Bild: Katharina Hölter/bento

Future

Wie Raffaela versucht, Influencerin zu werden

28.12.2017, 11:51 · Aktualisiert: 30.12.2017, 14:09

"Vielleicht bin ich ja irgendwann mal ein Vorbild für andere"

Raffaela hat eigentlich schon alles, was eine Influencerin braucht. Einen roten Hosenanzug, buntes Make-up, einen Zwergspitz namens Moses. Und einen Freund, der geduldig Fotos von ihr macht. Ihr "Instagram-Husband" heißt David.

Soweit der Social-Media-Star-Nachwuchs. Aber im Moment hat Raffaela, 20, mit Blog und Kanal noch nichts verdient. Eigentlich studiert sie Landschaftsarchitektur, arbeitet nebenbei im Fitnessstudio und im Altenheim, lebt in Potsdam und fährt einen klapprigen Citroen Saxo. Von Glamour keine Spur, stattdessen wandert eine Laufmasche ihr Bein nach oben.

Doch bald soll sich das Konto füllen. Raffaela träumt von einem Leben als Influencerin.

Was sind Influencer?

Das sind Menschen, die wegen ihrer großen Zahl an Followern von Unternehmen für die Verbreitung von Werbung angefragt werden. 

Sie sind also eine Art menschliche Werbeplattform. Ein Beispiel: Die Influencerin Caro Daur kooperiert mit der Kosmetik-Marke Mac, gibt sogar einen eigenen Lippenstift heraus. Die Bilder dazu zeigt sie auf ihrem Account. Im Jahr soll sie mit solchen Werbedeals eine Million Euro verdienen.

Wer sich früher bei "Germany's Next Topmodel" bewarb, will heute Influencer werden. Der Vorteil: Man muss nicht darauf hoffen, dass Heidi einem ein Foto überreicht. Die Karriere lässt sich planen – für 4500 Euro.

So viel kosten die 56 Unterrichtsstunden an Deutschlands erster Influencer Marketing Academy in Berlin. Die Einzel- und Gruppenkurse sollen beim Start in die Social-Media-Karriere helfen. Die Akademie gehört zu Ecomex, einer zertifizierten Weiterbildungseinrichtung, die sich sonst vor allem um Existenzgründer oder Arbeitssuchende kümmert, die zum Marketing-Training kommen.

Standort Berlin Charlottenburg, viel befahrene Straße, eine helle Etage in einem Bürogebäude, Teppich, Lamellen-Vorhänge, Bilder von deutschen Großstädten, es riecht mehr nach Arztpraxis als nach Universität.

Hier hat man erkannt: Auch Bildungseinrichtungen können an dem Hype um Influencer Geld verdienen. Seit September haben sich rund 80 Menschen angemeldet, um Influencer und Unternehmen im Marketing zu unterstützen oder, um selbst Influencer zu werden. Raffaela ist eine von ihnen.

Raffaela, David und Moses – so bereiten sie sich auf die Zweitkarriere vor:

Katharina Hölter/bento
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Wer Tausende Euros bezahlt, bekommt dafür Einzelcoachings mit Dozent Sascha Schulz. Er trägt eine schwarze Brille und Drei-Tage-Bart, sein Hund Cookie weicht ihm nicht von der Seite. Früher beriet er die Deutsche Telekom, das GQ-Magazin und die Bausparkasse Hameln. Heute Raffaela.

Sie wirft immer wieder ihre Haare zur Seite, zupft an ihrer Bluse. Auf dem Lehrplan stehen Selbstvermarktung, Erlös- und Leistungsmodelle, Kapitalbedarf, Kostenplanung und Personal Coaching. Was sich die Influencer der ersten Stunde selbst beigebracht haben, kostet hier mehrere tausend Euro.

Sie solle noch an die Kameraausrüstung denken, sagt Stefan. "Logisch", antwortet Raffaela. Lange Texte seien gut, um über Google gefunden zu werden. "Logisch." Sie solle sich auf allen sozialen Plattformen den selben Nutzernamen sichern. Nachher schnappe ihr den noch jemand weg. "Logisch."

Raffaela blickt abwechselnd auf den Bildschirm mit der Power-Point-Präsentation, dann schreibt sie alles schnell in ihren Notizblock. Präsentation, Notizen, Präsentation, Notizen.

Raffaela will es wirklich schaffen.

