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Weg mit dem NC! Ein Mediziner erklärt, wie man wirklich bessere Ärzte findet

19.12.2017, 10:28 · Aktualisiert: 19.12.2017, 12:33

"Das Abitur ist bestenfalls pseudo-objektiv."

Wer Medizin studieren will, braucht ein Top-Abitur, viel Glück im Bewerbungsverfahren und viel Zeit für lange Wartesemester. Die Studienplätze reichen hinten und vorne nicht, die Auswahl ist entsprechend streng. Ein Ärgernis, weil manch talentierter Schulabgänger keine Chance hat, und weil Zweifel daran bestehen, ob so die besten Mediziner gefunden werden.

Nun hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, das der Numerus clausus teilweise verfassungswidrig ist – also nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.

Alternative Konzepte gibt es längst, zum Beispiel experimentieren Medizinfakultäten in Hamburg und Augsburg mit Zulassungsverfahren, bei denen der Numerus clausus nicht mehr so wichtig ist.

An der Privatuni in Witten/Herdecke arbeitet man schon lange anders: In einem aufwendigen Interview-Marathon werden Bewerber auf ihre menschliche und wissenschaftliche Eignung überprüft.

Kann das ein Vorbild für andere Hochschulen sein?

Im Interview empfiehlt der Wittener Medizinprofessor Stephan Roth das Verfahren. Aber auch für das Wittener Konzept gilt: Alles, was vom einfachen Numerus clausus abweicht, kostet viel Geld.

Stephan Roth

Stephan Roth ist Direktor der Klinik für Urologie in Wuppertal und hat den Lehrstuhl für Urologie an der privaten Universität Witten/Herdecke.

Herr Roth, das Bundesverfassungsgericht prüft, welche Rolle die Abiturnote bei der Zulassung zum Medizinstudium spielen darf. Hatten alle guten Mediziner ein gutes Abi?

Roth: Sicher nicht, auch wenn ein gutes Abitur nicht schadet: Die Quote der Studienabbrecher in Medizin ist bei den Studenten mit gutem oder sehr gutem Abitur geringer. Aber mit dem Abi werden bei weitem nicht alle Eigenschaften geprüft, die später einen guten Arzt ausmachen.

Medizin gilt als Fach mit viel Auswendiglernerei. Hat ein guter Abiturient nicht bewiesen, dass er viel Stoff bewältigt?

Selbstverständlich muss ein Arzt viel Fachwissen parat haben. Aber in meinem Klinikalltag macht das vielleicht noch zehn Prozent der Arbeit aus. Viel wichtiger ist, dass ich mich für die Menschen interessiere, die ich untersuche, und auch jenseits der klassischen Prüfschemata nach den Ursachen für ihre Beschwerden suche. Was mir spontan nicht einfällt oder schlüssig erscheint, das schlage ich nach oder beratschlage es mit Kollegen anderer Fachrichtungen. Entscheidend ist, dass ich die richtigen Fragen stelle.

Sie legen in Witten/Herdecke viel Wert auf die Persönlichkeit der Bewerber. Warum?

Ich erinnere mich beispielsweise an eine Bewerberin, die mich sehr überrascht hat - weil sie eine Meinung vertrat, die ich nicht teile. Sie hat sie so schlüssig erklärt, dass wir sie gerade deshalb genommen haben. Wir sprachen über Pränataldiagnostik, also Untersuchungen am Fötus, mit denen wir feststellen können, mit welchen Behinderungen ein Kind später zur Welt kommt. Sie sagte: Hätte man bestimmte Untersuchungen bei ihrer älteren Schwester durchgeführt, hätte das wohl zur Abtreibung geführt. Sie aber verbindet mit ihrer Schwester großes Lebensglück in der Familie, daran haben deren Behinderungen überhaupt nichts geändert. Entsprechend abwägend und reflektiert konnte man mit ihr über das Thema sprechen.

Ist persönliche Betroffenheit oft nicht eher problematisch?

Nicht, solange die Kollegin als Ärztin damit professionell umgeht: Sie zeigte großes Verständnis für die Gegenmeinung. Wie problematisch solche Behinderungen für eine Familie sein können, muss man ihr ja nicht erklären.

Sie haben ausführlich mit der jungen Frau diskutiert, bevor sie sich überhaupt eingeschrieben hat - das ist an anderen Hochschulen selten. Was sind die Besonderheiten ihres Bewerbungsverfahrens?

