Bild: bento

15.06.2018, 09:22 · Aktualisiert: 15.06.2018, 14:21

Wie geht das?

Es gibt diese Momente, die fühlen sich groß an, auch wenn es manchmal nur um Kleinigkeiten geht. Momente, in denen man merkt: Ich bin jetzt wohl erwachsen. Versicherungen abschließen zum Beispiel, die Miete vom eigenen Gehalt bezahlen oder eine Steuererklärung machen.

Für Gesche ist dieses Gefühl auch ein Ort. Und der ist groß. An einem Montagmorgen im Juni zeigt die 29-Jährige durch das Gitter einer Baustelle in Hamburg-Wilhelmsburg, die wie eine Zahnlücke zwischen zwei Gebäuden klafft. Bald werden die Arbeiter kommen, diese Woche müssen die Wände im Erdgeschoss hochgezogen werden. Gesche lacht: "Es ist komisch, zu wissen: Das ist auch meine Baustelle. Das fühlt sich seriöser an, als ich mich selbst wahrnehme."

Vor ein paar Monaten erst hat Gesche ihr Kunststudium abgeschlossen. Gerade hält sie sich mit drei Jobs über Wasser, verkauft Klamotten in einem Laden, Gemüse auf dem Markt und assistiert Menschen mit Behinderungen. Ihre Jobsituation, das vergoldete Piercing zwischen den Nasenflügeln, die Tattoos auf ihrem Arm: Die junge Frau wirkt nicht wie die typische Eigentümerin eines Hauses in einer der teuersten Städte Deutschlands.

Gesche: "Es ist komisch zu wissen: Das ist auch meine Baustelle." (Bild: bento)

Sowieso, ein Haus bauen, das klingt nach Immobilienhaien, die sie überteuert an Gutverdiener vermieten – und den Rest vertreiben. Oder nach Vorstadtmonotonie, Rasenmähen und lebenslangen Kreditraten. Nach sicheren, gut bezahlten Jobs, nach Erben und Festlegung. Ein Haus bauen, das ist nichts für einzelne Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen. Nichts für Menschen wie Gesche.

Oder eben doch.

"Für mich ist das politisches Engagement", sagt sie, während sie auf einem Sofa vor der Baustelle aus einem Pfandbecher Kaffee trinkt. Sie will der sozialen Ungleichheit etwas entgegensetzen, gesellschaftliche Strukturen verändern. "Niemand fängt mit den gleichen Chancen an", sagt sie. Wohnraum werde immer knapper, Nachbarschaften anonymer. Es geht um eine Gemeinschaft, in der sich alle gegenseitig unterstützen – und um bezahlbaren Wohnraum.

Allein innerhalb der vergangenen vier Jahre sind die Mieten in Deutschland um 30 Prozent gestiegen. In Städten wie Frankfurt, Hamburg oder München kostet ein WG-Zimmer schon mal 600 Euro. Das Netto-Einkommen hingegen hat im selben Zeitraum nur um zehn Prozent zugelegt. Die Zahl geförderter Sozialwohnungen sinkt seit Jahren, weil Immobilienunternehmen zu wenig daran verdienen. Es gibt politische Ansätze, den sozialen Wohnungsbau wiederzubeleben. Aber Politik ist behäbig. (SPIEGEL ONLINE)

Gesche wollte nicht warten.

Im Infoladen, einem politischen Raum der linken Szene, hängen Poster an der Wand: "Feste feiern, wie sie fallen", Flyer für politische Workshops liegen herum, über der Theke baumeln Glühbirnen in grünen Glasflaschen von der Decke. Hier trifft sich Gesche regelmäßig mit den anderen der Gruppe "Rialto".

Rialto, das war mal ein Kino in Hamburgs größtem Stadtteil Wilhelmsburg, das lange leer stand. Anfang des Jahres wurde das baufällige Gebäude abgerissen. Statt vergilbter Fassade und leblosem Raum soll hier ein Beispiel für alternatives Wohnen entstehen.

Die Bauherren: 15 Erwachsene zwischen Mitte 20 und 40, vier Kinder.

Der Plan: Fünf Stockwerke für bis zu 24 Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, Einkommen, kulturellen Hintergründen.

Ein Gegenentwurf zur anonymen Nachbarschaft, in der keiner mehr weiß, wem man vor dem Urlaub seinen Ersatzschlüssel geben soll. In der nur einzieht, wer es sich leisten kann. Fünf Stockwerke für mehr Miteinander, mitten in der anonymen Großstadt – Stadtentwicklung von unten.

Einige der Gruppenmitglieder kennen sich seit fast zehn Jahren. Sie studieren, arbeiten als Sonderpädagoginnen und -pädagogen, Lehrerinnen und Lehrer. Was sie verbindet: Der Wunsch nach mehr Gemeinschaft und weniger Abhängigkeit vom Mietmarkt.

Etwas, das über ihre Lebenszeit hinaus besteht.

Hohe Mieten, die Anonymität in Städten und Vereinsamung drängen Menschen zunehmend in Mikro-Gemeinschaften. Sie leben in Mehrgenerationenhäusern, Kommunen oder werden Teil von Wohngenossenschaften. Der Regionalsoziologe Micha Fedrowitz schätzt die Zahl gemeinschaftlicher Wohnprojekte in Deutschland auf mehrere Tausend.

Die Rialtos organisieren sich demokratisch. Einmal die Woche kommen sie zu einem Plenum zusammen, einer Art Vollversammlung, in der sie Entscheidungen besprechen. Für ihre Finanzen, die Bauausführung, Buchhaltung oder Öffentlichkeitsarbeit haben sie Arbeitsgruppen gegründet.

Lars ist 30, fängt im August sein Referendariat an einer Hamburger Schule an und kümmert sich unter anderem um die Kommunikation mit der Baufirma. Er klappt den Laptop auf seinem Schoß auf, 25 Punkte stehen heute auf der Agenda.

"Wollen wir Riemchen an der Fassade oder nicht?"

"Welche Anschlüsse brauchen wir in der Küche im Erdgeschoss?"

"Sollen die Glastüren im Erdgeschoss mit Rahmen versehen werden?"

Rund einen vollen Arbeitstag pro Woche stecke er in das Projekt, sagt Lars. Ein Haus bauen, und das auch noch in Gemeinschaft, ist ganz schön viel Arbeit. Seit 2014 gibt es sie schon, der Bau begann Anfang 2018.

Vier Vorschläge für die Außenfassade des Rialto-Hauses (Bild: bento)

Und natürlich kostet das Ganze: 2,5 Millionen Euro. Das fehlende Kapital sei das größte Problem gewesen, sagt Gesche.

Wer einen Hausbaukredit von der Bank will, braucht Eigenkapital. Wieviel, kommt auf den Kredit an. Fakt ist: Ein paar Zehntausend Euro sollten es schon sein. Den Kredit zahlen die meisten über Jahrzehnte ab.

Keiner der Rialtos hatte so viel Geld. Wie baut man trotzdem ein Haus?

Viele gemeinschaftliche Projekte wenden sich an das Mietshäuser Syndikat, ein Verbund von 145 Hausprojekten und Initiativen in ganz Deutschland. Das Syndikat wurde Anfang der Achtzigerjahre in Freiburg gegründet, nachdem ein paar Menschen in Gemeinschaft erfolgreich ein altes Haus saniert und bezogen hatten. Heute berät und hilft es anderen – und unterstützt sie bei der Finanzierung, auch ohne Eigenkapital.

Wird ein Gebäude einmal Teil des Syndikats, ist es quasi unverkäuflich. Das Ziel: Wohnraum dauerhaft dem Mietmarkt entziehen und damit langfristig bezahlbar machen. (SPIEGEL ONLINE)

So funktioniert das Mietshäuser Syndikat:

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Allerdings geht es dabei meist um bestehende Gebäude. Der Umgang mit Neubauten war auch für das Syndikat neu. Das Projekt Rialto musste daher einen komplizierteren Weg gehen:

  • Sie arbeiten eng mit einem anderen Hausprojekt zusammen, ihren direkten Nachbarn von "GoMokry". 40 Menschen wohnen dort auf insgesamt 1000 Quadratmetern. (GoMokry*)
  • Die GoMokrys sind Teil des Mietshäuser Syndikats und haben das Grundstück mit dem Geld der Rialtos gekauft. Offiziell verpachten sie es an die Gruppe – über 60 Jahre.
  • Nach Ablauf des Erbpachtvertrags wird das Haus Teil des Grundstücks und fällt an die GoMokry GmbH – und damit auch ans Mietshäuser Syndikat.
  • Dadurch wird es ebenfalls unverkäuflich.

Wer mitmachen will, muss mindestens einen Genossenschaftsanteil von 100 Euro erwerben plus fünf Euro Monatsbeitrag für den gemeinsamen Verein. Nicht viel für ein Eigenheim.

Wie finanziert sich die Gruppe Rialto?

