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Bild: Tandemploy

Future

Du willst mehr Freiheit? Teil dir deinen Job!

01.02.2016, 16:43 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

So funktioniert Jobsharing

Festanstellungen haben durchaus Vorteile: festes Einkommen, geregelte Arbeitszeiten, Sicherheitsgefühl. Die 40-Stunden-Woche ist aber nicht für jeden etwas – vielen fehlt Zeit für die Familie, für Freunde, für eigene Projekte oder Hobbies. Jobsharing kann eine Alternative sein. Dabei teilen sich zwei Menschen ihre Stelle: zwei Personen, ein Arbeitsplatz.

Netter Nebeneffekt: Die Teilzeitstelle muss nicht das Ende der Karriere bedeuten. Unternehmen besetzen schließlich nicht eine halbe Stelle, sondern eine volle. So können sich zwei Jobsharer verantwortungsvolle Tätigkeiten wie zum Beispiel Teamleitungen teilen. Für die Abstimmung untereinander sind die Tandempartner verantwortlich. Das erfordert Vertrauen.

Ein Berliner Start-up will dabei helfen, den richtigen Partner fürs Jobsharing zu finden. Gemeinsam soll sich das Tandem auf ausgeschriebene Stellen bewerben. Tandemploy hat auch gleich eine Datenbank mit Unternehmen, die dem Modell offen gegenüberstehen und für Inserate und Vermittlungen zahlen. Seit Oktober 2013 gibt es die Tandem-Plattform von Jana Tepe und Anna Kaiser, rund 200 Arbeitspaare haben sich seitdem gefunden.

Wie Jobsharing in der Praxis funktioniert, erzählen zwei Tandems:


Steffen und Yannic

Steffen und Yannic

Steffen und Yannic (Bild: Tandemploy)

Yannic und Steffen arbeiten bei Tandemploy im Verkauf. Beide arbeiten 30 Stunden pro Woche. Steffen hat im September 2015 bei dem Start-up angefangen. Weil er nebenbei weiter studiert, wünschte sich der 27-Jährige einen Tandempartner. Bei der Bewerberauswahl wurde schnell klar, dass die Vorstellungen von der gemeinsamen Arbeit bei Yannic am besten passten.

"Wir waren uns schnell einig, was wir erreichen wollen, wie wir die Arbeit aufteilen", sagt Yannic. Einen Tag in der Woche hat er frei, an den anderen Tagen kann er seine Arbeitszeit flexibel einteilen. Yannic hat einen kleinen Sohn. Wenn es darum geht, wer ihn aus der Kita abholt, kann er sich mit seiner Partnerin flexibel abstimmen. Auch sie ist unter die Jobsharer gegangen: Bei Coca-Cola teilt sie sich eine Stelle in der Personalentwicklung mit einem Tandempartner.

Steffen kann seine Arbeitszeit an die Vorlesungszeiten der Uni anpassen. Wichtig ist beiden Männern, dass sie sich regelmäßig absprechen, und immer wenigstens einer von beiden im Büro ist. An einem Tag in der Woche müssen beide da sein: Um sich zu koordinieren, zu brainstormen, Ergebnisse zu besprechen.

Wenn mein Sohn krank war und ich zu Hause bleiben musste, habe ich trotzdem bei jeder Gelegenheit meinen Laptop angeschaltet und gearbeitet.
Yannic

Bei seinem alten Arbeitgeber sei er nicht so flexibel gewesen, erzählt Yannic. Zwar hätte man ihm angeboten, in Teilzeit zu arbeiten, doch das bedeutete für das Unternehmen gleichbleibendes Arbeitspensum mit Vier- anstatt Fünf-Tage-Woche. "Wenn mein Sohn krank war und ich zu Hause bleiben musste, habe ich trotzdem bei jeder Gelegenheit meinen Laptop angeschaltet und gearbeitet", sagt Yannic. Jetzt sei Steffen mit allen wichtigen Themen vertraut und könne so auch einmal einen Termin für Yannic übernehmen. "Das ist viel entspannter." So ist es auch, wenn einer der Partner Urlaub hat. Der andere ist in alle Arbeitsbereiche eingearbeitet und kann wichtige Themen übernehmen.

Inka und Sabine

Inka und Sabine

Inka und Sabine (Bild: Viktoriya Iolap)

Sabine und Inka teilen sich eine Stelle als Personalmanagerin bei einem Unternehmen für Medizintechnik. In ihrem alten Job – 13 Jahre Vollzeitarbeit, bei der Überstunden die Regel waren – fühlte sich Inka ausgebrannt. "An Wochenenden hatte ich nur noch Zeit für dringend notwendige Erledigungen, für mich selbst blieb keine Zeit", erinnert sich die 48-Jährige. Sie recherchierte nach alternativen Arbeitsmodellen und entdeckte Sabines Lebenslauf bei Tandemploy. Die 43-Jährige wollte sich ehrenamtlich engagieren und ein soziales Projekt starten: Dafür brauchte sie mehr Zeit.

Viele Arbeitgeber haben Bedenken

Inka schrieb Sabine über das Portal an, die beiden verabredeten sich zum Kennenlernen – ein bisschen wie beim Online-Dating. Die beiden Frauen bewarben sich gemeinsam auf Jobs – und sprengten mit ihren doppelten Arbeitszeugnissen so manches Bewerbungsportal. "Das war in vielen Fällen der Türöffner", erinnert sich Inka, "denn dann konnten wir die Personaler telefonisch schon mit unserer Idee konfrontieren und sind in Erinnerung geblieben." Nach zwei Monaten bekamen die Frauen die erste Einladung zum Vorstellungsgespräch. "Wir wussten, dass viele Arbeitgeber Bedenken haben, weil Jobsharing für sie ein ganz neues Modell ist", erklärt Inka, "deshalb wollten wir im Gespräch gleich alle Zweifel ausräumen." Also erklärten sie, wie sie die Arbeit aufteilen wollen und wie sich ihre Kompetenzen ergänzen. Der Arbeitgeber war überzeugt und stellte das Tandem ein.

Es war das einzige Vorstellungsgespräch, das Inka und Sabine gemeinsam antraten. Später gab es noch Einladungen, von vielen Arbeitgebern bekamen sie aber Absagen.

Ganz ohne Überstunden geht es nicht

Jetzt teilen sie sich die Verantwortung für rund 60 Mitarbeiter – mit jeweils 20 Stunden pro Woche. Ihre zuvor ausgearbeiteten Zeitpläne mussten sie aber schon bald ändern. "Wir hatten nicht mit so viel Abstimmungsbedarf gerechnet und deshalb anfangs zu wenig gemeinsame Zeit eingeplant", erklärt Sabine. Mittlerweile haben sich die Frauen gut eingespielt. Ganz ohne Überstunden kommen sie dennoch nicht aus. Immerhin bleibt aber trotzdem mindestens ein Tag in der Woche, an dem eine der beiden zu Hause bleibt – guten Gewissens, sagt Sabine. "Weil man weiß, dass die Partnerin alles im Griff hat."

Was passiert, wenn eine der Partnerinnen kündigt, haben sich die Frauen auch überlegt. "Man müsste eine sehr konkrete Stellenausschreibung verfassen, um jemanden zu finden, der die Kompetenzen des Tandempartners ergänzen kann", meint Inka, "und die Chemie muss natürlich stimmen. Das ist das Wichtigste."

Das sie irgendwann wieder in Vollzeit arbeiten werden, schließen Inka und Sabine nicht aus. Auch Yannic und Steffen schätzen das so ein. "Es kommt immer darauf an, welche Prioritäten man setzt", erklärt Yannic, "Ist es mir gerade wichtig, möglichst viel Geld zu verdienen – oder mehr Zeit zu haben und flexibel zu sein?"