In allen Stadien legen wir Wert auf neugierige Bewerber, auf Reflektionsbereitschaft und auf eine Herangehensweise, die den Patienten als Mensch begreift. Unser Auswahltag besteht hauptsächlich aus medizinischen und ethischen Debatten. Die Bewerber sollen sich eine gut begründete Meinung bilden und erkennen, wo Probleme liegen, medizinisch, technisch, menschlich.

Zeugnisse spielen keine Rolle?

Doch, als Hochschulzugangsberechtigung. Aber wir betrachten den Abiturschnitt nicht isoliert. Wir gucken: Welche Leistungskurse hatte ein Bewerber, wie hat er da abgeschnitten? Wenn das zur Medizin passt, wiegt das viel auf. Wird eine schlechte Note schlüssig begründet, hilft das ebenfalls.

Wir legen Wert auf neugierige Bewerber, auf Reflektionsbereitschaft und auf eine Herangehensweise, die den Patienten als Mensch begreift.
Stephan Roth

Am Ende des Auswahltages diskutieren die Interviewer aus, wer einen Platz bekommt und wer nicht.

Wenn jemand in einem bestimmten Bereich einen Ausreißer nach oben oder unten hat, entscheiden wir in der Schlussdiskussion, welches Gewicht wir dem beimessen. Deswegen sitzen die Bewerber im Interview immer zwei Gesprächspartnern gegenüber, einem Lehrenden und einem Wittener Studenten. So berücksichtigen wir unterschiedliche Perspektiven.

Besonders objektiv klingt das alles nicht.

Jeder einzelne Schritt des Verfahrens ist recht subjektiv, ja. Aber bei uns fließen viele subjektive Sichtweisen auf den jeweiligen Bewerber in einem Gesamtbild zusammen, das am Ende objektiver ist als die Abiturnote oder ein Multiple-Choice-Test. Wir gewinnen so gestaltungsfreudige Menschen, denen es liegt, problemorientiert zu lernen statt stumpf zu pauken. Das heißt, bei uns stehen konkrete Fälle im Mittelpunkt, mit denen wir die Theorie vermitteln. Ein Verfahren, mit dem wir in den Achtzigerjahren Vorreiter waren, und das andere Hochschulen später nachahmten.

Ihr Auswahlverfahren ist sehr personalintensiv. Ist das auf andere Hochschulen übertragbar?

Nach dem heutigen Personalstand: nein. Die Medizinfakultäten müssen sehr viel leisten, mehr als früher. Wenn dann die Ressourcen fehlen, wird oft zuerst am Auswahlprozess gespart. Die Abiturnote als Hauptkriterium ist bequem und billig.

Und leicht nachvollziehbar, das müssen Sie zugeben.

Nur auf den ersten Blick. So unterschiedlich, wie die Schulnoten in den verschiedenen Bundesländern zustande kommen, ist das Abitur bestenfalls pseudo-objektiv.

Das Abitur ist bestenfalls pseudo-objektiv.
Stephan Roth

Wie kann es Verbesserungen geben?

Wenn das Bundesverfassungsgericht Vorgaben machen sollte, die den Einfluss der Abiturnote verringern, finde ich das richtig. Die Politik muss außerdem erkennen, dass ein besseres Auswahlverfahren einfach Geld kostet.

Aber höhere Subventionen führen nicht automatisch zu besser geeigneten Bewerbern. Da ist die Hochschulfreiheit vor.

Das stimmt. Aber vielleicht könnten öffentliche Gelder mit der Verpflichtung verknüpft werden, eine bestimmte Zahl von Stellen der Bewerberauswahl zu widmen. Das wäre eine echte Investition: in weniger Studienabbrecher und bessere Ärzte.

Dieser Artikel ist zuerst bei SPIEGEL ONLINE erschienen.


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Diesen heimlichen Auftritt hat Joseph Gordon-Levitt in "Die letzten Jedi"

19.12.2017, 10:19 · Aktualisiert: 19.12.2017, 10:19

"Star Wars" ist Kult – entsprechend wollen möglichst viele Stars bei der Weltraumsaga mitspielen. Daniel "James Bond" Craig war bereits in der siebten Episode heimlicher Stormtrooper, die britschen Prinzen William und Harry nun in der achten Episode, "Die letzten Jedi" (bento). 

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Auch Jospeh Gordon-Levitt hat in "Die letzten Jedi" mitgespielt. Allerdings hat das keiner so richtig mitbekommen.