13.04.2018, 14:12 · Aktualisiert: 14.04.2018, 13:41

#diesejungenLeute auf dem Dorf

Was bindet uns an zu Hause? Vielleicht genau das Gleiche, was uns manchmal davon treibt? Der Job, die Liebe, die Familie, die Bequemlichkeit der Heimat.

Nach der Schule stellt sich die Frage, manchmal erst nach der Ausbildung oder wenn der nächste Karriereschritt wartet: Gehen oder bleiben? Für immer in der Ferne leben oder zurückkommen?

In Viechtach, nicht mal 10.000 Menschen leben hier, mitten im Bayrischen Wald, zwischen Prag und München, wo die Waldbahn nur einmal die Stunde fährt, wo ein Wolf über die Felder zieht und die nächste Großraumdisco 15 Minuten Autofahrt entfernt liegt, haben wir junge Leute gefragt, wie sie sich entschieden haben.

Julia, 23, Friseurin und Barbierin

(Bild: bento)

Inspiration aus Berlin, Hamburg, Köln, München? Brauche ich nicht. Meine Technik habe ich drauf, ansonsten ist eh jeder Kopf individuell – und das Internet gibt's ja auch.

Unser Barbershop ist kürzlich vom "Playboy" ausgezeichnet worden, als viertbestes Geschäft in Deutschland. Der nächste Barbier ist erst in Regensburg – insofern sind wir hier konkurrenzlos.

Auch privat passt hier einfach alles. Unsere Landschaft ist einfach brutal. Ich gehe gern mit meinem Hund spazieren, habe mit meinem Verlobten zusammen ein Haus gebaut. Ich will hier also nicht mehr weg. Ein Urlaub in Thailand reicht mir als Abwechslung.

Daniel Kilger, 29 ist Gründer und CEO von Smokeless, einem Digital Health Start-up mit Hauptsitz in München. Mindestens einen Tag pro Woche verlegt er sein Büro in die Heimat im Bayrischen Wald.

(Bild: bento)

Ich habe ein halbes Jahr in den USA studiert, bin auf Start-up Events und Konferenzen in der ganzen Welt unterwegs, treffe dort interessante Menschen. Ich finde, die Start-up-Szene und der FC Bayern haben viel gemeinsam: Wir sind nicht nur eine Community, sondern eine Familie – man hilft sich und pusht sich gegenseitig so stark es geht.

Know your roots.

Trotzdem ist die Geborgenheit der Heimat etwas ganz besonderes für mich. Egal wie lange ich in der Welt unterwegs bin, wenn ich heimkomme, habe ich Leute um mich, die mich mein ganzes Leben kennen und mich so empfangen, als wäre ich nie weg gewesen.

Ich erinnere mich noch, als ich nach einem halben Jahr aus den USA wieder kam und mir im Ort allein einen Kaffee gekauft habe – innerhalb von einer halben Stunde saßen zehn Leute von früher an meinem Tisch.

In Hawaii, wo ich auch ein halbes Jahr gelebt habe, heißt ein Sprichwort "Know your roots". Ich finde: Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit tut jedem gut.

Warum wir die Zukunft der Arbeit in einer 8000-Einwohner-Gemeinde in Bayern suchen

Lange galt die Stadt als das Nonplusultra: mehr Menschen, mehr Business, mehr Forschung, mehr Kultur. Wer Karriere machen oder sich selbst finden und ausprobieren wollte, musste in die Stadt. Doch die Freiräume verschwinden, Zeit für Zukunftsvisionen hat kaum noch jemand.

Ganz anders auf dem Land: Hier gibt es Ruhe, viel Platz und durch die Digitalisierung ist man trotzdem nah dran – so zumindest die romantische Vorstellung.

Ist das wirklich so? Katharina verbringt eine Woche im Coworking-Space "Woidhub" in Viechtach im Bayerischen Wald, wo sich junge Pioniere Großstadtfeeling in die 8000-Einwohner-Gemeinde geholt haben. Was sie dort erfährt, berichtet sie diese Woche auf bento.

Lea Achatz, 19, macht eine Ausbildung zur Mediengestalterin

(Bild: bento)

Ich möchte unbedingt nach meiner Ausbildung Kommunikationsdesign in München studieren. Mir fehlt Inspiration – ich freu mich auf Vernissagen, Ausstellungen, auf unterschiedliche Menschen, die man nicht schon vom letzten Dorffest kennt.

Und auch spontane Kneipenbesuch am Abend gehen in München einfacher als bei uns. Wir haben hier das Alte Spital, ein ehemaliges Krankenhaus, das jetzt ein Club ist. Aber die meisten Gesichter dort kenne ich auch.

Ich möchte spüren, wie weit es in der Welt noch gehen kann.

Der Weg zum Wohlfühl-Arbeitsplatz:

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Daniel Graßl, 28, SPD-Bürgermeister in Markt Teisnach

(Bild: bento)

Im Wahlkampf haben mich die Bürger gefragt, ob sie mich wirklich so jung schon ins Rathaus wählen sollen. "Dann bist du im Rathaus gefangen, können wir dir das antun", haben sie gefragt. Ich konnte mir nichts besseres vorstellen. Ich liebe meine Heimat und will mich für sie einsetzen.

Ich schätze vor allem das Vereinsleben hier. Am Wochenende waren wir nach der Gemeindemeisterschaft im Luftgewehrschießen unterwegs und gingen noch auf ein Bier in ein 4-Sterne-Hotel in der Nähe. Da haben andere Gäste unsere Gruppe angesprochen, ob wir gerade vom Holzhacken kämen, weil einer eine Lederhose trug. Diese Vorurteile müssen wir abbauen.

Ich liebe meine Heimat und will mich für sie einsetzen.

Wir sind nicht so provinziell, wie man glaubt. In Teisnach haben wir seit 2009 einen Technologie-Campus der TU Deggendorf und kommendes Jahr eröffnet die nächste Außenstelle der TU bei uns im Ort. Das LTE-Netz funktioniert auch, beim Breitbandausbau gibt es noch Baustellen.

Der Bayerische Wald ist einfach mein Zuhause. Wenn ich nach München reinfahre und nicht weiß, ob ich wegen des Verkehrs zwei oder drei Stunden brauche. Das macht mich fertig.

Laura Becker, 26, Grafikerin

(Bild: bento)

Ich habe schon in München und Stuttgart gearbeitet, aber wollte unbedingt wieder zurück. In den Betrieben, in denen ich beschäftigt war, habe ich mich nur als eine von vielen Mitarbeiterinnen gefühlt. Ich glaube nicht, dass mich jemand in Erinnerung behalten hat.

Aber hier in Viechtach da kennt man sich. Außerdem sind Freunde und Familie direkt um’s Eck. Nach der Arbeit kannst du schnell mal mit ihnen ein Bier trinken, ein Eis essen – ohne dich vorher in die enge U-Bahn zwängen zu müssen.

Als Kind vom Dorf haben mich in der Großstadt schon die schieren Menschenmassen verrückt gemacht. Alle gehen schnurstracks geradeaus, gucken in eine Richtung, wie auf einer Rolltreppe. Da habe ich mich nicht wohl gefühlt.


Gerechtigkeit

Trinidad und Tobago legalisiert Homosexualität

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Bisher war gleichgeschlechtlicher Sex in Trinidad und Tobago durch entsprechende Gesetze strafbar – das soll sich jetzt ändern. Nach einer Klage des Aktivisten Jason Jones hat das zuständige Gericht entschieden, die entsprechenden Paragraphen für ungültig zu erklären. (NBC News)