09.02.2018, 11:05 · Aktualisiert: 09.02.2018, 12:07

Unzählige Überstunden, unterirdische Bezahlung, extreme Belastung: Der Pflegeberuf steht wie kaum eine andere Branche für vieles, was am deutschen Arbeitsmarkt schief läuft. Die Probleme sind schon lange bekannt, trotzdem ändert sich kaum etwas.

Eine neue Regierung könnte die Arbeitsbedingungen verbessern. Doch SPD und CDU haben sich im Koalitionspapier in diesem Punkt sehr zurückgehalten (SPIEGEL ONLINE). Dabei müsste die Politik nur eines tun: den Beschäftigten im Pflegebereich zuhören.

Sie berichten von abenteuerlichen Bedingungen und wissen am besten von allen, was sich ändern müsste. Wir haben mit einigen von ihnen über die Schwierigkeiten ihres Jobs gesprochen, warum sie trotzdem weitermachen – und was sie sich von der Politik wünschen.

Anna, 25, Altenpflegerin aus Hannover

Anna

Anna (Bild: privat)

In welchen Momenten hättest du am liebsten alles hingeschmissen?

"Es gibt so viele. Bei einem ambulanten Pflegedienst habe ich mal einen jungen Mann betreut, der schwer krank war. Die Arbeit war vor allem psychisch anspruchsvoll. Normalerweise gibt es für Pflegekräfte in solchen Fällen Supervision und Teamgespräche. Aber das ging aus Zeit- und Geldmangel nicht. Irgendwann wurde die Belastung zu viel. Ich konnte nicht mehr und bin nach einem Einsatz völlig zusammengebrochen.

Wenn man es doch mal wagt, zu sagen, dass es einem zu viel ist, dann heißt es: 'Reiß dich zusammen und gewöhn dich schon mal dran.'"

Warum machst du trotzdem weiter?

"Inzwischen habe ich zum Glück einen Arbeitgeber, bei dem es etwas besser läuft. Aber hauptsächlich sind die zu Pflegenden der Grund. Ich fühle mich ihnen gegenüber verantwortlich. Die Leute sind sehr dankbar und ich nehme aus den Begegnungen viel mit.

Wichtig ist auch das Team: Gerade unter widrigen Umständen hält man zusammen. Wir versuchen immer, trotzdem irgendwie miteinander Spaß zu haben."

Wenn du dir eine Sache von der neuen Regierung wünschen könntest: Was wäre das?

"Einen gesetzlich vorgegebenen Personalschlüssel für jede Art von Pflegeeinrichtung – nicht nur eine Personaluntergrenze, wie es jetzt im Gespräch ist. Es muss endlich anerkannt werden, dass man pro Patient oder Bewohner eine konkrete Anzahl Pflegekräfte braucht. Und wenn das nicht eingehalten wird, müssen Betriebe gesperrt werden."

Maik*, 37, Altenpfleger aus Thüringen

Du hast den Beruf mehrmals verlassen, wolltest eigentlich nicht mehr Pfleger sein. Warum?

"Ein Pflegeheim war besonders schlimm. Da könnte ich sehr viele Geschichten erzählen. Einige davon habe ich getwittert, wie diese hier:

Nachts war ich dort allein mit den Bewohnern. Einmal ist ein Mann im Dachzimmer verstorben und ich konnte ihm nicht helfen, weil ich mich gleichzeitig um alle anderen kümmern musste. Er hatte sich erbrochen, hatte Durchfälle. Ihm ging es hundeelend – und ich musste ihn da liegen lassen.

Manchmal war auch bei mehreren Bewohnern die Kanüle zum Atmen verstopft und ich musste entscheiden, wem ich zuerst helfe, während die andere Person fast erstickt.

Ich war da komplett in der Hölle. Ich fühlte mich komplett überfordert und hilflos. Das ging physisch und psychisch an die Substanz – und zwar über Jahre hinweg. Als ich mich irgendwann bei der Heimleitung beschwert habe, hatte ich direkt am nächsten Tag die Kündigung im Briefkasten."

Ich war komplett in der Hölle
Maik, 37

Warum bist du trotzdem in dem Beruf geblieben?

"Bin ich eigentlich nicht: Ich hatte den 'Pflexit', also den Austritt aus dem Beruf, schon hinter mir. Ich war zum Jobcenter gegangen und hatte gesagt, dass ich nicht mehr kann. Deren Antwort: 'Ah ja, es kommen jede Woche Pflegekräfte zu uns, denen es genau so geht'.

