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20.06.2018, 14:38 · Aktualisiert: 20.06.2018, 14:41

"Was für eine Ärztin bin ich bloß geworden?"

Es ist 5.30 Uhr morgens an einem Donnerstag, als mein Diensttelefon klingelt. Schon wieder. Es ist unsere Notaufnahme, ich soll den siebten Patienten dieser Nacht aufnehmen. Diesmal ist es ein herzkranker Mann. Ich gebe mein Okay, nenne die Station, auf die er kommen kann und wühle mich aus meinem Bett.

Ich habe Bereitschaftsdienst. Das bedeutet, dass ich nach meinem regulären Arbeitstag als Stationsärztin der Inneren Medizin an einer deutschen Universitätsklinik noch bis zum nächsten Morgen in der Klinik bleibe. Über Nacht betreue ich mehrere Normalstationen mit über 100 Patienten parallel, nehme Neuankömmlinge von der Notaufnahme und Verlegungen von der Intensivstation auf.

Die Ärztin und Autorin dieses Gastbeitrages möchte namentlich nicht genannt werden. Ebenso wurden alle Namen von Patienten, Krankenschwestern und Ärzten geändert.

Bereitschaftsdienst - das bedeutet rein rechtlich, dass mir nur ein Teil der Arbeitszeit vergütet wird. Die restliche Zeit gilt theoretisch als Ruhezeit, und ich darf schlafen. Praktisch habe ich bereits sechs Patienten aus der Notaufnahme aufgenommen, geschlafen habe ich eine Stunde.

Ich gehe zu der Station und empfange gemeinsam mit der Nachtschwester den neuen Patienten. "Ansonsten stabil", hatten sie in der Notaufnahme gesagt. Vor mir liegt ein alter Mann, er bekommt kaum Luft, hat Angst. Ich versuche, ihn zu beruhigen, höre die Lunge ab und sehe mir die Beine an. Überall Wassereinlagerungen. Die Lunge brodelt. Im Verlegungsbrief der Notaufnahme steht, die Lunge sei in Ordnung. Ob man dort überhaupt abgehört hat?

Ich gebe dem Mann Medikamente gegen die Wassereinlagerungen in der Lunge. Plötzlich steigt sein Blutdruck stark an, die Herzfrequenz auch. Ich rufe auf unserer Überwachungsstation an, der sogenannten IMC (Inter-Mediate-Care). Dort gibt es kein Bett. Als es nach einer halben Stunde nicht besser wird, rufe ich den IMC-Dienstarzt zu Hilfe. Er hat vier Jahre mehr Erfahrung, ich habe erst vor einem Jahr mein Studium abgeschlossen. Er hilft mir, den Patienten weiter mit Medikamenten zu stabilisieren.

Mittlerweile ist es 6.30 Uhr. Jetzt noch mal zu schlafen, lohnt sich nicht.

Ich gehe auf meine Station, wo 30 Patienten liegen, die ich tagsüber gemeinsam mit einem Kollegen betreue, der ebenfalls Berufsanfänger ist. Heute muss er allein klarkommen, denn ich gehe nach meinem 24-Stunden-Dienst nach Hause. Ersatz gibt es nicht, Personalmangel überall.

Ich schreibe erschöpft noch zwei Entlassungsbriefe für Patienten.

Als mein Kollege kommt, berichte ich von der Nacht. Dann gehe ich auf die anderen Stationen. Annabel*, eine Kollegin, ist schon da. Wir haben uns mit der Zeit angefreundet, denn wenn man täglich zehn bis zwölf Stunden hier ist, braucht man hier Freunde. "Du siehst furchtbar aus", sagt sie. Bei der Patientenaufnahme sei ich wohl schon ziemlich müde gewesen? Ich frage warum und schaue mir den Medikamentenplan an. Verdammt. Ich habe zwei Medikamente angeordnet, die man gar nicht gemeinsam verschreiben darf.

Annabel korrigiert den Fehler und lächelt. Keiner wird davon erfahren, wir decken uns gegenseitig. Was bleibt uns anderes übrig?

Nachdem ich alle Übergaben fertig habe, gehe ich nach Hause. Ich schlafe vier Stunden, dann schlage ich mein Fachbuch auf. Mein Oberarzt meinte neulich, ich müsse viele Dinge besser können. Nachmittags hole ich meine kleine Tochter aus dem Kindergarten und meinen sechsjährigen Sohn aus der Schule ab, spiele mit ihnen, mache Abendessen, bringe sie zu Bett.

Am nächsten Morgen bringe ich die Kinder wieder zum Kindergarten und zur Schule. Sie sind voller Energie, fragen mich Löcher in den Bauch. Ich bin so müde, dass ich kaum etwas mitbekomme. Trotzdem denke ich wie fast jeden Tag: Heute muss es einfach besser werden.

