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04.04.2018, 10:37 · Aktualisiert: 05.04.2018, 13:10

Vom weißen Kittel zum dicken Handschuh und Vogel auf dem Arm.

Sonne und Regen statt Neonlicht, Selbstständigkeit statt Hörsaal: Sandra, 25, war medizinisch-technische Laboratoriumsassistentin im Krankenhaus, dachte darüber nach, ins Management zu wechseln - und hat sich jetzt mit ihrem Freund zusammen Selbstständig gemacht: Mit einer Falknerei. Jetzt leben die beiden mit 15 Vögeln auf der Burg Greifenstein. Von kleinen Eulen bis hin zu Adlern, die fünf Kilo wiegen, ist alles dabei. Warum sich Sandra für die Falknerei entschieden hat und wie sie mit dem finanziellen Risiko umgeht, erzählt sie hier.

Was wolltest du werden, als du jünger warst?

Nach dem Abitur wollte ich Ärztin werden. Ich bin aber leider an dem sehr hohen NC gescheitert.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe mich dann für eine Ausbildung zur Medizinisch-technischen-Laboratoriums-Assistentin, kurz MTLA, entschieden. Das sind die Menschen, die im Labor stehen und Blut, Ausscheidungen, Haut und so weiter untersuchen. Nach der Ausbildung habe ich dann ein Jahr im Krankenhaus gearbeitet.

Das war Stress pur. Bei der Arbeit im Krankenhaus bist du immer unter Druck. Als MTLA müssen wir immer aufmerksam sein. Ein Fehler von uns führt zu falschen Ergebnissen, die möglicherweise über Leben und Tod entscheiden.

Und dazu kam der Schichtdienst. Ich hatte drei Nachtdienste in der Woche, dann einen Tag Pause und dann wieder Frühdienst. Das hat mich körperlich echt mitgenommen. Ich persönlich bin dafür nicht gemacht. Ende 2016 war für mich Schluss. Ich konnte nicht mehr und habe mich entschieden aufzuhören.

Klein aber Oho! Sandra und die Weißgesichtseule Linus.

Klein aber Oho! Sandra und die Weißgesichtseule Linus. (Bild: privat)

Wie sah dann dein neuer Plan aus?

Ich habe angefangen BWL an der Uni Köln zu studieren. Ich hatte die Idee, vom Schichtdienst ins Krankenhausmanagement zu wechseln. Ich wollte BWL mit meiner Ausbildung kombinieren.

Das war auch alles soweit in Ordnung. Das Studium lief gut und machte Spaß.

Warum hast du dich dann entschieden, etwas anderes zu machen?

"Schuld" daran war mein Freund. Der fing an, von einer eigenen Falknerei zu reden. Wir hatten schon vorher als Falkner gearbeitet. Mit 16 habe ich damit angefangen, aber nur als Hobby. Und eigentlich wusste ich immer: Das ist das, was mich glücklich macht – nur Geld verdient man damit leider wenig.

Wir haben dann einfach ein bisschen rum geträumt, das aber nicht ernst genommen. So wie man immer davon spricht: "Eines Tages wandere ich aus." Man spricht ja oft über Dinge und macht sie dann nicht.

Aber auf einmal sahen wir eine Burg, die gerade Falkner suchte. So viele Falknereien gibt es in Deutschland nicht. Schätzungsweise so um die 200. Da konnten wir nicht anders. Wir mussten uns die Burg einmal angucken und sind im Juli 2017 hingefahren.

Du bist auch ein Queraufsteiger?

Du hast einen Knick im Lebenslauf – und bist stolz darauf? Du hast dich noch mal beruflich umentschieden und machst etwas ganz anderes, als ursprünglich gedacht? Dann melde dich gern bei uns.

Und ich habe mich sofort verliebt. Der Blick über das Tal ist der Wahnsinn und das Gelände ist riesengroß.

Alles schien perfekt zu sein und ich hatte so ein Gefühl, als ich das erste Mal auf der Burg stand. Der Gedanke, dass hier jeden Tag meine eigenen Greifvögel fliegen können, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich wusste einfach, dass es das ist. Hier gehöre ich einfach hin und werde glücklich.

So fühle ich mich auch immer noch. Wenn ich hier oben sitze und über das Tal schaue, dann bin ich wirklich angekommen. Vorher war ich immer rastlos. Was will ich wirklich und wo will ich hin? Diese Fragen waren immer in meinem Kopf. Jetzt weiß ich: Hier will ich hin, das will ich und nichts anderes.

Es geht auch größer! Weißkopfseeadler Milo im Anflug.

Es geht auch größer! Weißkopfseeadler Milo im Anflug. (Bild: privat)

Was war die größte Hürde auf dem Weg?

Ganz unromantisch und klassisch: Die Bank und der Kredit. Wir sind zwei 25-jährige und wollen uns selbständig machen. Das kostet alles eine Stange Geld und birgt ein großes Risiko.

Aber um eine Falknerei zu eröffnen, braucht man um die 100.000 Euro. Das Baumaterial, der Schreiner, der uns die Hütten baut, und die Vögel – all das kostet nicht gerade wenig. Man kann einige Vögel zwar schon für 100 Euro bekommen, andere kosten 20.000 Euro. Wir brauchten also einen Kredit um unseren Traum zu verwirklichen.

Der Antrag dafür hat sich echt hingezogen. September 2017 haben wir ihn eingereicht und erst Anfang März bestätigt bekommen. Das hat uns ein halbes Jahr eine Menge Nerven gekostet.

Hattest du manchmal Angst?

"Manchmal" ist fast untertrieben. Ich sitze hier auch immer noch oft und denke: "Aber was ist, wenn es nicht funktioniert?" Diese Gedanken kamen vor allem während des Kampfes mit der Bank.

Da ist aber auch noch eine andere Stimme in mir: Ich bin 25, ich bin jung. Wenn ich es jetzt nicht riskiere, dann mache ich es nie. Dann würde ich wahrscheinlich mit 70 oder 80 zu Hause sitzen und bereuen, es nicht versucht zu haben.

Dieses Gefühl will ich auf keinen Fall haben. Da habe ich jetzt lieber Angst und finanzielle Ungewissheit kann mir am Ende aber nichts vorwerfen. Schließlich gebe ich alles, damit mein Traum wahr wird.

"Kratzer gehören dazu", meint Sandra. Etwas Schlimmeres ist ihr aber noch nicht passiert.

"Kratzer gehören dazu", meint Sandra. Etwas Schlimmeres ist ihr aber noch nicht passiert. (Bild: privat)

Wie geht’s dir heute?

Vorher gab es viel Angst und Sorgen. Aber als die Bestätigung des Kredits kam und wir endlich anfangen konnten, alles vorzubereiten, kam echte Freude auf.

Jetzt sehe ich die Hütten hier stehen und weiß: demnächst ziehen hier 15 Vögel ein. Das macht mich echt glücklich. Klar, es ist noch sehr viel zu tun. Das ist aber ein wesentlich positiverer Stress als vorher.

Hier kommen noch mehr Querulanten!

Martin Buhrmester
Privat
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Was kommt in Zukunft?

Langfristig wollen wir uns auch auf den Artenschutz konzentrieren. In Deutschland gibt es Greifvogelarten, die sehr stark bedroht sind. Da was zu machen, ist unser langfristiges Projekt.

Vielleicht fangen wir an Schleiereulen zu züchten, da brechen die Bestände immer mehr zusammen. Das wollen wir durch Nachzucht und Information ändern. Aber alles zu seiner Zeit. Im Moment steht noch die Flugshow im Vordergrund.


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