27.05.2018, 12:04 · Aktualisiert: 27.05.2018, 12:05

"Bin ich zu verwöhnt, zu schwach?"

Mit dem ersten Job ist es ein bisschen so wie mit der ersten Liebe: Hat man ihn einmal gefunden, gibt man ihn so schnell nicht wieder auf.

In den meisten Fällen aber stellt sich doch irgendwann Ernüchterung ein. Es kann am Chef liegen, an den Kollegen oder an der Tätigkeit an sich. Die rosarote Brille fällt manchmal schon in den ersten Wochen, manchmal dauert es Monate oder Jahre, bis man sich fragt: Will ich das? Kann ich das? Wie geht es weiter?

Von sich aus Schluss zu machen mit einer Arbeitsstelle, das kann kompliziert sein. Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Kündigung? Kann ich mir das leisten, ohne eine Alternative gefunden zu haben? Liegt es an mir – oder den anderen?

Wir haben drei Menschen gefragt, wieso sie ihren ersten Arbeitsplatz verlassen haben, warum ihnen das vielleicht schwergefallen ist – und wie sie heute darüber denken.

Damian, 26, kündigte nach drei Monaten

(Bild: privat / Montage: bento)

Meinen ersten Job hatte ich bei einer kleinen Beratung mit Büro am Wasser. Eine richtige Vorstellung von der Arbeit hatte ich vorher nicht. Ich hatte mir Honig ums Maul schmieren lassen. Sie sagten: Normalerweise stellen wir nur Masteranden ein, aber wir denken, du könntest das auch so. Ich dachte:

Toll, dann bin ich Berater und die Lage ist auch cool.
Damian

In Wahrheit saß ich dann nur am PC und habe PowerPoint-Präsentationen gebastelt – für Menschen, die ich nie zu Gesicht bekam. Ich habe beispielsweise Lager für Zuckerproduzenten in China geplant. Alles fühlte sich sehr weit weg an. Trotzdem standen wir unter Druck: Bis 16 Uhr muss dieses und jenes fertig sein. Wir konnten wenig selbst gestalten, alles wurde von oben herab delegiert.

Ich merkte schnell, dass mir der Kontakt zu Menschen fehlt. Außerdem komme ich vom Dorf und bin eher bodenständig. Meine Chefs und Kollegen fuhren Porsche und BMW, niemals S-Bahn. Gegenüber anderen waren sie manchmal herablassend.

Und sie nahmen ihre Arbeit sehr ernst, beschwerten sich selbst bei 50 bis 60 Stunden die Woche nicht
Damian

Irgendwann konnte ich kaum noch essen, schlief schlecht. Da ließ ich mich eine Woche krank schreiben. In der Zeit fragte ich mich: Zähne zusammenbeißen oder aufgeben?

Aber die Gesundheit war mir dann einfach wichtiger. Spätestens, wenn man krank wird oder jeden Tag mit schlechter Laune auf die Arbeit geht, ist eine Grenze überschritten.

Ich kündigte noch vor Ende der Probezeit. Weil ich keine verbrannte Erde hinterlassen wollte, sagte ich nur, dass ich mich beruflich woanders sehe. Meine Chefs reagierten sehr positiv: Die fanden meine Ehrlichkeit gut und wollten auch niemanden dasitzen haben, der sich unwohl fühlt und seine Arbeit nicht richtig macht.

Sie baten mir sogar an, das Ganze als Praktikum zu deklarieren, damit es im Lebenslauf besser aussieht.

Einen neuen Job hatte ich da noch nicht. Aber es dauerte nur zwei Monate, bis sich was Neues auftat. Bei den Vorstellungsgesprächen bin ich damit ganz offensiv umgegangen. Das kam eigentlich überall gut an. Die meisten fanden es gut, dass ich den Mut hatte, meinen Kurs zu korrigieren. Und ich wusste diesmal auch besser, was ich suche.

Carola, 29, kündigte nach vier Jahren – und kam einen Monat später zurück

(Bild: privat / Montage: bento)

Mein erster Job nach der Ausbildung zur Medienassistentin für Bild- und Tontechnik war in einem Unternehmen, das quasi neu aufgebaut wurde. Das fand ich spannend, aber auch total schwer.

Meine Vorgängerin konnte mich nur zwei Tage einarbeiten. Alles war neu und ich hatte niemanden, der mir helfen konnte. Ich kannte die gesamte Branche nicht. Was ist "B2B", welche Werbeflächen gibt es, welche Unternehmen? Das war eine Findungsphase nicht nur für mich, sondern auch für meine Kollegen.

Das war eine Findungsphase nicht nur für mich, sondern auch für meine Kollegen
Carola

Ich hatte trotzdem von der ersten Sekunde an richtig Spaß. Meine Kolleginnen waren super nett und auch bemüht – die Situation war ja für alle neu.

Nach vier Jahren aber dachte ich: Ich will mal was anderes machen. Ich wollte nicht die Mitarbeiterin sein, die man irgendwann nur noch mit dem Laden verkaufen kann. Es ging mir nicht so sehr um mehr Geld oder andere Aufgaben. Ich wollte wirklich einfach noch etwas anderes sehen.

Witzig war, dass mein Chef, mit dem ich mittlerweile sehr eng zusammenarbeitete, das Unternehmen zufällig zur selben Zeit verließ.

In der neuen Firma war das Arbeitsklima dann super schlecht. Die Bürotüren waren immer geschlossen, die Kollegen arbeiteten nicht mit-, sondern gegeneinander. Und der Chef schrie ständig rum. Da dachte ich: Mein altes Team war cool, hier ist alles furchtbar. Ich kündigte noch im ersten Monat.

Ich rief unter Tränen meinen alten Chef an und sagte ihm, dass ich ganz dringend mein Arbeitszeugnis bräuchte. Er war irritiert und schlug vor, dass wir uns auf einen Kaffee treffen. Da erzählte er mir, dass er selbst in ein paar Monaten in die alte Firma zurückkehren würde – und mir meinen alten Job wieder anbieten könnte. Ich dachte nur: Jackpot!

Die Kündigung in der ersten Firma bereue ich trotzdem nicht. Ich habe etwas ausprobiert und bin gescheitert – das ist auch eine Erfahrung.

Stefan, 32, kündigte nach einem Jahr und zehn Monaten

(Bild: privat / Montage: bento)

Ich habe Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert und nach dem Studium digitale Werbekampagnen für Kunden geplant.

Der Job war von Anfang an nicht mein Traum, ich dachte nur, er könnte ein Karrieresprungbrett sein. Eigentlich wollte ich in die Finanzbranche.

Doch ich fand es spannend, etwas Neues zu lernen. Die Firma schien dynamisch, der deutsche Ableger hatte nur ein Dutzend Mitarbeiter. Das gefiel mir, ich dachte: Hier kannst du dich einbringen.

Hier kannst du dich einbringen
Stefan

Aber ich kam nicht hinterher. Das hat mich desillusioniert: Dass ich etwas nicht konnte oder zumindest nicht so gut, wie ich gern wollte.

Die Bezahlung war auch scheiße. Dazu kamen ziemlich viel Druck und wenig Wertschätzung. Wenn eines dieser drei Dinge fehlt, kann man das mit den anderen ausgleichen. Aber wenn alle drei Dinge fehlen, geht das nicht.

Mein Chef sagte meistens nichts – und wenn, dann nur:

Was hast du da wieder gemacht?
Stefans Chef

Das erste Mal kündigen wollte ich schon nach einem halben Jahr. Das habe ich auch meinem Chef gesagt, der meinte: "Bleib dran, das wird besser."

Ich dachte: Halte das zwei Jahre durch, dann bist du Senior, kriegst ein höheres Gehalt und kannst wechseln.

Ich wollte nicht so schnell hinschmeißen. Das fand ich unwürdig. Manchmal muss man sich eben durchbeißen. Aber ich baute immer mehr Druck in mir auf, bewegte mich kaum noch, trank zu viel.

Mit meiner Mitbewohnerin, meinen Eltern und Freunden sprach ich nur noch über den Job, das war, glaube ich, auch für sie ätzend. Die Arbeit bestimmte mein Leben. Ich hatte ständig Magenkrämpfe. Die zwei Jahre hielt ich nicht aus.

Lange stellte ich mir Fragen. Bin ich zu verwöhnt, zu schwach? Bin ich mir selbst gegenüber nicht hart genug? Aber ich muss sagen: nein. Ich habe so hart gearbeitet, wie ich konnte.

Der Tag, an dem ich kündigte, war vielleicht der beste meines Lebens.

Rückblickend hatte ich ihn viel zu lang hinausgezögert
Stefan

Ich lernte dadurch, dass ich mehr auf meinen Bauch hören und mir selbst mehr Wohlwollen entgegen bringen muss. Vielleicht bin ich nicht so belastbar wie andere. Ich könnte deswegen rumheulen – oder ich suche nach der besten Möglichkeit, damit zu leben.

Ich hatte noch keinen neuen Job in Aussicht, aber hatte genug gespart, um eine Weile über die Runden zu kommen.

Momentan lebe ich bei meinen Eltern und arbeite an einem eigenen Unternehmen. Meine Leidenschaften sind Programmieren und Datenanalyse.

Klar, wenn ich Freunde anschaue, die einen Job oder eine Familie haben, dann belastet mich meine Situation auch mal. Werde ich jemals finden, was ich wirklich machen will? Ohne, dass ich dadurch krank werde? Ich glaube daran, dass es einen Platz für mich gibt. Jetzt muss ich ihn nur noch finden.


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