Aber warum ausgerechnet Influencer? "Ach, das war Zufall", sagt Raffaela. Sie möge es, zu modeln. Kurz habe sie auch mal überlegt, Modedesign zu studieren. Sie würde niemals einen Job ausüben wollen, bei dem man ausschließlich am Schreibtisch sitze. Von ihren Eltern kenne sie das unabhängige Leben, der Vater ist selbständiger Redenschreiber und Anwalt, die Familie ist zahlreiche Male umgezogen.

Vor gut einem Jahr wusste Raffaela noch nicht mal, wer Caro Daur ist. "Erst im Studium habe ich mitbekommen, wie sich meine Kommilitonen immer über neue Postings unterhalten haben", sagt sie. Dann habe auch sie damit begonnen, anderen Instagram-Kanälen zu folgen und sich gedacht: Was die können, kann ich auch. Vor der Kamera posieren, Deko- und Modetipps geben.

Über Google fand sie die Influencer Academy.

In der Wohnung haben sie und Freund David einen eigenen begehbaren Kleiderschrank. Voll bis oben hin, mit Schuhen, Blusen, Jacken. Ein bisschen mondän, ein bisschen Neunziger, ein bisschen Pferdemädchen.

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Denn noch mehr als von einem Leben als Influencerin träumt Raffaela von einem Hof mit Tieren. Pferde und Hunde überall. Das muss erst mal finanziert werden.

Deswegen heißt Raffaela bei Instagram jetzt "reduxglory" und hat sich alte Gemäuer zum Konzept gemacht.

Raffaela vor verwitterten Säulen, Raffaela im Torbogen, einer Ruine mitten im Wald. "Diese ganzen Mode- und Lifestyle-Blogs sehen doch alle gleich aus. Alles so schlicht und clean", sagt Raffaela. Bei ihr soll das anders sein.

Wer individuell sein will, der muss was finden, was noch keiner hat: verlassene Grundstücke. Und so schreibt Raffaela auf ihrem dazugehörigen Blog jetzt auch über Tipps für Picknicks im Park und alte Kupferbadewannen.

"Vielleicht bin ich ja auch irgendwann mal ein Vorbild für andere", sagt Raffaela.

Einige Promis wie Elyas M'Barek belächeln das und können nicht verstehen, warum Influencer ausgerechnet ein Beruf sein soll. Doch es gibt längst Agenturen, die nichts anderes tun, als Influencer und Unternehmen für Werbedeals zusammenzubringen. Der Handelskonzern Otto bildet seine Influencer gleich selbst aus. Statt Anzeigen in Zeitungen zu schalten, lassen Unternehmen ihre Produkte in einem Instagram-Posting anpreisen. Für einen Post über einen Kanal mit 10.000 Followern zahlen Firmen ab 100 Euro, solche Zahlen kursieren an der Akademie. Stefanie Giesinger, Masha Sedgwick, Marina the Moss verdienen längst ihren Lebensunterhalt damit.

Raffaela denkt auch ans Geld – "klar". Aber auch an Selbstbestimmung, eigene Zeiteinteilung, ständig neue Leute kennenlernen.

Aber wird sich diese Idealvorstellung auch erfüllen?

Knallharte Verhandlungen um Verträge, eine ständige Bewertung, weniger Privatleben. Und erst einmal muss eine Fan-Base her: Frauen in Raffaelas Alter, die sich weniger als Berliner Szene-Girl fühlen, sondern eher als elegante Naturliebhaber. Raffaela muss die Themen für ihren Blog planen, Google-optimierte Texte schreiben, an Algorithmen denken, außerdem muss sie vielen anderen Instagram-Accounts folgen, kommentieren, Interaktion schaffen.

Und dann muss sie Firmen auf sich aufmerksam machen, die Raffaelas Follower als Kunden gewinnen wollen. "Je nachdem, wie sich das Alter und die Kaufkraft deiner Zielgruppe entwickeln, könntest du vielleicht mal an Vintage-Möbellieferanten oder Hersteller von Reitzubehör denken", sagt Dozent Sascha. Raffaela grübelt. Genau so sieht ein typischer Vormittag an der Instagram-Akademie aus.

"Es ist ein Experiment", weiß Raffaela. Seit einer Woche ist ihr Account jetzt am Start – mit derzeit 300 Followern. Eine Kooperation mit dem Schlösserland Sachsen ist schon vereinbart.

Sollte es nicht klappen mit der Influencer-Karriere, sei da ja immer noch ihr Studium.


Future

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