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Erasmus in Ungarn: Wie ich durch mein Studium mitten im Flüchtlingschaos landete

28.01.2016, 18:11 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

"Warum wollt ihr, dass unser Europa untergeht?“ - Diese Frage höre ich in Ungarn am häufigsten. Mit "ihr“ ist Deutschland gemeint. Der Grund des Untergangs? Die deutsche Willkommenskultur.

Anfang September zog ich für ein Austauschsemester direkt an den Keleti Bahnhof in Budapest, damals war mir nicht bewusst, in welchem Ausmaß mir die europäische Flüchtlingspolitik entgegenschlagen würde. Eigentlich soll das Erasmus-Programm dabei helfen, sich mit anderen Nationen auszutauschen und sich zusammenzuschließen.

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Ungarn hatte ich mir aus Neugierde ausgesucht – eine Kultur, mit der ich bisher wenig zu tun hatte, ein Land, das politisch zwischen Westen und Osten steht, eine Hauptstadt, die aufregend und schön zugleich ist.

Aber die ersten Treffen mit den internationalen Studenten gingen weit hinaus über die üblichen Smalltalk-Fragen. Wo kommst du her? Bier oder Wein? Single? Flüchtlinge wurden zum zentralen Thema.

Griechen und Portugiesen fragten Franzosen und Türken, wie die Flüchtlinge in ihrem Heimatland aufgenommen und behandelt werden, wie die Stimmung im Land ist. In der Diskussionsgruppe für Erasmusstudenten auf Facebook wurde in den ersten Wochen neben verschiedenen Partyvorschlägen für den Abend auch die Aufforderung gepostet, sich als freiwillige Helfer zu melden. Daraufhin schlossen sich sowohl internationale wie auch ungarische Studenten zusammen.

(Bild: Larissa Mass)

Im Spätsommer war der Budapester Keleti Bahnhof noch ein Symbol der Verzweiflung: Tausende Menschen warteten in menschenunwürdigen Verhältnissen in und um den Bahnhof herum. Um zu einem Fahrkartenautomaten zu kommen, musste ich im Durchschnitt über drei Flüchtlingskinder steigen.

Ab Mitte September änderte sich das Bild: Asylsuchende fuhren nicht mehr über Budapest. Sie reisten nach Ungarn häufig von der kroatischen Grenze ein und über die österreichische Grenze wieder aus. Die Hauptstadt Ungarns war ab dem Zeitpunkt wie gesäubert von jeglichen Flüchtlingsspuren. Ich bekomme nur noch über die Medien mit, dass Tausende Menschen ihren Weg weiterhin durch Ungarn nehmen, um in den Westen zu kommen – die Ablehnung in der Bevölkerung jedoch spüre ich oft in direkten Gesprächen.

Eine Umfrage zeigt, dass 66 Prozent der Ungarn glauben, Flüchtlinge stellten eine Gefahr für das Land dar (Tagesschau). Diese Ansicht scheint – so mein Eindruck – auch in allen Bildungsschichten verankert zu sein.

So fragte eine Geschichtsprofessorin der Uni einmal deutsche Teilnehmer, was da in Deutschland los sei. “Warum glaubt euer Land, so viele Flüchtlinge aufnehmen zu können?“ Denn, so führte sie weiter aus – Europa sei wie ein Rettungsboot – wenn es zu viele Menschen aufnehmen würde, würden alle untergehen. Original Orban-Propaganda.

Auch privat merkte ich immer wieder, wie negativ viele auf Flüchtlinge reagieren. Meine Mitbewohnerin ist eine junge ungarische Akademikerin, die mir mit ihrer alternativen, aufgeschlossenen Art sofort sympathisch war. Um so mehr erschrak ich über ihre Einstellung zur Flüchtlingsthematik: "Warum sollen sie jetzt das alles einfach so bekommen, was meine Eltern und ich uns so hart erarbeitet haben?“

Diese Eindrücke haben mich schockiert. Dann aber sah ich irgendwann auch die Andersdenkenden. An dem Keleti Bahnhof beobachtete ich zum Beispiel, wie die Organisation "Migration Aid“ Flüchtlinge mit Essen, Wasser und Hygieneartikel versorgt. Auch Privatpersonen stellten immer wieder Einkaufstüten mit Lebensmitteln oder Wasserflaschen zwischen Familien und Gruppen ab, verschenken Kuscheltiere und Kleidung.

Mehrere hundert ungarische Studenten und junge Berufstätige engagieren sich während der Flüchtlingskrise in verschiedenen Organisationen. Einer von ihnen ist der 20-jährige Dávid Márkus – er arbeitet seit fünf Jahren als Freiwilliger beim ungarischen Roten Kreuz.

Im Sommer half er in den verschiedenen Flüchtlingscamps im Land und kümmerte sich als Medizinstudent um bis zu 400 Patienten täglich. "Nach ein paar Tagen Arbeit im Camp fühlte ich mich zwar erschöpft, aber das Gefühl, so vielen Menschen gleichzeitig geholfen zu haben, überwältigte mich.“

Ein von o.c. (@o.c.foto) gepostetes Foto am

Deswegen engagierte er sich seit dem Spätsommer auch bei dem medizinischem Team an der Keleti-Station: Wann immer er zwischen den Vorlesungen Zeit fand, half er. Die Arbeit mit den Flüchtlingen habe ihn bereichert und geprägt:

"Wie bei allen anderen Patienten auch, magst du manchmal die Leute, die du behandelst, und manchmal nicht. Ein Erlebnis ist mir in Erinnerung geblieben: Ein älterer Mann hat sich neben mich gesetzt, und als ich ihn fragte, warum er den Weg auf sich genommen hat, zeigte er mir sein künstliches Bein. Er sagte: ‘Stay there, die. Come here, maybe live, maybe die.’” Menschen vor dem sicheren Tod zu bewahren, sagte David, das habe ihn motiviert.

Mich wiederum hat David beeindruckt, seine Hilfsbereitschaft freut mich. Denn Menschen wie David haben mir gezeigt, dass es immer zwei Seiten gibt. Egal wie verhärtet die Situation auf dem ersten Blick scheint.

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