Bei der Arbeit begrüßt mich die Notiz, dass mein Kollege krank ist.

Also kämpfe ich allein. Das bedeutet: Blutentnahmen so zügig wie möglich machen, sechs Entlassungsbriefe schreiben, durch die Visite hecheln. Für ein nettes Wort zu den Patienten bleibt kaum Zeit: Wenn ich mir für jeden der verbleibenden 24 Patienten zehn Minuten nähme, wäre ich vier Stunden mit der Visite beschäftigt. Mein Chef gewährt mir eine Stunde.

Schwester Sigrid entschuldigt sich, dass sie mir nicht helfen kann. Aber auch die Pfleger sind unterbesetzt, sie muss sechs Leute waschen. Wie nett von ihr, dass sie trotzdem mein Arbeitspensum im Blick hat.

Während der Visite bekommt Frau Fischer plötzlich Brustschmerzen.

Ich nehme Blut ab und sehe im EKG Anzeichen eines akuten Herzinfarkts. Aber ich bin mir unsicher. Ich rufe meinen Oberarzt Dr. Schmidt an. Der steht gerade steril am OP-Tisch und kann nicht kommen. Ich suche einen anderen Oberarzt, finde aber keinen. Irgendwer muss mir doch helfen!

Zwischendurch steht Herr Zimmer an der Tür zum Arztzimmer. Vor zwei Tagen musste ich seine Frau auf die Intensivstation verlegen, sie ist schwer herzkrank. Er weint, weil niemand ihm sagt, was los ist. Er will mit mir reden, aber jetzt muss er warten.

Ich bringe die Patientin, die möglicherweise einen Infarkt hat, auf die IMC. Weil ich zu wenig Erfahrung habe, muss ich sie abschieben. Nach einem erneuten EKG entscheidet der Oberarzt dort, sie sofort in den OP-Saal zu bringen und ihre Herzkranzgefäße mittels Katheteruntersuchung anzuschauen. Endlich eine Entscheidung.

Zurück auf meiner Station gehe ich zu Herrn Zimmer, der im Wartebereich neben fünf anderen Patienten sitzt. Er weint noch immer, es ist ihm peinlich. Ich schäme mich für mein Verhalten, auch wenn es keinen anderen Weg gab. Ich nehme ihn mit ins Arztzimmer und erkläre ihm, was ich weiß. Er möchte gern mit einem Oberarzt sprechen. Dr. Schmidt meint am Telefon aber, Herr Zimmer solle auf der Intensivstation fragen, dort sei man zuständig.

Auch Physiotherapeuten haben Schwierigkeiten in ihrem Job. Diese Tweets fassen die Probleme zusammen:

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Als ich hinter Herrn Zimmer die Tür schließe, muss ich auch weinen. Was für eine Ärztin bin ich bloß geworden? Seit einem Jahr bin ich Zahnrad in der Maschinerie dieser großen Klinik. Ich kam frisch vom Studium mit der Vorstellung, hier eine gute Internistin zu werden.

Ich wurde schnell desillusioniert. Es geht nicht darum, gute Medizin zu machen. Es geht darum, viele Patienten durchzuschleusen, gute Zahlen zu bringen. Kann man die Würde eines Patienten auch in Zahlen ausdrücken?

Ich wasche mein Gesicht und fahre mit der Visite fort. Der Chef will dazukommen, sagt Sigrid. Auch das noch, ausgerechnet heute. Ich kenne einen Teil der Patienten gar nicht richtig. Als er kommt, stelle ich sie so gut wie möglich vor. "Warum ist Herr Krahn noch nicht entlassen?", fragt er, "die Untersuchung war doch schon gestern?" Ich antworte, er habe sich hinterher nicht gut gefühlt und Schmerzen an der OP-Stelle gehabt.

"Schmerzmittel können Sie auch daheim nehmen, nicht wahr, Herr Krahn? Sie dürfen heute nach Hause gehen",

sagt der Chef. Ich schlucke und nicke.

Im nächsten Zimmer will er wissen, warum Frau Siebert keine Herzkatheteruntersuchung bekommen habe. Ich erkläre, dass sie 92 Jahre alt ist und den Eingriff nicht möchte. Der Chef räuspert sich und zieht die Augenbrauen hoch. Darüber müsse man noch mal mit ihr reden, sie würde doch sicherlich von so einem Eingriff profitieren. Ich schlucke und nicke erneut, obwohl ich den Verdacht habe, dass es mal wieder nur ums Geld geht. Wut kommt in mir auf. Was zählen meine Einschätzung und meine Bemühungen hier eigentlich?

Als die Chefvisite vorbei ist, höre ich noch, wie er Schwester Hanna fragt, ob ich meine Visitenzeiten einhalte.