  • Rund 2 Millionen Euro stemmt die Gruppe über Bankkredite und einmalige staatliche Förderungen – beispielsweise durch Einhaltung von Energiestandards oder barrierefreier Grundausstattung.
  • 500.000 Euro musste sie über Genossenschaftsanteile einwerben. Dafür haben die Mitglieder Verwandte, Freunde und Bekannte angesprochen. 
  • Wer Anteile kauft, wird Teil der Genossenschaft. Sobald diese Gewinn macht, werden die Mitglieder daran beteiligt.
  • "Das wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren aber nicht passieren", sagt Gesche. Wer mitmacht, helfe vor allem dabei, langfristig bezahlbare Mieten zu schaffen.

Die künftigen Bewohner zahlen später ganz normal Miete: 6,70 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Laut dem letzten Mietspiegel lag der Durchschnittspreis für einen Quadratmeter in Hamburg zuletzt bei 8,44 Euro. (Süddeutsche.de)

Über die Mieteinnahmen zahlt die Genossenschaft dann die Bankkredite ab. Wer ausziehen will, hinterlässt weder Schulden noch Vermögen – sondern sucht einfach einen Nachmieter. Solange ausreichend Menschen das Haus bewohnen und Miete zahlen, läuft die Kredittilgung ganz normal weiter.

Hauke, ein großer Mann in kurzen Hosen, ist 34, arbeitet als Assistent für Menschen mit Behinderung und studiert soziale Arbeit. Ob er am Ende mit Freundin und Kind wirklich in das Haus einzieht, sei gar nicht sicher. Mit der Familie wolle er vielleicht lieber aufs Land.

Was hat er dann davon?

Ich baue das nicht für mich.
Hauke

Er finde das Projekt schlicht sinnvoll: Dass im Erdgeschoss ein öffentlicher Raum für die Nachbarschaft geschaffen wird und Wohnraum entsteht, der langfristig für alle bezahlbar bleibt. "Es ist wie ein Hobby", sagt er. Und für die Gemeinschaft.

Hauke (l.) und Lars engagieren sich in der Bauausführungs-AG. (Bild: bento)

Für die Gemeinschaft wollen sie ihr Wissen auch weitergeben. Dafür haben die Rialtos eine Dach-Genossenschaft gegründet. Gruppen, die ähnliche Projekte umsetzen wollen, können sich ihnen anschließen, ohne dafür eine eigene Genossenschaft gründen zu müssen. (Projekt Rialto)

Eins aber bleibe schwierig: "Die Diversitätsfrage ist frustrierend", sagt Gesche. Mit ihrem Projekt wollen sie Menschen ansprechen, die es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer haben: alleinerziehende Mütter, Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund, ohne klassische Erwerbsbiografie. "Aber wir haben gemerkt, dass sich gesellschaftliche Strukturen in unserer Gemeinschaft fortschreiben."

Die Rialtos, das seien am Ende vor allem weiße Akademiker mit deutschem Pass. Vielleicht keine Großverdiener, aber trotzdem eine privilegierte Gruppe, wenn man so will. Wie also Menschen mit anderem sozialen oder kulturellen Hintergrund ansprechen, wenn man gar nicht weiß, welche Bedürfnisse diese Menschen haben?

"Uns wurde klar, dass allein die Architektur der Wohnungen andere ausschließt", sagt sie. In ihrer Blase seien die meisten mit dem Konzept von WGs vertraut. Aber andere Menschen fühlen sich davon vielleicht gar nicht angesprochen. Deswegen hat die Gruppe auch zwei Ein-Zimmer-Wohnungen in die Planung aufgenommen. Aber auch das wird nicht reichen, um Vielfalt zu schaffen. "Wir sind in dieser Diskussion noch nicht am Ende."

Zeit haben sie. Rialto, das soll ja was von Dauer sein.


Queer

Schwule werden beim Karriereaufstieg stärker benachteiligt

15.06.2018, 08:28 · Aktualisiert: 15.06.2018, 08:29

Ja, es gibt eine "schwule Gläserne Decke".

Frauen kennen das Phänomen der "Gläsernen Decke" seit Jahren. Egal, wie sehr sie sich im Job bemühen – irgendwann ist auf der Karriereleiter Schluss und die oberen Etagen können sie nur wie durch eine Scheibe betrachten. 

Tatsächlich trifft die "Gläserne Decke" nicht nur Frauen, sondern auch Angehörige von Minderheiten und verschiedener sexueller Orientierung. Nun haben deutsche Forscher genauer untersucht, welche Karrierechancen schwule Männer haben – mit traurigem Ergebnis.

Für Homosexuelle gibt es eine Art "schwule Gläserne Decke", sagen die Forscher. Und die durchbricht in seiner Karriere nur, wer deutlich besser gebildet ist als Heteros in vergleichbaren Positionen.