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Wie mich mein Kopftuch um ein Stipendium brachte

12.02.2016, 10:00 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

"Muslimische Feministin? Kann es nicht geben!"

Ich sitze an der Uni vor dem Büro der Dozentin und richte mein Kopftuch. Es muss gut sitzen, in wenigen Minuten habe ich ein Auswahlgespräch für ein Stipendium. Schon Tage zuvor schaute ich mir noch einmal meine Bewerbung an, informierte mich intensiv über die liberale Stiftung. Ich fühle mich vorbereitet, und doch bin ich nervös. Die Tür öffnet sich. Eine ältere Dame, Mitte fünfzig, kurze, braune Haare, schaut mich an.

SIE: [irritiert] "Oh! Das habe ich nicht erwartet!“

Sie gibt mir die Hand und bittet mich in den dunklen Raum. Ich setze mich an den Tisch, sie setzt sich gegenüber. An einer Wand steht ein großes Regel, voll mit Büchern, Ordnern und Blättern.

ICH: [verwirrt] "Was meinen Sie damit? Was haben sie nicht erwartet?“

SIE: "Ich habe nicht erwartet, dass Sie ein Kopftuch tragen“

ICH: [verwundert] "Wieso?“

Sie trinkt Tee und schaut mich an.

SIE: "Ihre Bewerbung hat einen selbstbewussten Eindruck gemacht. Deswegen habe ich nicht erwartet, dass sie ein Kopftuch tragen.“

Mir fehlen die Worte. Ich bin empört, kann es aber nicht zeigen, schließlich bewerbe ich mich um ein Stipendium. Ich versuche, meine innere Unruhe zu verbergen, lehne mich zurück und überschlage meine Beine.

ICH: [scheinbar unbeeindruckt] "Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht selbstbewusst sein kann, wenn ich ein Kopftuch trage?“

Sie serviert mir Tee. Ich nippe daran, der Tee schmeckt bitter.

(Bild: Soufeina Hamed)

SIE: [lehnt sich zurück] "Sie müssen doch zugeben, dass das Kopftuch nicht wirklich ein Symbol der persönlichen Freiheit ist. Dass Frauen sich verhüllen, weil sie sich verstecken wollen. Aus eigenem Willen oder auch mit Zwang, das kommt auf das Gleiche heraus.“

ICH: [selbstsicher] "Mein Selbstbewusstsein steht nicht im Gegensatz zu meinem Tuch. Ich wurde nicht gezwungen, ein Kopftuch zu tragen, ich trage es gern, weil es zu meiner Persönlichkeit gehört.“

SIE: "Sie möchten also als Muslima erkannt werden, obwohl Sie wissen, dass das Bild der Muslime in Deutschland nicht das Beste ist?!“

Sie schaut mich skeptisch an. Das schlechte Bild der Muslime in Deutschland also. Darüber habe ich schon so oft gesprochen.

ICH: "Ich trage das Kopftuch, weil ich gegen die Sexualisierung der Frau bin. Weil das Kopftuch von meinen weiblichen Reizen ablenkt und auf meine Persönlichkeit hinweist.“

SIE: [lächelt] "Eine muslimische Feministin also? Ach, das kann es doch gar nicht geben. Die Entscheidung es zu tragen, kommt nicht von Ihnen selbst. Sie tragen es, weil Sie es laut Ihrer Religion sollen. Weil es anscheinend besser für Sie ist. Dabei sollten sie selbst entscheiden, was gut und was schlecht für Sie ist.“

Sie nimmt wieder einen Schluck.

ICH: "Das tue ich doch! Ich trage es aus mir selbst heraus, weil ich es für richtig halte. Ich wurde nicht zum Kopftuch gezwungen. Es war meine eigene Entscheidung.“

Das beeindruckt sie offenbar nicht, sie notiert sich etwas, ich kann es nicht erkennen. Bewertet sie gerade dieses Gespräch? Und was wird sie der Stiftung über mich sagen? Wieso befragt sie mich nicht zu den aktuellen Nachrichten, der Stiftung und meinem Studium?

Fast zwei Stunden lang reden wir über muslimischen Feminismus, der für sie nicht existiert, über Islamismus und Terrorismus und immer wieder über das Kopftuch. Ich kann nicht davon ablenken. Dabei ist es für mich nur ein Tuch. Eins, das ich gern trage, das zu mir gehört. Kein politisches Symbol und auch kein Modeschmuck. Keine Unterdrückung und auch kein Zwang. Das Kopftuch ist Freiheit. Jene Freiheit, die ich mir nehme, um es zu tragen, um mich nicht rechtfertigen zu müssen. Um so zu sein, wie ich es will.

Ich verlasse den Raum und lächle verkrampft. Ich bin gekränkt.


Einige Wochen später. Ich erhalte eine E-Mail von der Stiftung. Ich werde nervös, während ich sie öffne und lese: "Ihre Bewerbung haben wir sorgfältig geprüft. Wir bedauern sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir Sie nicht in die Förderung der Stiftung aufnehmen können. Wir versichern Ihnen, dass uns die Entscheidung nicht leicht gefallen ist.“


Inzwischen hat sich unsere Autorin bei einer anderen Stiftung erneut um ein Stipendium beworben. Sie hat es bekommen.

Du hast Ähnliches erlebt? Dann schicke uns deine Geschichte.

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