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Future

Wie es sich anfühlt, mit Anfang 20 Start-up-Millionär zu sein

22.10.2017, 11:14 · Aktualisiert: 22.10.2017, 11:19

Maxim und Raphael Nitsche haben gerade ihre App verkauft und sind jetzt reich.

Alle paar Minuten klingeln die Handys von Maxim und Raphael Nitsche. Verwandte und Freunde rufen an, um ihnen zu gratulieren. Unzählige Interviewanfragen müssen die beiden Brüder beantworten. Denn die beiden Mathe-Nerds, 22 und 21 Jahre alt, sind jetzt Multimillionäre: Sie haben ihre Mathe-Lernapp "Math42" und das dahinterstehende Unternehmen Cogeon für 20 Millionen Euro an den US-Bildungskonzern Chegg verkauft.

Die beiden jungen Männer tragen schicke Hemden und knalleng sitzende Levis-Jeans, dazu frisch polierte Lederschuhe. Man könnte die beiden auch für BWL- oder Jurastudenten halten.

Die App "Math42", die die Berliner erfunden und programmiert haben, erklärt Schülern Schritt für Schritt, wie sich etwa Gleichungen auflösen lassen und wie Kurvendiskussionen funktionieren. In Sekunden bekommen Schüler auf ihrem Smartphone Aufgaben vorgerechnet. Die App wurde zu einem riesigen Erfolg: Mittlerweile haben weltweit mehr als drei Millionen Menschen die App heruntergeladen.

Wie ist das: Mit Anfang zwanzig Multimillionär zu sein?

Maxim Nitsche: Es fühlt sich immer noch total surreal an. Wir müssen das erst einmal sacken lassen. Es dauert bestimmt noch eine Weile bis wir das richtig verarbeitet haben.

Wie habt ihr den Erfolg gefeiert?

Raphael Nitsche: Im Anschluss an die Vertragsunterzeichnung haben wir zu Hause mit unserer Familie und Freunden gefeiert und eine Flasche Champagner aufgemacht.

Wie verhandelt man als Anfang Zwanzigjähriger mit einem großen US-Börsenkonzern?

Maxim: Ein Unternehmensverkauf ist ein gigantischer Aufwand. Bei der Vertragsunterzeichnung beim Notar hat allein das Unterschreiben der Verträge eineinhalb Stunden gedauert. Das haben wir anfangs unterschätzt. Wir dachten, wir verhandeln den Preis und dann geht das easy peasy über die Bühne. Aber so war's nicht. In den vergangenen fünf Monaten haben wir fast täglich mit Chegg verhandelt. Wir haben nichts anderes mehr gemacht.

Raphael: Wir wurden dabei von sehr erfahren Beratern unterstützt. Allein hätten wir das gar nicht geschafft.

(Bild: dpa/Britta Pedersen)

Ihr habt lange beteuert, dass ihr kein Interesse an einem Verkauf eures Unternehmens hättet. Warum jetzt doch?

Maxim: Der Deal ist für uns der Hyper-Knaller, weil wir einen Partner gefunden haben, der perfekt zu uns passt. Wir haben "Math42" zwar verkauft, aber es bleibt unser Baby. Denn wir bleiben dem Unternehmen erhalten und können mit der Power von Chegg die Lernapp "Math42" weltweit groß machen. Noch dazu haben wir eine großartige Verkaufssumme erzielt.

Raphael: Wir sind echt erleichtert. Wir haben die vergangenen acht Jahre hart geackert. Als Start-up-Gründer bist du rund um die Uhr mit deinem Produkt beschäftigt. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Jetzt fällt der ganze Druck ab, weil wir uns nicht mehr um unsere Existenz Sorgen machen müssen.

Habt ihr Bedenken, dass ihr womöglich zu früh verkauft habt? Was, wenn das Unternehmen mal mehrere hundert Millionen Euro wert ist?

Maxim: Ein Sprichwort im Schach besagt: Lieber ein Bauer jetzt, als ein Springer in sechs Zügen. Wir hatten jetzt die einmalige Chance und haben sie genutzt. Wenn aus "Math42" mal ein Milliarden-Unternehmen wird, freut uns das, wir bleiben ja an Bord.

(Bild: MATH24)

Bei der Start-up-Show "Die Höhle der Löwen" seid ihr 2015 leer ausgegangen. Verspürt ihr jetzt Genugtuung?

Maxim: "Die Höhle der Löwen" war ein großer Erfolg für uns. Im Anschluss an die Show wurde die App 250.000-mal herunter geladen.

Raphael: Das Feedback der Investoren aus der Show hat uns weiter gebracht. Wir verspüren eher Genugtuung denjenigen gegenüber, die uns auf unserem Weg immer belächelt haben. Da gab es einige Investoren, die gesagt haben: "Ach das sind doch die kleinen Mathe-Boys."

Wie geht es jetzt mit eurem Produkt weiter?

Raphael : Mein Bruder, mein Vater und ich werden weiterhin an der Weiterentwicklung von "Math42" arbeiten und sind bei Chegg angestellt. Wir werden in Berlin ein Büro aufbauen und die Entwicklung unserer Technologie weiter vorantreiben. Im Frühjahr 2018 kommt in den USA ein neues Produkt auf den Markt: Chegg Math.

Was schwebt euch vor?

Raphael: Während in vielen Bereichen unserer Gesellschaft der technologische Fortschritt sichtbar wird, passiert im Schulwesen nichts. Ein Klassenzimmer sieht immer noch so aus wie vor hundert Jahren. Schüler bekommen Frontalunterricht, der nicht auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen eingeht. Das Schulsystem braucht dringend ein Update. Daran arbeiten wir.

Maxim : Mit unserer Technologie bekommt jeder Schüler einen automatisierten Nachhilfelehrer zur Seite gestellt, der ihm Aufgaben vorrechnet. Das Feedback ist phänomenal. Einige Nutzer haben gesagt, dass sie in 30 Minuten mit unserer App mehr gelernt haben, also in einem halben Jahr Schule.

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Was ändert sich für die Nutzer der "Math42"-App durch den Verkauf eures Unternehmens?

Maxim : Wir nehmen alle Bezahlschranken raus. Die App wird komplett kostenfrei, Chegg legt Wert auf starkes Nutzerwachstum.

Chegg hat bereits 12,5 Millionen Euro an euch überwiesen. Weitere 7,5 Millionen sollen folgen. Was kauft ihr euch jetzt?

Raphael: Wir freuen uns, dass wir jetzt genug Geld haben, um unseren beiden jüngeren Geschwistern eine Ausbildung an einer guten Universität ermöglichen zu können. Außerdem wollen wir einen Teil des Geldes an Bildungseinrichtungen spenden. Wir würden gerne den deutschen Schachsport unterstützen. Wir kommen aus einer begeisterten Schachfamilie, haben selbst deutsche Meisterschaften gespielt und glauben, dass es keine bessere Beschäftigung als Schach gibt, bei der man logisches Denken trainieren kann.

Aber ihr habt doch sicher auch vor, euch selbst was zu gönnen, oder?

Maxim: Ich habe mir gestern in München beim Schuhhaus Eduard Meier ein neues Paar Budapester gekauft für 750 Euro. Das ist natürlich viel Geld für Schuhe. Aber dasselbe Modell habe ich schon nach meinem Abitur von meiner Mutter geschenkt bekommen und das sind tolle Schuhe.

Raphael: Ich hätte Lust in Berlin eine hübsche Wohnung zu mieten und die schön auszustatten, zum Beispiel mit einem tollen Mixer. Aber wir kaufen uns jetzt keine Villa oder einen Ferrari. Das würde zu uns gar nicht passen und uns auch nicht glücklich machen.

Wie geht es jetzt die nächsten Tage weiter? Genießt ihr den Erfolg und macht ein paar Tage frei?

Raphael : Ja, das wollten wir. Aber ständig klingelt das Telefon. Und am Montag starten wir mit unserem Büroaufbau in Berlin. Aber vielleicht machen wir zwischendurch mal einen Tag frei und gehen schön frühstücken und danach bummeln.

Keine Zeit für ein paar Tage Strandurlaub?

Maxim: Das könnte ich gar nicht, das wäre mir zu langweilig. Wenn ich mehrere Tage am Strand liegen würde, würde ich durchdrehen.

Raphael: Wir arbeiten nicht, um Ferien zu haben. Wir machen das einfach wahnsinnig gerne und lieben das, was wir tun.


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