Bild: Julian Boehnert-Krueger

Future

Samuels Queraufstieg: "Der erste Tag als Foodtruck-Besitzer war ein Desaster"

11.09.2017, 11:33 · Aktualisiert: 12.09.2017, 08:41

Heute: Samuel, 30, aus Harsewinkel verkauft in den USA Bratwurst

Was wolltest du werden, als du jünger warst?

In der sechsten Klasse wollte ich unbedingt Bratwurst in den USA verkaufen. Als kleiner Junge habe ich gerne Filme über Amerika gesehen. Das Land hat mich total fasziniert. Die verschiedenen Menschen, die Weite, dass alles dort so groß ist. Bratwurst war mein Lieblingsgericht, so kam ich auf die Idee. Meine Mitschüler lachten mich dafür zwar regelmäßig aus, aber das war mir egal. Heute würde ich über sie lachen.

Queraufstieg

Irgendwann kommt sie, die Frage, bei manchen früher, bei anderen später, manche haben regelrecht Angst vor ihr: "Was willst du später mal werden?"

Es fällt schwer, das zu beantworten. Und wer eine Antwort gefunden hat, bereut sie manchmal hinterher. Weil der Arbeitsalltag in der Realität doch ganz anders aussieht. Und dann?

In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die sich beruflich umentschieden haben. Die sich getraut haben, noch mal von vorne anzufangen.

Was hast du gelernt und warum?

Als ich meinen Realschulabschluss in der Tasche hatte, wurde ich Industriemechaniker bei einem Landmaschinenhersteller in Harsewinkel. Die Entscheidung fiel mir leicht. Ich wollte erst einmal etwas Vernünftiges lernen. Ich habe ein Praktikum gemacht und fand es toll zu lernen, wie Maschinen funktionieren. 

Ich hatte zwar immer die verrückte Idee vom Foodtruck in Amerika, aber ohne genug Geld wäre ich nie ausgewandert. Ich dachte auch gar nicht, dass ich wirklich weggehen würde. Aber nachdem ich 2012 mit 25 die Meisterschule fertig hatte und dann 2015 noch immer keine Stelle als Meister bekam, habe ich mich an die Idee von früher erinnert. Da war ich 28, jetzt bin ich 30.  

Du bist keine 30, nicht verheiratet, hast keine Kinder und dein Arbeitgeber will dich nicht befördern: Jetzt oder nie!

Wieso hast du dich entschieden, etwas anderes zu machen?

Ich bin ein Träumer. Mein Leben in der ostwestfälischen Kleinstadt hat mir immer gut gefallen. Ich habe lange beim Schwarz-Weiss Marienfeld Fußball gespielt, habe dort viele Freunde. Aber mein Bruder lebt in den USA und arbeitet dort. Es reizte mich enorm, auch auszuwandern. Ich bin viel gereist, nach Neuseeland, Australien, die Philippinen. Ich habe gesehen, wie schön das ist, wenn man Sonne, Strand und Meer vor der Nase hat und wie viel bessere Laune ich an solchen Orten habe.

2015 dachte ich: Du bist keine 30, nicht verheiratet, hast keine Kinder und dein Arbeitgeber will dich nicht befördern. Jetzt oder nie! Kurz danach habe ich gekündigt. Ein mulmiges Gefühl bereitete mir mein Plan aber schon. Besonders weil ich meine Familie und meine langjährige Freundin nicht mitnehmen konnte. Ich wollte und möchte immer noch unbedingt, dass mein Plan klappt, weil ich ihr in den USA etwas bieten möchte.

Samuels Foodtruck

Samuels Foodtruck (Bild: Samuel Caklo )

Wie genau sah dein Plan aus?

Ich wollte nach Kentucky, genauer gesagt nach Louisville auswandern, weil mein Bruder dort lebte. Klar wäre Kalifornien cooler gewesen, da wollten wir eigentlich immer hin. Aber ganz ohne Kontakte in ein anderes Land auswandern, erschien mir unsinnig. Ich flog zu meinem Bruder und war heilfroh, dass er mir Freunde vorstellte und zeigte, wie das Leben in Amerika überhaupt so läuft.

