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Nadines Queraufstieg: Von der Grafikdesignerin zur Erzieherin

02.03.2017, 18:00 · Aktualisiert: 03.03.2017, 08:27

Heute: Nadine, 32 Jahre

Was wolltest du werden, als du jünger warst?

Meine Mutter sagte früh zu mir: "Mach was mit Kindern, das liegt dir im Blut." Damals wollte ich aber lieber etwas "Cooles" machen. Ich hatte Lust auf Kunst und wollte kreativ arbeiten.

Was hast du gelernt?

Nach meinem Abitur habe ich eine dreijährige Ausbildung zur Grafikdesignerin gemacht und anschließend sechs Jahre in diesem Beruf gearbeitet: erst als Praktikantin in verschiedenen Agenturen, später als festangestellte Grafikerin in einer Werbeagentur. Dafür bin ich von Rostock nach Hamburg gezogen.

Am Anfang fand ich den Agenturalltag noch aufregend und cool. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, wirklich in diese Welt zu gehören. Ich konnte nie sagen: "Das ist genau mein Ding."

Queraufstieg

Irgendwann kommt sie, die Frage, bei manchen früher, bei anderen später, manche haben regelrecht Angst vor ihr: "Was willst du später mal werden?"

Es fällt schwer, das zu beantworten. Und wer eine Antwort gefunden hat, bereut sie manchmal hinterher. Weil der Arbeitsalltag in der Realität doch ganz anders aussieht. Und dann?

In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die sich beruflich umentschieden haben. Die sich getraut haben, noch mal von vorne anzufangen.

Warum hast du dich entschieden, etwas anderes zu machen?

Während der Ausbildung wurde uns beigebracht, bloß nicht starr im Kopf zu sein und verschiedene Sachen auszuprobieren. Im Berufsalltag hat sich das völlig verändert: Für eigene Ideen blieb nicht viel Platz. Darauf war ich nicht vorbereitet. Einige Kunden machen zum Beispiel Vorgaben bezüglich Schrift und Farbe.

Als meine Firma insolvent gegangen ist, habe ich mir einen Monat Zeit genommen und auf Reisen überlegt, ob ich diesen Job weiter ausüben möchte. Einen neuen Weg zu gehen, fühlte sich damals noch wie aufgeben an; schließlich hatte ich eine abgeschlossene Ausbildung, die 12.000 Euro gekostet hat, und Berufserfahrung. Ich hatte das Gefühl: Ich muss da jetzt durch.

Deshalb bewarb ich mich zunächst auf ein Grafik-Praktikum in einem Verlag. Dort ging es mir aber nicht besser. Irgendwann fiel mir kein Grund mehr ein, weshalb ich noch weiter in dem Job arbeiten sollte.

Woher wusstest du, was du wolltest?

Der Satz meiner Mutter schwirrte mir die gesamten sechs Jahre im Kopf. Ich habe den Gedanken aber immer wieder zurückgedrängt. Irgendwann wusste ich: Ich muss es versuchen. Ich dachte mir, entweder ich bin noch 40 Jahre in meinem Job unglücklich oder ich entscheide mich für einen Beruf, indem ich zwar weniger verdiene, aber viel mehr zurückbekomme.

Du bist auch ein Queraufsteiger?

Du hast einen Knick im Lebenslauf – und bist stolz darauf? Du hast dich noch mal beruflich umentschieden und machst etwas ganz anderes, als ursprünglich gedacht? Dann melde dich gern bei uns.

Was war die größte Hürde auf deinem Weg?

Ich erzählte niemanden vom meiner Bewerbung – auch meinen Eltern nicht. Am Härtesten war ihre Reaktion. Sie haben nicht verstanden, warum ich mich mit 28 Jahren beruflich noch einmal umentscheide, sie rieten mir, stattdessen einen Job in einer kleineren Agentur zu suchen.

Die Meinung meiner Eltern ist mir sehr wichtig. Konsequent zu bleiben und ihnen zu sagen: "Nein, das ist jetzt mein Ding und ich weiß, dass es das Richtige ist", war sehr schwer. Mittlerweile verstehen sie, warum ich Erzieherin geworden bin und sind glücklich, dass es mir damit so gut geht.

Schwierig war auch Finanzierung: In der Ausbildung zur Erzieherin verdient man kein Geld, ich musste aber weiter meine Miete bezahlen und meinen Lebensunterhalt bestreiten. Wenn man schon eine abgeschlossene Ausbildung hinter sich hat, verliert man den Anspruch auf Bafög. Stattdessen habe ich Meister-Bafög beantragt, eine Förderung für jene, die wie ich schon gearbeitet haben. Weil das aber nicht zum Überleben reicht, musste ich nebenher noch arbeiten. Heute habe ich 16.000 Euro Bafög-Schulden, die ich noch abbezahlen muss.

Wie geht es dir heute?

Am besten gefällt mir, dass mich morgens nicht mehr nur der Rechner anlächelt. Stattdessen warten 3- bis 6-jährige Kinder auf mich, die sich schon freuen, mich zu sehen. Man weiß morgens nie genau, was einen erwartet und muss sich jeden Tag neu auf die Kinder einlassen. Als Erzieherin bekommt man so viel zurück. Das wiegt auch auf, dass ich heute weniger als früher verdiene.

Hier findest du weitere Queraufsteiger-Protokolle.

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