. Wer mit dem deutschsprachigen Spanischkurs übt, den es seit Kurzem gibt, muss auf die Erklärungen sogar ganz verzichten.

Wenn man auf die farbig markierten Wörter klickt, öffnet sich eine Box mit verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten. Unter "Explain" gibt es – wenn auch kurze – Erklärungen.

Wenn man auf die farbig markierten Wörter klickt, öffnet sich eine Box mit verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten. Unter "Explain" gibt es – wenn auch kurze – Erklärungen.

Nach drei Übungen beziehungsweise etwa 15 Minuten erreiche ich mein Tagesziel. Per Pushnachricht und E-Mail erinnert mich "Duolingo" daran, dieses Ziel wirklich jeden Tag zu erfüllen. Und es gibt weitere Anreize dafür, dranzubleiben: Alle Tage, an denen man sein Lernziel erreicht, werden zum Beispiel zu einem "streak" addiert. Außerdem kann man in seinem Profil Freunde hinzufügen und mit ihnen wetteifern.

Am Anfang bin ich konsequent und übe täglich; nach einiger Zeit lässt meine Motivation nach. Doch selbst wenn ich die App nicht jeden Tag nutze: "Duolingo" gibt mir die Möglichkeit, mich regelmäßig – und nicht nur am Wochenende – mit der spanischen Sprache auseinanderzusetzen, Wörter zu lesen, aufzuschreiben und zu hören.

Dank Spracherkennung kann ich mit der App auch meine eigene Aussprache trainieren. Obwohl ich mir ein bisschen albern vorkomme: Ich sitze in meinem Zimmer und spreche spanische Wörter in mein Handy.

Solange, bis die App mein "gracias" nicht verstehen will – obwohl ich mir einbilde, es genauso auszusprechen wie im Kurs (und da hat meine Lehrerin nie gemeckert). Nach fünf Versuchen gebe ich auf und klicke weiter, ohne zu wissen, was genau ich falsch gemacht habe. Ich sitze eben doch nur vor einer Maschine.

Zugegeben: Nachdem ich ein paar Tage lang keine Lust hatte zu üben, macht mir die Übersicht schon ein schlechtes Gewissen.

Zugegeben: Nachdem ich ein paar Tage lang keine Lust hatte zu üben, macht mir die Übersicht schon ein schlechtes Gewissen.

Trotz allem hat das Lernen per App einen entscheidenden Vorteil: Ich muss mich nicht aus dem Bett bewegen, um Spanisch zu lernen, und ich muss keine fünf Stunden am Stück investieren, sondern kann einfach nur 15 Minuten lang üben. Einzige Voraussetzung: Ich muss dafür sorgen, dass ich WLAN (oder genügend Datenvolumen) habe – und mich nicht ständig von WhatsApp ablenken lasse.


Fazit

Nach einem Monat bin ich immer noch weit davon entfernt, die spanische Sprache zu beherrschen. Aber immerhin kann ich einfache Konversationen führen und im Supermarkt einige der Etiketten verstehen.

Bis zu meinem Chile-Urlaub werde ich einen weiteren Intensivkurs besuchen: Das Konzept, in kurzer Zeit viele Regeln und Vokabeln systematisch eingebläut zu bekommen, hat mich überzeugt – und ich finde, es ist wert, dafür Geld zu bezahlen.

Die "Duolingo"-App werde ich weiterhin nutzen, um regelmäßig zu üben und mein Vokabular zu erweitern. Gäbe es die App nicht, täte ich das wahrscheinlich mit einem Blatt Papier. Da ich mein Smartphone sowieso immer dabei habe, kann ich jetzt auch in der Mittagspause oder in der U-Bahn lernen – und so "Duo", die Eule, glücklich machen.

Sprachkurs oder App? Der Kosten-Vergleich

Für einen Wochenend-Intensivkurs zahlt man an der Hamburger Volkshochschule 124 Euro; Studenten bekommen 50 Prozent Ermäßigung. Hinzu kommen etwa 30 Euro für die Kursmaterialien. Sprachinstitute wie das Instituto Cervantes bieten ebenfalls Intensivkurse an, die sind aber in der Regel teurer.

Für die App "Duolingo" muss man nichts bezahlen; auch im Laufe des Lernens fallen keine Kosten an. Für diejenigen, die nicht mit dem Smartphone lernen möchten, gibt es eine Desktop-Version (www.duolingo.com): Sie bietet einige zusätzliche Funktionen, zum Beispiel kann man sich Tabellen mit der Konjugation von Verben anzeigen lassen. In der englischsprachigen Version gibt es außerdem ausführlichere Erklärungen zu Grammatik und Aussprache als in der App; in der deutschsprachigen Version muss man auch hier auf Erklärungen verzichten.