Da ich aus Deutschland komme und selbst super gerne Bratwurst, Döner und Co. esse, dachte ich: Das könnte eine Marktlücke füllen. Ich fand tatsächlich in Louisville keinen Foodtruck, der deutsches Essen anbietet. Dann musste ich nur noch überlegen, welche Speisen es werden sollten. Da half das Internet weiter. Es gibt eine Liste, in der steht, welches Essen die Deutschen am meisten kaufen. Und da führen der Döner und Bratwurst. Ich dachte: Was in Deutschland läuft, kann in Amerika vielleicht auch funktionieren.

Du bist auch ein Queraufsteiger?

Du hast einen Knick im Lebenslauf – und bist stolz darauf? Du hast dich noch mal beruflich umentschieden und machst etwas ganz anderes, als ursprünglich gedacht? Dann melde dich gern bei uns.

Was waren die größten Hürden?

Bevor überhaupt irgendetwas ging, musste ich viel Papierkram ausfüllen und super viel organisieren. Ich hatte 80.000 Dollar Startkapital. Ich konnte immer viel von meinem Gehalt sparen, weil ich in Harsewinkel bei meinen Eltern gewohnt habe. Ein Investoren-Visum zu bekommen, war nicht so schwer – aber es dauerte lange.

Mein Visum kann nach zwei Jahren ablaufen, deshalb muss ich zusehen, dass ich mit meinem Laden genügend Jobs schaffe. Die Behörden wollten super viel von mir sehen: Ich musste einen detaillierten Businessplan erstellen, damit sie wussten, was ich überhaupt vorhabe.

Außerdem sollte ich den Foodtruck so gut wie fertig haben, bevor sie mir die Lizenz dafür erteilen. Doch um die Lizenz zu bekommen, musste ich mein Visum haben, eine Sozialversicherungsnummer beantragen und einen US-Führerschein kriegen. Die Behörden wollten sogar Fotos vom Truck sehen, ich musste alle meine Konten und Transaktionen offenlegen. Das hat neun Monate gedauert.

Ich wollte auch meine Familie stolz machen und mir selbst beweisen, dass dieser Traum in Erfüllung gehen kann.

Hattest du keine Angst zu scheitern?

Doch, natürlich. Es hätte ja sein können, dass die Menschen in Louisville die deutsche Küche nicht spannend genug finden. Ich wollte auch meine Familie stolz machen und mir selbst beweisen, dass dieser Traum in Erfüllung gehen kann.

Als ich ging, entschied ich mich auch dafür, meine Freundin nicht auf der Stelle zu heiraten und eine Familie zu gründen. Es war keine Entscheidung gegen sie, weil wir bald zusammen in den USA leben wollen. Aber ich hätte mich sehr geärgert, wenn die Zeit ohne einander umsonst gewesen wäre.

Wie hat sich das angefühlt?

Der Ratschlag meines Bruders, niemals aufzugeben, hat mich über Wasser gehalten. Daran musste ich denken, als der erste Tag als Foodtruck-Besitzer anstand. Das war ein Desaster. Ich war nicht gut organisiert, die Kunden mussten zu lange warten. Ich hatte den Truck geöffnet und nicht mit großem Andrang gerechnet.

Dummerweise war ein Kirchenfest in der Nähe und plötzlich war super viel los. Viele wussten aber gar nicht, was der Döner ist. Ich habe dann Probier-Portionen verteilt. Die meisten haben dann sofort etwas bestellt. Ich war unglaublich stolz und dachte: Ja! Es funktioniert!

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Wo stehst du jetzt?

