17.05.2017, 17:14 · Aktualisiert: 29.06.2017, 14:59

Heute: Gustav, 24, aus Nordkirchen bei Münster

Was wolltest du werden, als du jünger warst?

Ich wollte gerne Günther Jauch 2.0 werden. Mir war ziemlich schnell klar, dass ich meine gesammelten Eindrücke mit anderen Menschen teilen will, am liebsten im Fernsehen. Ganz ehrlich: Ich hätte nichts dagegen gehabt, berühmt zu werden. Jeder fängt aber mal klein an. Ich habe die Chance bekommen, ein Praktikum bei einer Lokalzeitung zu machen, als ich 13 Jahre alt war. Danach konnte ich als freier Mitarbeiter weiter journalistische Erfahrung sammeln.

Queraufstieg

Irgendwann kommt sie, die Frage, bei manchen früher, bei anderen später, manche haben regelrecht Angst vor ihr: "Was willst du später mal werden?"

Es fällt schwer, das zu beantworten. Und wer eine Antwort gefunden hat, bereut sie manchmal hinterher. Weil der Arbeitsalltag in der Realität doch ganz anders aussieht. Und dann?

In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die sich beruflich umentschieden haben. Die sich getraut haben, noch mal von vorne anzufangen.

Was hast du gelernt?

Nach meinem Abitur im Münsterland fing ich eine einjährige journalistische Ausbildung bei einem Jugendmagazin in Dresden an. Da wurde ich total ins kalte Wasser geschmissen. Manchmal haben wir nur zu dritt in der Redaktion ein ganzes Magazin erstellt. Damals fand ich das alles ganz schön heftig, aber heute kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich wahnsinnig viel gelernt habe. Und zwar nicht nur journalistisches Handwerkszeug, sondern auch hartnäckig zu bleiben und unter Stress zu arbeiten. Trotzdem habe ich die Ausbildung nach sieben Monaten abgebrochen.

Ich war einfach enttäuscht von der journalistischen Arbeit vor Ort: zu viele Kooperationen mit Unternehmen, zu viel PR, zu wenig Ehrlichkeit. Ich fand es schade, wie stark sich dieses Medium für junge Menschen von Unternehmen beeinflussen ließ. Danach zog ich nach Hamburg in eine Zwölfer-WG für eine Hospitanz beim Zeitverlag.

Warum hast du dich dann entschieden, etwas anderes zu machen?

Ich musste leider feststellen: Die Aussichten im Journalismus sind nicht so rosig. Es gibt nur sehr wenige feste Stellen, viele arbeiten frei. Das hat mich beunruhigt. Außerdem hat es mich immer geärgert, wenn Leute zu mir gesagt haben: "Du kannst mit kleinen Kindern doch nichts Philosophisches oder Politisches besprechen." Ich wollte es selber herausfinden und habe deswegen angefangen, Grundschullehramt im Fach Philosophie für Kinder in Leipzig zu studieren. Ich fand es spannend, die Kleinen zu Wort kommen zu lassen. Die sind ein unbeschriebenes Blatt und wollen noch ganz viel von der Welt wissen.

Du bist auch ein Queraufsteiger?

Du hast einen Knick im Lebenslauf – und bist stolz darauf? Du hast dich noch mal beruflich umentschieden und machst etwas ganz anderes, als ursprünglich gedacht? Dann melde dich gern bei uns.

Woher wusstest du, was du wolltest?

Ich kann gar keinen genauen Moment nennen, in dem ich wusste: Jetzt will ich etwas ganz anderes machen. Das war mehr ein Prozess, bei dem ich Schritt für Schritt vorgegangen bin. Ich bin kein großer Fan davon, die Zukunft zu planen. Denn meistens kommt eh alles anders als gedacht. Lieber lebe ich den Moment und bleibe offen für Neues. Deswegen sehe ich meinen Weg auch mehr als Richtungsänderung, nicht als einen kompletten Richtungswechsel. Ich arbeite auch weiter als freier Autor. Aber daraus ist mehr ein Ausgleich zu meinem Beruf als Grundschullehrer geworden.

Mehr Queraufsteiger? Hier:

Martin Buhrmester
Privat
1/12

Was war die größte Hürde auf deinem Weg?

Definitiv der Zeitraum, in dem ich nicht wusste, was ich will. Diese Ziellosigkeit hat mir zu schaffen gemacht. Ich wusste nur, dass ich gerne etwas anderes machen möchte. Aber erst einmal herauszufinden, was – das fiel mir echt schwer. Meine Familie und Freunde standen mir zwar mit Rat und Tat zur Seite, aber ich wollte eine bessere Lösung finden, meine Lösung. Wir haben heutzutage so viele Möglichkeiten, da verliert man schnell den Überblick. Und dann wollte ich auch die richtige Entscheidung treffen. Ich musste erst lernen, dass es gar kein Richtig oder Falsch gibt. Dann habe ich mir gesagt: Egal, wie jetzt mein nächster Schritt ist, irgendetwas wird daraus entstehen. Und so bin ich einfach meinem Gefühl gefolgt und bin am Ende im Hörsaal in Leipzig gelandet. Ich glaube, dass man an so einen Schritt einfach nicht zu verkopft herangehen darf. Keine Entscheidung ist für immer.

Wie geht es dir heute?

Mir geht es super. Kinder sind prima Philosophen, so direkt und selbstsicher. Sie hinterfragen einfach noch alles und entscheiden aus ihrem Gefühl heraus. Da kommen manchmal ganz banale Wahrheiten und große Erkenntnisse bei raus – das macht mir unheimlich Spaß. Rückblickend war es also die richtige Entscheidung, auch wenn ich mir in dem Moment gar nicht so sicher war. Seitdem habe nicht mehr so ein großes Bedürfnis, meine Situation und meine Zukunft zu kontrollieren. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich jetzt im Rahmen eines freiwilligen Projekts in Rumänien Deutsch als Fremdsprache unterrichte. Es kommt einfach eins zum anderen und das ist super so. Hauptsache man hat Spaß an dem, was man tut.


Fühlen

Wer warten kann, ist erfolgreicher – und glücklicher

17.05.2017, 17:02 · Aktualisiert: 17.05.2017, 17:18

Vier Monate hat es gedauert, bis ich begriffen habe, dass diese eine Mail nicht kommen würde. In der Zwischenzeit habe ich gearbeitet, Urlaub gemacht, wieder mit dem Laufen angefangen, Nagellack aussortiert – was man eben so macht, wenn das Wartegefühl nicht zu viel Platz im Leben bekommen soll. Trotzdem dachte ich täglich an diese eine Mail und wurde beinahe wahnsinnig.