Ich bekam eine Umschulung für den IT-Bereich, fand dann aber keinen Job, weil ich in einer sehr ländlichen Gegend wohne und es hier nicht so viele Möglichkeiten gibt. Bevor ich in Hartz IV gerutscht wäre, ging ich doch wieder in die Pflege.

Der Job hat ja auch sehr schöne Seiten. Wenn ich aus einem Zimmer rausgehe und das Gefühl habe, es geht dem Menschen besser und er fühlt sich wohl – das ist so viel wert. Es ist der Umgang mit den Menschen, der es besonders macht. Aber Negatives fällt mir leider viel mehr ein als Positives."

Wenn du dir eins wünsche könntest, was wäre das?

"Keine Dienste allein! Insbesondere im Nachtdienst. Doch das wahre Problem ist das System. Es bringt nichts, wenn jetzt 8000 neue Stellen geschaffen werden, wie vorgeschlagen.

Wir müssen größer denken. Wenn man sieht, was der DGB oder die Metaller erreichen können – davon sind wir sehr weit entfernt. Viele meiner Kollegen müssen endlich verstehen, dass die Probleme nicht an ihnen selbst oder ihren Kollegen liegen, sondern systembedingt sind."

*Maik wollte lieber anonym bleiben.

Christina Anna Hajek, 22, Gesundheits- und Krankenpflegerin aus Hessen

Christina Anna

Christina Anna (Bild: privat)

In welchen Momenten wolltest du alles hinschmeißen?

"Als ich mit 16 ein Praktikum auf einer geriatrischen Station machte, wollte ich den Menschen helfen. Doch die anderen Pflegekräfte sahen mich als billige Hilfskraft.

Einmal sollte ich eine alte Patientin füttern, die einen Beckenbruch hatte – das ist so ziemlich der schmerzhafteste Bruch, den man haben kann. Sie hatte so starke Schmerzen, dass sie mich bat, den Kopfteil des Bettes nicht zu hoch zu stellen. Da ich nicht wollte, dass sie sich verschluckt, einigten wir uns auf eine halbe Höhe. Ich reichte ihr sehr langsam und in kleinen Portionen das Abendessen an.

Nach zehn Minuten kam eine verärgerte Schwester rein und schrie mich an, was mir denn einfallen würde, dass ich so lange bräuchte und knallte die Tür zu. Die Patientin sah mich mit Tränen in den Augen an und entschuldigte sich tausendfach. Das war der Moment, in dem ich zum ersten mal realisierte, dass hier etwas schief läuft.

Natürlich gibt es dann noch die alltäglichen Geschichten, die durch ihre Häufigkeit als Normalität gesehen werden:

  • Menschen, die im Sterben nicht betreut werden können, sondern irgendwann tot gefunden werden.
  • Oder solche, die mit mehr Betreuung das Krankenhaus sicher lebend verlassen hätten.
  • Situationen, in denen Patienten die Freiheit entzogen wird, weil man keine Zeit hat, ihnen hinterher zu laufen – zum Beispiel werden manche mit Bettlaken an den Toilettenstuhl gefesselt.
  • Kollegen, die vor oder nach dem Dienst weinend bei der Übergabe sitzen, weil sie nicht mehr können.
  • Nicht zu Beerdigungen von nahestehenden Angehörigen gehen können, weil es einfach kein Ersatzpersonal gibt (das tut mir heute noch weh).
  • Situationen, in denen sich der nachfolgende Dienst kurzfristig krank meldet und man Doppelschichten arbeitet.
  • Weihnachten, Ostern, Silvester und Geburtstage, an denen man jedes Jahr arbeitet.
  • Schlechte hygienische Bedingungen – ich versuche zu verdrängen, was alles an mir hängen könnte.
  • Orthopädische Erkrankungen, die man mit der Zeit in Kauf nehmen muss."

Warum machst du trotzdem weiter?

"Ich bin nicht Schuld daran, dass die Situation so ist. Ich bin aber Schuld daran, wenn sie so bleibt."

Eine Sache, die du dir von der Regierung wünschst?

"Endlich wahre und aufrichtige soziale Gerechtigkeit."

Wieland, 32, Krankenpfleger in Altenburg

Wieland

Wieland (Bild: privat)

In welchen Situationen wolltest du aufhören?