Mein Imbiss wurde in kürzester Zeit zum beliebtesten Truck der Stadt auf Facebook, ich habe 1700 Likes. Ich musste dafür keine Kampagne oder so auf die Beine stellen, es reichte, dass ich dort präsent war, wo die Menschen waren: an Schulen, Büros, bei Veranstaltungen. Von Montag bis Freitag habe ich feste Plätze in der Innenstadt. Die Leute wissen, an welchem Tag ich in ihrem Viertel bin. Es gibt sogar eine Gruppe Soldaten, die von einer Kaserne immer zu mir kommen, weil sie mal in Deutschland gedient haben.

Mein Vorteil ist, dass es diese Speisen nur bei mir gibt und dass sie so schmecken wie in Deutschland. Ich habe mit einem Metzger zusammen an dem Wurst-Rezept gearbeitet und das Rezept für die Currywurst-Sauce von einem Freund aus Deutschland bekommen. Eine Bratwurst mit Sauerkraut kostet ungefähr sechs Dollar, Döner zwischen sechs und zehn Dollar.

Mittlerweile habe ich über 50 Prozent wiederkehrende Kunden, das zeigen mir die Kreditkartenbelege. Im Schnitt habe ich am Tag 70 Gäste. Die kommen immer in ihren Pausen. Zwischendurch erledige ich dann Einkäufe. Als Foodtruck-Besitzer bekomme ich kein Essen vom Großhandel geliefert.

Das klappt alles so gut, dass ich oft für private Veranstaltungen am Wochenende gebucht werde. Ich habe drei Teilzeit-Mitarbeiter, die mir helfen.

(Bild: Samuel Caklo )

Wohin soll deine Reise gehen?

Ich arbeite manchmal sieben Tage die Woche und strenge mich richtig an, aber es macht mir Spaß. Ich möchte mich nicht auf dem ausruhen, was ich geschafft habe, sondern endlich nach Kalifornien ziehen. Das haben mein Bruder und ich uns immer gewünscht. Er hat seit zwei Monaten in Los Angeles eine Stelle. Ich möchte auch dort leben. Ich lerne im Moment eine Frau an, die den Foodtruck in Kentucky übernehmen möchte.

In Los Angeles muss mein Truck noch schicker sein als der bisherige. Die Stadt ist die Hochburg der Foodtrucks. Um in L.A. mithalten zu können, muss ich auch an mir arbeiten und gut in Shape sein. Denen ist gesunde Ernährung wichtig. Ich kann mich nicht hinstellen und Bratwürste verkaufen und meinen dicken Bauch präsentieren.

Noch mehr Queraufsteiger:

Martin Buhrmester
Privat
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Und, bist du glücklich?

Ich habe noch viel vor. Aber für den Moment bin ich sehr zufrieden. So viele haben über meinen Traum gelacht und jetzt kann ich meinen eigenen Truck jeden Tag bestaunen. Wenn meine Freundin meine Frau wird, wir nächstes Jahr zusammen in Los Angeles wohnen und die Menschen dort mein Essen mögen, dann hoffe ich, richtig glücklich zu werden. Langfristig möchte ich mehrere Foodtrucks besitzen und diese als Franchise-Kette aufziehen. 


Today

So sehen die Umfragen zur Bundestagswahl nach dem TV-Duell aus

11.09.2017, 11:18

Bei den kleinen Parteien wird es spannend

Die wichtigsten Trends

Zwei Wochen vor der Bundestagswahl drehen die Institute auf: Alle sieben großen Unternehmen haben neue Zahlen veröffentlicht. Die beiden großen Parteien zählen zu den Verlierern: Die Union hat in allen sieben Befragungen verloren, in unserem etwas trägeren Modell verliert sie rund einen halben Prozentpunkt, steht aber immer noch bei rund 37 Prozent.

Die SPD hingegen hat nicht hinzugewonnen, aber das ist eben in der aktuellen Situation auch schon eine Niederlage, denn die Sozialdemokraten hätten die Lücke auf die Union mit dem TV-Duell dringend schließen müssen. Danach sieht es im Moment nicht aus: Drei Erhebungen wurden komplett nach dem Duell erfragt, in zweien blieben die SPD-Werte gleich, bei Infratest dimap ging es sogar um zwei Punkte nach unten.