Hanna bejaht und lobt mich, alle seien zufrieden mit mir. Dass meine Visite fast immer viel länger dauert, verschweigt sie. Danach kommt sie zu mir und nimmt mich in den Arm. "Es kommen auch wieder bessere Zeiten", sagt sie. Meine Augen brennen schon wieder.

Ich nehme mir die Akten der neuen Patienten vor. Unsere Praktikantin Carola, eine Medizinstudentin, war bereits fleißig und hat viel vorbereitet. Sie fragt, ob ich Zeit habe, ihr etwas zu einem Befund zu erklären. Ich entschuldige mich und sage, dass ich das heute nicht schaffe, vielleicht morgen. Genau das Gleiche habe ich ihr gestern auch schon versprochen.

Mittags soll ich zum Gespräch beim Chef. Er fragt, was meine wissenschaftliche Arbeit macht und ob ich die Daten für meine Doktorarbeit fertig analysiert habe. Einen bissigen Kommentar verkneife ich mir und erkläre stattdessen, dass ich neben der Belastung der alltäglichen Arbeit aktuell keine Zeit für Wissenschaft habe. Das sei aber Teil meines Arbeitsvertrags und die Personalsituation sei gut, entgegnet mir mein Chef. Ich berichte zögernd von der Realität. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Doch meine Argumente prallen an ihm ab.

Er beschönigt und verspricht, dass es im nächsten Quartal bestimmt besser wird. Für mehr als eine Floskel kann ich das nicht halten. Ein Händeschütteln, ein Lob über meine gute Arbeit - Ende der Unterredung.

Ein Kollege, der schon länger dabei ist, meint, ich brauche ein dickeres Fell.

"Fahr deinen Idealismus zurück", rät er mir.

"Diese Klinik ist ein großer Apparat, der mit oder ohne uns läuft."
So was macht mich wütend. Ich soll meinen Idealismus aufgeben? Der hat mich doch hierhergebracht.

Zusammen mit meiner Empathie und meinem Optimismus. Ich möchte meinen Patienten zuhören. Ich finde es noch immer schrecklich, wenn ich bei der Aufnahmeuntersuchung aus Zeitgründen etwas weglasse. So wie bei Herrn Wiesengrund kürzlich: Die Pulse an seinen Füßen und Beinen habe ich nicht überprüft, weil er sich dafür die Hose hätte ausziehen müssen. Aber Herr Wiesengrund ist alt und hat Parkinson. Das Ausziehen hätte ewig gedauert, aber ich habe kein ewig. Ich habe nicht mal eine halbe Stunde, um meiner fleißigen Studentin ein paar Grundlagen des EKG beizubringen.

Nachmittags um halb vier rufe ich meine Mutter an und frage, ob sie die Kinder abholen kann. Ich schaffe es mal wieder nicht, muss noch zu viele Befunde überprüfen, mit Angehörigen sprechen, Arztbriefe schreiben.

Als ich die Klinik endlich verlasse, ist es halb acht. Die Kollegen wünschen mir ein schönes Wochenende. Ich lache bitter. Morgen werde ich auch wieder hier sein, ich habe Wochenenddienst. Vier Tage pro Monat muss ich Samstag oder Sonntag arbeiten. Das sind zwei Wochenenden, an denen ich meine Kinder zu wenig sehe.

Daheim liegen die Kinder schon im Bett. Ich habe Hunger, bin aber zu erschöpft zum Essen. Ich falle ins Bett und träume von Herrn Zimmer und seiner Frau.

Ist es das alles wert? Mittlerweile suche ich täglich nach einem Kompromiss, bei dem ich meine Ideale nicht aufgebe und trotzdem nicht kaputtgehe. Kündigen kann ich nicht, weil ich für meine Kinder sorgen muss. Außerdem will ich die Hoffnung noch nicht aufgeben.

Aber vielleicht ist die Arbeit in unseren Kliniken nicht geeignet für Familien. Für die ältere Generation der Oberärzte und Chefärzte, die sich als Einzelkämpfer aufgeopfert haben, mag es gepasst haben. Aber so sind wir nicht mehr. Unsere Generation junger Ärzte hat ein Leben. Wir lieben unseren Beruf, aber wir wollen weder unsere Gesundheit noch unser Privatleben dafür opfern. Und das sollte auch nicht von uns verlangt werden.

In unserem Gesundheitssystem ist die Würde des Menschen - und damit meine ich die der Patienten, Ärzte, Schwestern und Pfleger - weniger wert als die Effizienz der Maschinerie.

In einem solchen System überlebt man offensichtlich nur, wenn man seinen Idealismus hinten anstellt.

Und ich werde zu einer Ärztin, die ich nie sein wollte.

*Namen von der Redaktion geändert

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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20.06.2018, 13:57 · Aktualisiert: 20.06.2018, 13:57

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