"Tja, zum Beispiel, wenn man zwölf Tage durchgearbeitet hat von früh bis spät und seine Familie nicht gesehen hat – und man dann nach einem freien Tag wieder auf der Matte stehen muss.

Oder wenn man auf der Intensivstation gearbeitet hat und gleichzeitig sechs Patienten betreut hat, die alle intensivpflichtig sind – also zum Teil beatmet werden müssen oder andere Behandlungen brauchen. Das ist keine Versorgung mehr! Es ist nicht das, was man gelernt hat und erst recht nicht das, was die eigenen Ansprüche sind."

Warum hast du dich trotzdem entschieden, weiterzumachen?

"Es ist eine Lebensentscheidung. Ich habe die Ausbildung gemacht, habe Berufserfahrung gesammelt und Weiterbildungen gemacht. Ich bin vorwärts gekommen.

Das ist keine Versorgung mehr!
Wieland

Sich auf etwas anderes zu bewerben, wird auch immer schwieriger, je älter man wird. Inzwischen habe ich eine Familie, für die ich Verantwortung trage.

Und dann kommt auch noch der Trotz dazu: Ich bin in meinem Beruf gut. Warum sollte ich aufhören, nur weil das System nicht funktioniert? Die Pflege ist fundamental wichtig für unsere Gesellschaft."

Was wünschst du dir von der Regierung?

"Echte Aufmerksamkeit. Es wird viel darüber geredet, aber man merkt schnell, dass die Politik oft keine Ahnung hat, was wirklich los ist. Die Politiker müssen offen zugeben: 'Wir haben das in den letzten 20 Jahren verschlafen und ignoriert, wir müssen etwas tun.' Ansonsten ist die Versorgung ihrer und unser aller Angehörigen nicht mehr gewährleistet.

Sie wollen jetzt 8000 Stellen schaffen und denken, damit sei das Problem gelöst. Aber es geht nicht um 8000 Leute! Das wären nur 0,6 Personen pro Einrichtung, aufgeteilt auf etliche Stationen und Schichten (tagesschau). Das bringt gar nichts.

Wir brauchen 80.000 bis 200.000 Fachkräfte in der Kranken- und Altenpflege – und die gibt es weder im In- noch im Ausland. Sie müssen ausgebildet werden. Und man lockt niemanden mit dem Versprechen in den Job, 30 Euro mehr im Monat zu verdienen. Der Beruf muss massiv aufgewertet werden und dafür muss die Politik pro Jahr gut zehn Milliarden Euro in die Hand nehmen. Bei der Rüstung oder dem Verkehr geht sowas, aber bei der Pflege offenbar nicht."

Carla, 24, Krankenpflegerin in München

Warum wolltest du Pflegerin werden?

"Als Teenager habe ich 'Scrubs' geguckt. Dass mein Berufsalltag nicht wie in der Serie werden würde, habe ich mir natürlich schon gedacht. Gehofft habe ich es aber trotzdem ein bisschen."

In welchen Momenten würdest du am liebsten alles hinschmeißen?

"In den letzten eineinhalb Jahren habe ich über hundert Überstunden aufgebaut. Obwohl ich eine 70-Prozent-Stelle habe, musste ich schon oft Vollzeit arbeiten. Gefragt hat mich vorher niemand. Manchmal arbeite ich sieben Tage am Stück.

Ich wünsche mir vor allem mehr Zeit, um mit den Menschen zu sprechen. Ich würde Ihnen gerne die Angst nehmen. Stattdessen verabreichen wir ihnen Beruhigungstabletten."

Warum machst du den Job trotzdem?

"Das ist schwer zu sagen. Ich würde wirklich niemanden mehr empfehlen, in die Pflege zu gehen. Das ist so schade, denn eigentlich ist Krankenpflegerin so ein schöner Beruf. Das merke ich immer dann, wenn ich ausnahmsweise einmal mehr Zeit habe, auf die Patienten einzugehen. Oder wenn Patienten 'Danke' sagen. Für immer halte ich das nicht aus. Ich bin ja schon mit Anfang 20 völlig fertig."

Wenn du dir eine Sache von der neuen Regierung wünschen könntest: Was wäre das?

"Jeder verantwortliche Politiker soll selbst für ein bis zwei Monate auf einer Krankenstation arbeiten."


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Nobis schreibt, er wolle den Schulzzug "in den Hochofen" fahren: