06.07.2018, 19:19 · Aktualisiert: 07.07.2018, 11:23

Und warum sie ihn gerne machen.

Streichen, kneten, pressen, drücken – viele lieben es, massiert zu werden. Und die meisten hassen das Gegenteil: jemanden zu massieren.

Masseurinnen und Masseure machend das hingegen hauptberuflich. Ihre Ausbildung – wenn sie eine machen – dauert zweieinhalb Jahre, sie wird in der Regel nicht vergütet. Wer im Beruf angekommen ist, hat es finanziell nicht besser: Im Schnitt bekommen Masseure, nicht zu verwechseln mit Physiotherapeuten, im Monat zwischen 1800 und 2300 Euro brutto. Reich wird man durchs Massieren also nicht.

Was bringt Menschen dazu, es trotzdem zu machen? Wie fühlt es sich an, Fremden körperlich so nah zu kommen? Hier erzählen vier von ihren Erfahrungen.

Erwartung vs. Realität

Manchmal kommen die Dinge anders, als wir dachten – vor allem im Job. Was im Bewerbungsgespräch super klang, kann in der Praxis überhaupt keinen Spaß machen. Oder umgekehrt. Davon erfahren wir aber häufig erst, wenn wir schon mittendrin stecken. Was ist jetzt besser: Geduld haben gleich wieder kündigen? Wie fangen Karrieren an – und wie enden sie? In dieser Serie erzählen Menschen davon.

Sara, 30

Wie alles anfing: Um mein Studium zu finanzieren, arbeitete ich in einer physiotherapeutischen Praxis an der Rezeption. Dort lernte ich die Arbeit mit dem Körper kennen und fand sie unglaublich spannend.

Durch meine damalige Chefin wusste ich, dass ich als Masseurin keine Großverdienerin werden würde. War mir egal. Ich mochte es einfach sehr. Ich beendete mein Studium noch, machte aber direkt danach eine Ausbildung zur Massage-Therapeutin.

Wie es wirklich ist: Als Masseurin kommt es darauf an, wo man arbeitet. Nach der Ausbildung jobbte ich lange Zeit in einem Hotel – die Arbeit dort gefiel mir gar nicht. Im Hotel sind Menschen nämlich keine Menschen, sondern Gäste, denen man so viel Geld wie möglich aus den Taschen leiern soll. Ich sollte meine Kunden nicht nur massieren, sondern ihnen Pflegeprodukte und Öle aufschwatzen.

In dem Salon, in dem ich heute angestellt bin, ist das zum Glück anders. Hier geht es tatsächlich nur darum, sich um Verspannungen zu kümmern.

​Wenn ein Körper vor mir liegt, ist er für mich ein Arbeitsobjekt.
Sara

Haare, Pickel, Neurodermitis: Das stört mich nicht. Unangenehm finde ich es nur, wenn jemand nach Schweiß müffelt oder Männer sich kurz vor der Massage den Rücken rasieren. Wohl aus Höflichkeit, aber über Haarstoppel zu massieren, fühlt sich, als würde man über Schmirgelpapier streichen. Dann lieber Haare!

Massieren ist eine intime Angelegenheit, damit meine ich: Es entsteht eine Nähe, die manche Menschen auch falsch verstehen können.

Um von Anfang an keine falschen Signale zu senden, drehe ich mich daher immer um, wenn meine Kunden sich ausziehen.

Als ein Mann während einer meiner Massagen dann plötzlich eine Erektion hatte, war ich ziemlich geschockt.
Sara

Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte und ignorierte das Ganze. Mittlerweile weiß ich, dass sowas beim Massieren tatsächlich häufiger vorkommt: Ihre Erektion können viele Männer schließlich nicht kontrollieren – und liegt das Handtuch etwas gewellt oder geknubbelt unter den Lenden, kann die Reibung den Penis versehentlich stimulieren.

Alex, 26

Wie alles anfing: Man massiert Menschen, löst Verspannungen, tut etwas Gutes. So habe ich mir den Job vorgestellt. Dass man sich als Masseur nicht nur mit Muskeln, Bändern und Sehnen auskennen muss, sondern auch mit den Feinheiten der Kundenkommunikation, erfuhr ich erst nach der Ausbildung.

Wie es wirklich ist: Bei der Arbeit wurde mir schnell klar, wie wichtig es ist, den Menschen, die ich massiere, genau zu erklären, was ich mache. Bei einem meiner Jobs – ich arbeite freiberuflich – massierte ich beispielsweise eine junge Frau, sie war ungefähr 32. Die größten Verspannungen hatte sie im unteren Rückenbereich.

Um diese zu lockern, kümmerte ich mich auch um ihre Po-Muskulatur.
Alex

Als ich sie dort anfasste, habe ich mir nicht viel dabei gedacht. Nach ein paar Minuten merkte ich jedoch, dass sich ihr ganzer Körper immer mehr und mehr verkrampfte. Selbst ihr Gesicht wirkte plötzlich angespannt. In dem Moment verstand ich, dass sie Angst vor mir hatte.

Ich erklärte ihr, dass ich ihren Po nur massierte, um die Verspannung ihrer Lendenwirbel zu lösen. Von da an lief es besser. Seitdem erkläre ich gerade Frauen im Vorhinein, warum ich sie wo anfasse.

Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass ich bei Männern viel entspannter bin. Ich habe weniger Angst, dass sie meine Griffe falsch verstehen.

Jeremy, 34

Wie alles anfing: Ich bin eigentlich ausgebildeter Fitness-Trainer. Vor etwa vier Jahren fragte mich der Chef einer größeren Firma, ob ich seine Mitarbeiter nicht massieren könne. Ich dachte: Warum nicht ausprobieren? In meiner Ausbildung hatte ich schließlich einen dreimonatigen Massage-Kurs.

Von der Arbeit erhoffte ich mir einen netten Ausgleich zu meinem Trainer-Job. Beim Massieren – so dachte ich – muss man schließlich nicht viel reden. Meine Freundin war von der Vorstellung, dass ich fremde Frauen massiere, natürlich nicht so begeistert.

Wie es wirklich ist: Ich bin ziemlich fit. Das bewahrte mich jedoch nicht davor, dass ich im ersten Jahr, immer wieder mit starken Sehnenscheidenentzündungen zu kämpfen hatte.

Wenn ich abends nach Hause kam, packte ich mir erstmal einen Beutel Eis auf die Unterarme.
Jeremy

Mittlerweile haben sich meine Muskeln und Sehnen glücklicherweise an die Belastung gewöhnt. Außerdem schaute ich mir YouTube-Tutorials an. Die halfen mir, meine eingerostete Massage-Technik zu verbessern.

Für die Sitzungen kreiere ich eine richtige Atmosphäre: Wenn ich bei den Leuten ankomme, mache ich Musik an, dimme das Licht, stelle Wachskerzen auf – batteriebetrieben, aber das bekam noch keiner mit. Anders als viele andere freiberufliche Masseure habe ich mir eine teure Liege besorgt: extra dick gepolstert. Auch die bringe ich zu Terminen mit.

Typisch freiberuflich ist jedoch, auch bei mir: Ich bekomme viele anzügliche Mails.
Jeremy

Mehrmals die Woche sind da Bilder von Frauen und Männern in Unterschwäche in meinem Postfach. Dazu: "Na, magst du mich massieren?"

Die verrückteste Anfrage, die ich mal bekam, stammte von einem Mann. Er fragte einen Tag vor unserem Termin per Mail, was ich bei der Massage anhabe. Ich hielt das erst für eine falsche Autokorrektur und antwortete, er solle einfach tragen, worin er sich wohl fühle.

Dann schickte er mir Bilder von Männern in Radlerhosen und fragte, ob ich nicht so kommen könne? Ich sagte den Termin ab.

Karo, 28

Wie alles anfing: Ich bin ausgebildete Physiotherapeutin. Da das im 20-minütigen Praxistakt ganz schön an die Substanz geht, arbeite ich nebenbei noch als Masseurin – das ist quasi mein Ausgleich. Ein Job, bei dem ich Menschen unterstütze, ihr Wohlbefinden zurückzuerlangen.

Wie es wirklich ist: Menschen denken oft, dass man Schmerzen einfach wegmassieren kann. Ab und zu trifft das zu. In der Regel braucht es dafür mehr. An erster Stelle ist es die Bereitschaft, die Lebensumstände, die zu den Schmerzen geführt haben, zu ändern. Mit anderen Worten: Persönliches Engagement, das leider nur wenige aufbringen.

Wellnessmassagen sind tatsächlich keine therapeutische Behandlung, sie dienen dazu, zu entspannen.
Karo

Massieren ist für mich deshalb ein Handwerk. Im Gegensatz zu meiner Arbeit als Physiotherapeutin geht es nämlich weniger darum, herauszufinden, woher der steife Hals oder die verspannten Schultern kommen.

Ziel ist es, den Zustand als solchen, also den Schmerz, abzumildern. Mit dem Massieren versuche ich, den Muskelstoffwechsel zu aktivieren und die Mobilität des Gewebes zu verbessern. Kunden fragen häufig, ob denn nicht abends meine Finger wehtun. Klassiker.

Die Antwort ist: nein. In der Ausbildung habe ich gelernt, ergonomisch zu arbeiten. Das heißt: Die Kraft zum Massieren nehme ich nicht aus den Fingern, sondern aus dem ganzen Körper.


Gerechtigkeit

Wie Flüchtlinge auf Facebook über Seehofers Grenzpläne diskutieren

06.07.2018, 18:28

"Und die Österreicher trinken in Ruhe Tee"

Deutschland wird künftig restriktiver mit Flüchtlingen umgehen, die zuvor in einem anderen EU-Land Asyl beantragt haben – so will es die Bundesregierung. Am Montag hatten sich erst CDU und CSU auf einen Kompromiss geeinigt, der Asylbewerber an der deutsch-österreichischen Grenze künftig in "Transitzentren" festsetzt (bento). In der Nacht zum Freitag wurden in einer Einigung mit der SPD daraus "Transferzonen", außerdem sollen Asylverfahren künftig beschleunigt werden (bento). 

Kurz zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel beim EU-Gipfel auch eine Verschärfung der europäischen Asylpolitik erwirkt – "geschlossene Lager" inklusive (bento).

Unklar ist bislang, wie sich diese Maßnahmen genau umsetzen lassen – und ob Flüchtlinge nicht trotzdem Wege finden, Schutz zu suchen.