Bild: Jan Petter

Future

Foodora und Deliveroo: So geht es bei den Lieferdiensten wirklich zu

01.12.2016, 10:48 · Aktualisiert: 23.03.2017, 22:23

​Siebzehn Minuten – so lange dauert es, bis Deliveroo mich einstellen will

Lieferdienste: So haben wir die Geschichte recherchiert

Für diese Geschichte waren wir mehrere Wochen lang unterwegs. Als ganz normale Bewerber bei Foodora und Deliveroo. Im Gespräch mit mehreren (ehemaligen) Fahrern in Hamburg und Leipzig. Bei Touren am Sonntagabend quer durch Eimsbüttel. Wir haben die beiden Unternehmen kontaktiert und ihnen die Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben. Und die Gewerkschaft Verdi befragt. Zusätzlich haben wir außerdem noch mit einem unabhängigen Rechtsexperten gesprochen.

Sie sind türkis oder pink gekleidet und offensichtlich im Stress, auf dem Rücken gigantische Styroporboxen. Die Fahrer von Deliveroo und Foodora liefern Essen für Restaurants aus, die eigentlich keinen Lieferservice anbieten. Das Geschäftsmodell der beiden Start-ups gilt als hip und modern.

Doch wie modern sind die Arbeitsbedingungen für die Fahrer? Ich beschließe eines Abends, genau das herauszufinden und bewerbe mich spontan.

So präsentiert Foodora die eigene Arbeit:

Die Bewerbung ist die einfachste meines Lebens

Name, Wohnort. Dann die Frage, ob ich lieber mit einem Motorrad oder dem Fahrrad zur Arbeit kommen möchte. Beides müsste ich selbst mitbringen, ein Smartphone auch. Denn darüber erhalten die Fahrer ihre Aufträge. Ich fülle das Deliveroo-Formular schnell aus und warte.

Zwei Tage später klingelt mein Telefon, doch ich verpasse den Anruf. Macht nicht’s. Nur fünf Minuten später landet eine automatisierte Mail in meinem Postfach, in der mir für das nette Telefonat gedankt wird. In der kommenden Woche soll ich zum Bewerbungsgespräch vorbeikommen.

Ein paar Tage später in einem Hamburger Bürogebäude. Es dauert, bis ich Deliveroo gefunden habe: An der Eingangstür hängt nur ein Stück Papier mit dem Firmennamen. Im Büro werde ich dafür umso herzlicher begrüßt. Max, der eigentlich anders heißt, stellt sich als "Shift Manager" vor, wenn ich mich richtig erinnere und begrüßt mich mit High-Five. "Alles gut?"

Wir sind beide vermutlich gleich alt. Max trägt ein weißes Hemd unter seinem blauen Pulli und teure Schuhe. Er führt mich zu einer mobilen Trennwand an der Seite des Großraumbüros, davor Styroporboxen und Pizzakartons, dahinter soll mein Bewerbungsgespräch stattfinden. Das Büro wirkt wie eine Kulisse aus der Start-up-Serie “Silicon Valley”.

​“Wenn du hier fertig bist, hast du auch mal für ein Start-up gearbeitet, haha!”
Max, Deliveroo-Mitarbeiter

Was dann folgt, ist das vermutlich einfachste und seltsamste Gespräch meines Berufslebens. “Warum willst du bei Deliveroo Essen ausliefern?”, fragt mich Max. Ich stammle etwas vom Ende meines Studiums und einer neuen Herausforderung. Dazu lächle ich möglichst dankbar, um bloß nicht verdächtig zu wirken. Max scheint zufrieden. “Ja, sehr gut. Wir lieben Herausforderungen. Wenn du hier fertig bist, kannst du sagen, du hast auch mal für ein Start-up gearbeitet, haha!”

Dann geht es ums Geschäftliche. Max zeigt mir auf seinem Macbook eine Präsentation über den Job, ich nicke und lächle einfach weiter. Die Präsentation erklärt mir Schritt für Schritt, was ich später machen soll. Das heißt im Wesentlichen: An jeder Station meiner Tour neue Knöpfe in der Liefer-App drücken. Deliveroo verfolgt jeden Schritt, um später wahlweise meine Arbeitsweise oder die der Restaurants optimieren zu können. "Wir kennen unsere Leute", sagt Max.

Wie viele Fahrer Deliveroo in Hamburg eigentlich habe, frage ich. "Gerade so 180. Wir hatten aber auch schon 240." Und warum sind es jetzt weniger? "Wir konnten leider nicht alle behalten und nicht jeder hat hier reingepasst. Aber ein bisschen Sediment ist immer." Hat er gerade Mitarbeiter als Bodensatz bezeichnet?

Nach 17 Minuten habe ich den Arbeitsvertrag

Wenige Minuten später ist mein sogenanntes Bewerbungsgespräch, das ja eigentlich bereits eine Einarbeitung war, auch schon wieder vorbei. In der nächsten Woche soll ich mit unterschriebenem Vertrag zum Probearbeiten kommen. Ich verlasse das Büro und schaue auf die Uhr: Es hat 17 Minuten gedauert, bis Deliveroo mich einstellen will. Ich verzichte erst einmal.

Denn der Lieferdienst ist in Hamburg nur die Nummer zwei. Noch größer und länger am Markt ist Foodora. Das Unternehmen gehört zu Delivery Hero, dem Mutterkonzern von Lieferheld und pizza.de. Die beiden Schwesterdienste liefern vor allem Fastfood und einfaches Essen, während sich Foodora auf Sushi, Fusionsküche oder Pastrami-Sandwiches spezialisiert hat.

An Delivery Hero beteiligt ist auch Rocket Internet. Der Internet-Großkonzern ist bekannt für sein aggressives und rücksichtsloses Vorgehen. Erfolgreiche Konzepte anderer Unternehmen werden gerne kopiert, die internen Abläufe ständig optimiert. Bei ausbleibendem Erfolg werden Mitarbeiter auch mal im Dutzend entlassen.

Bei Foodora ist der Algorithmus dein Chef

Doch das, was Foodora besonders macht, ist nicht die Größe, sondern die Technik: Denn bei Foodora werden alle Lieferaufträge von einem Algorithmus vergeben. Die Fahrer werden so einbestellt, wie es der Algorithmus für sinnvoll hält. Er erstellt eine tägliche Prognose, die das Wetter und den Wochentag berücksichtigt. Angeblich berücksichtigt er sogar das aktuelle TV-Programm (Berliner Zeitung).

Wenn jemand Essen bestellt, wird der Auftrag automatisch an einen freien Fahrer verteilt. Dabei weiß der Algorithmus immer, wie schnell die Fahrer sind. Bei der Auftragsvergabe spielt auch die Geschwindigkeit der Fahrer eine Rolle. Wer schneller fährt, bekommt mehr Aufträge.

Nach jeder Lieferung wird den Fahrern gezeigt, ob sie schnell genug waren. Auch die Vorgesetzten sehen die Zeit. Der Algorithmus war wohl einer der Gründe, weshalb Foodora von Rocket Internet aufgekauft wurde. Er soll langfristig den Sieg gegen Deliveroo bringen.

Zwei Fahrer erzählen

Ich habe mich auch bei Foodora beworben. Weil die Antwort auf sich warten lässt, treffe ich mich mit Malte* und Yannik*, beide Foodora-Fahrer der ersten Stunde. Sie wollen nur mit mir reden, wenn ich ihre richtigen Namen nicht nenne. Malte fährt noch heute regelmäßig Essen aus, Yannik musste nach einem Fahrradunfall aufhören.

Beide bewundern die Idee von Foodora. Yannik sagt grinsend:

Das ist einfach geil. Es ist fast Science-Fiction. Nur dass du eben selbst dabei sein kannst. Mit deinem alten Fahrrad. Das kickt.
Yannik, 23, Foodora-Fahrer

Das Wetter ist der größte Feind

Beide zweifeln aber inzwischen, ob das Konzept von Foodora am Ende aufgehen wird. "Das ist in Wahrheit ein gigantisches Chaos. Und sie sind jetzt schon voll am Limit", sagt Malte. Das Problem seien weniger die Kunden, sondern die Fahrer. Und das Wetter. Vielleicht sogar vor allem das Wetter.

Die Formel, mit der Malte und Yannik den Arbeitsalltag als Lieferfahrer erklären, ist einfach: Je schlechter das Wetter, desto besser die Auftragslage. Je kälter und nasser es wird, desto mehr Menschen bestellen sich Essen nach Hause. Großstadtmenschen sind bequem. Das Problem ist nur: Die Fahrer sind es auch. Und nur ausgesprochen wenige von ihnen wollen bei Schnee und Eis Thai-Suppe auf dem Fahrrad ausliefern. Es kann gut sein, dass die Bedienungen in den Restaurants, in denen sie das Essen abholen, mehr verdienen. Ohne Fahrradfahren.

Mit diesen Sattelschonern wirbt Foodora an der Uni Leipzig um neue Fahrer. In der Stadt ist der Lieferdienst erst seit diesem Jahr aktiv.

Mit diesen Sattelschonern wirbt Foodora an der Uni Leipzig um neue Fahrer. In der Stadt ist der Lieferdienst erst seit diesem Jahr aktiv. (Bild: Jan Petter)

Vor dem Winter haben alle Schiss

Das ist ein echtes Problem für die Lieferdienste. "Man merkt genau, dass die alle Schiss vor dem Winter haben. Da springen denen alle ab, die auch was anderes machen können. Deshalb sind sie jetzt im Herbst wieder nett", meint Malte. Plötzlich gebe es Prämien für schnelle Fahrer und regelmäßige Bier-Runden mit den Büro-Kollegen am Hauptquartier.

Noch im Sommer hätten sich die Chefs dagegen kaum vor Kreativität retten können, wenn es darum ging, die Fahrer auch ordentlich auszulasten. "Wir mussten plötzlich auch in Parks ausliefern, damit mehr los ist. Es war die Hölle. Hast du schon einmal eine fremde Gruppe im Stadtpark gesucht?"

Auch die direkten Vorgesetzten seien ein Problem: Fast niemand unter den Fahrern wisse überhaupt, wer für was wirklich zuständig sei. Die Kommunikation laufe fast nur über WhatsApp und eine Hotline. Verantwortliche Personen wechselten regelmäßig. Viele der Chefs seien BWL-Absolventen, die nach der Uni schnell Karriere machen wollten, aber wenig Erfahrung mit Mitarbeitern hätten. Malte sagt: "Ganz ehrlich: Wer kapiert denn, was ein Shift Manager sein soll?" Ich muss an Max denken.

"Die waren teilweise so alt wie ich, manche vielleicht sogar jünger. Klar, dass die überfordert sind", sagt Yannik. Zufall sei das allerdings nicht: "Je unerfahrener die sind, desto mehr strengen die sich an, damit die Zahlen stimmen."

Das sagen Foodora-Fahrer:

Bei einem St.-Pauli-Spieler habe ich mal zehn Cent Trinkgeld bekommen und wurde rausgejagt.
Yannik
Sonntags ist am meisten los – und immer dann, wenn es richtig regnet.
Malte
Oft bekomme ich Aufträge, die schon 40 Minuten verspätet sind.
Yannik
Die App zeigt nach jeder Fahrt, wie schnell ich war. Leider spinnt das System oft aber.
Malte
Für eine bekannte TV-Moderatorin und ihren Freund sollte ich abends mal einfach Eis ausliefern.
Yannik
In unserer internen Whatsapp-Gruppe können wir Dienste tauschen, das ist stressfrei.
Malte
Wer früher bei Foodora angefangen hat, bekommt noch heute 10 statt 9 Euro Stundenlohn. Unfair.
Yannik
Die meisten machen den Job nicht länger als sechs oder sieben Monate.
Malte
Die geliehene Powerbank und die Lieferbox muss ich abends immer zurückbringen.
Yannik
Die Kunden können mich auf dem Handy verfolgen und sehen den Namen. Das ist mega gruselig.
Malte
Viele Kollegen feiern die Start-up-Mentalität und sind deshalb ziemlich unkritisch.
Yannik
Ich schätze mal, dass locker 80 Prozent der Foodora-Fahrer Typen sind.
Malte
Entweder scheiß Wetter, viele Aufträge und wenig Fahrer – oder das genaue Gegenteil.
Yannik
Am schlimmsten ist Pho-Suppe. Die läuft ständig aus und dann stinkst du 5h nach Rinderbrühe.
Malte
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Als er einen Unfall hatte, wurde er abgemahnt

Als Yannik mit seinem Fahrrad über eine Bierflasche stürzte und wochenlang ausfiel, schickte ihm sein Chef eine Abmahnung. “Der wusste nicht, was eine Krankschreibung bedeutet”, sagt Yannik. “Ich habe ihm dann mit dem Rechtsschutz der Gewerkschaft gedroht. Aber der kannte auch den DGB nicht.” Bis heute sei er noch offiziell Foodora-Mitarbeiter – er habe einfach keine Kündigung erhalten, nachdem er nicht mehr gekommen sei.

Der Sonntag ist der wichtigste Tag der Woche

Auch Malte hat ein Dutzend solcher Geschichten auf Lager, als ich einen Sonntag lang mit ihm Essen ausfahre. Viele davon haben mit dem Foodora-Algorithmus zu tun. Und davon, dass dieser offenbar oft weitaus schlechter funktioniert, als von Foodora dargestellt. "Als es mal ein Wochenende warm war, wurden uns allen die Schichten gestrichen. Dann gab es am Sonntagabend plötzlich ein Sommergewitter und wir sollten alle innerhalb von Minuten zur Arbeit kommen, weil sie uns doch brauchten", erzählt er.

Dass der Sonntag der wichtigste Tag für die Lieferdienste ist, habe ich schon bei meinem Bewerbungsgespräch bei Deliveroo gelernt. Dort wurde mir gesagt, dass ich grundsätzlich jede Woche arbeiten könne, wie ich wollte. Nur der Sonntag, der sei für alle Pflicht. "Wir können dich gesetzlich leider nur an drei Wochenenden im Monat verpflichten", erzählte mir Max, "aber wir gehen davon aus, dass du echt Bock hast. Deshalb würde ich dich auch am vierten eintragen. Wenn du nicht willst, kannst du natürlich immer Bescheid sagen." Auf Nachfrage wollte Deliveroo später nichts von diesem Vorgehen wissen. Man verpflichte lediglich an drei Sonntagen, so wie es gesetzlich vorgeschrieben ist.

Der Stundenlohn ist überall niedriger als beworben

Das Vorgehen ist typisch. Foodora und Deliveroo achten peinlich genau darauf, alle Vorschriften einzuhalten. "Da kann man rein rechtlich wenig beanstanden", bestätigt mir ein Hamburger Arbeitsrechtsanwalt, "das passt juristisch gesehen einfach genau."

Doch zwischen dem, was neuen Fahrern versprochen wird, und der Wirklichkeit klafft eine große Lücke. Foodora wirbt auf seiner Seite mit "bis zu 13 Euro Stundenlohn". Wo dieser gezahlt wird, konnte das Unternehmen auf Nachfrage aber nicht sagen. In Berlin erhalten Fahrer den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. In Hamburg sind es neun Euro, in Frankfurt zehn. "Marktkonform", nennt das Foodora-Gründer Julian Dames, als ich mit ihm telefoniere:

Wir sind auf einem guten Kurs und tun echt alles, damit sich unsere Mitarbeiter entwickeln können.
Julian Dames, Foodora-Gründer und -Marketingchef

(Bild: dpa)

Foodora sagt von sich selbst, dass man Gespräche mit der Gewerkschaft Verdi geführt habe. Nur auf welcher Ebene die Gespräche stattfanden, weiß heute niemand mehr. Die Gewerkschaft betont, noch nie mit Foodora über einen Tarifvertrag verhandelt zu haben. Das sei aber auch gar nicht nötig, sagt Jan Jurcyzk vom Verdi-Bundesbüro: "Für Kurier- und Expressfahrer gibt es bereits Verträge mit den Arbeitgeberverbänden. Wenn die Lieferdienste ihren Mitarbeitern etwas Gutes tun wollen, müssten sie einfach einem der Verbände beitreten und den ausverhandelten Vertrag anwenden. Da hinter den Lieferdiensten überaus potente Geldgeber stehen, dürfte es an Geld für eine anständige Bezahlung nicht mangeln."

Was ist, wenn das Geschäftsmodell einfach nicht funktioniert?

Dass sich die Bezahlung in absehbarer Zeit ändert, glauben allerdings weder Yannik noch Malte. "Das Geschäftsmodell basiert nun mal darauf, dass viele junge Menschen gemeinsam schnell arbeiten und wenig verdienen. Anders geht es wahrscheinlich gar nicht", meint Yannik.

Schlimmer sei ohnehin der "Order-Terror", also wenn der Algorithmus einem mehr Arbeit gebe, als man erledigen könne. Doch lässt sich dieses System verändern? Yannik hat es zumindest probiert.

Gemeinsam mit befreundeten Fahrer wollte er, so sagt er es, den Algorithmus lahm legen. Inspiriert von den Streiks britischer Deliveroo-Fahrer wollten sie an einem Nachmittag gezielt langsamer arbeiten, damit die Zeitvorgaben für alle entspannter würden. Doch nach fünf oder sechs Touren war der heimliche Bummelstreik schon wieder vorbei. Der Algorithmus hatte die Aufträge einfach an schnellere Fahrer vergeben.


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