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Future

Reparieren statt Wegschmeißen: Was Deutschland von Schweden lernen kann

01.12.2016, 12:00

Das 20 Euro T-Shirt hat einen kleinen Riss unterm Arm. Wo war noch gleich das Nähzeug? Oder flickt Oma das vielleicht am Wochenende? Oder doch einfach schnell ein neues kaufen?

Nein!

Mit der Wegwerfkultur soll jetzt Schluss, findet vor allem die Regierung in Schweden. Das Verbraucherministerium will dort mit zahlreichen Maßnahmen das Konsumverhalten der Gesellschaft verändern:

  • Die Mehrwertsteuer auf Reparaturen von Fahrrädern, Kleidung und Schuhen soll sinken.
  • Wer sich einen Handwerker zur Hilfe holt, um die Waschmaschine oder den Kühlschrank reparieren zu lassen, soll zukünftig weniger für die Arbeitsstunden bezahlen.
  • Im Dezember sollen diese und weitere Maßnahmen beschlossen werden. (SPIEGEL ONLINE)

In Deutschland gibt es solche Anreize noch nicht.

Dennoch denken viele darüber nach, wie sie nachhaltiger leben können, andere tun es einfach: So gibt es mittlerweile in Deutschland mehr als 200 sogenannte Repair Cafés.

In der Slideshow: Das kommt raus, wenn man Fahrräder aus dem Kopf zeichnet

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Dort kommen ehrenamtlich arbeitende Handwerker und Menschen mit defekten Gegenständen zusammen. Sie reparieren gemeinsam zum Beispiel Toaster, Wecker oder Fahrräder, statt sie gleich durch neue zu ersetzen. Die Idee dazu stammt aus Amsterdam, wo die Umweltjournalistin Martine Postma 2009 den ersten Treff dieser Art organisierte.

Auch die deutsche Stiftungsgemeinschaft "Anstiftung & Ertomis" setzt sich für einen nachhaltigen Lebensstil ein und fördert den Verbund Offener Werkstätten (Dort geht es nicht allein ums Reparieren) sowie verschiedene Reparatur Initiativen, die ähnlich funktionieren wie die Repair Cafés. 600 sind es mittlerweile.

Frank Hellberg

Frank Hellberg (Bild: Privat)

Wir haben mit dem Sozialpädagogen Frank Hellberg, 52, gesprochen. Er organisiert in Hamburg Wandsbek ein Repair Café.

Wer kommt in Ihr Café?

Das ist bunt gemischt, jung und alt. Darunter auch etwa zwölf ehrenamtliche Fachkräfte wie Elektriker oder Näherinnen, die beim Reparieren helfen.

Warum machen Sie das überhaupt?

Natürlich geht es darum, Altes nicht gleich wegzuschmeißen. Außerdem wollen wir, dass Menschen Spaß an Technik finden. Das Wichtige ist auch die Gemeinschaft: Nachbarn aus dem ganzen Viertel kommen zusammen. Die Veranstaltung findet in Hamburg-Wandsbek, in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung statt. Sie helfen mit, kümmern sie um die Bewirtung. Es gibt Crêpes und Kuchen.

Was bringen die Menschen vorbei?

Viele Elektronikgeräte wie Lampen, CD-Player, Toaster, aber auch Fahrräder und Bekleidung. Wenn jemand mit einem Flachbildschirm kommt, können auch wir nicht helfen. Die sind nämlich mit Kunststoff vergossen. Da hat die Industrie gewonnen.

Viele kommen auch, um sich eine zweite Meinung einzuholen. Sie haben einen Kostenvoranschlag von einem Handwerker bekommen und wollen sich versichern, ob sich die Reparatur noch lohnt.

Ihr Repair Café findet alle zwei Monate statt. Wie viel bringt es überhaupt?

Sehr viel, in ganz Hamburg gibt es schon mehr als zehn Repair Cafés. Auch bei uns merken wir eine Entwicklung: Als wir im November 2014 gestartet sind, hatten wir längst noch nicht so viele Reparaturen. Jetzt kommen im Schnitt etwa 80 bis 100 Menschen.

Viele ältere Menschen kommen zu uns einfach nur wegen der Geselligkeit. Die Jungen vor allem, weil sie nachhaltig leben und Ressourcen sparen wollen. Die Kinder und Jugendlichen werden diesen Gedanken weitertragen.

Was halten Sie von dem Vorschlag aus Schweden?

Das Modell aus Schweden könnte man auch auf Deutschland übertragen. Es schafft tolle Anreize, um nachhaltiger zu leben. Sinnvoll wären auch Siegel auf Geräten – ob sich etwas leicht reparieren lässt. Dann passiert es nicht, dass Menschen Flachbildschirme kaufen und sich wundern, dass man sie nicht öffnen und reparieren kann.

Die Initiative "Runder Tisch Reparatur" will die Politik in Deutschland zu mehr Förderung bewegen.

Runder Tisch Reparatur – Was ist das?

Im Oktober 2015 hat sich in Berlin der "Runde Tisch Reparatur" gegründet. Das Ziel: die Reparatur zu fördern und die Wegwerfkultur zu bekämpfen. Mit dabei sind Vertreter von Umweltverbänden, Verbraucherschützer, Vertreter aus der Industrie, Wissenschaft und Reparaturinitiativen – unter anderem die Organisation Germanwatch und der Bundesverband der Verbraucherzentrale.

Bei Politikern setzen sich die Experten für konkrete Forderungen ein, zum Beispiel: Hersteller und Händler sollen Ersatzteile besser zugänglich machen. Die Mehrwertsteuern auf Reparaturleistungen sollte auch in Deutschland gesenkt werden.


Haha

Comic: Das ist aber nicht persönlich gemeint

01.12.2016, 11:00 · Aktualisiert: 19.11.2016, 19:05