Future

Gestresst? Dieser Terminkalender soll das ändern

10.11.2015, 14:26 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Leinen, Papier und Gold für mehr Entspannung.

Das war auf jeden Fall ein guter Plan: Für einen geradezu klassischen Terminkalender aus Papier haben Milena Glimbovski und Jan Lenarz aus Berlin Geld auf Startnext gesammelt. 15.000 Euro veranschlagen sie für "Ein guter Plan", einen angeblich entspannenden Kalender.

Ein paar Tage später haben mutmaßlich gestresste Menschen bereits 56.000 Euro bereitgestellt, damit das beruhigende Werk gedruckt werden kann. Kein Wunder, stehen doch die Buchläden voll mit Selbsthilfe- und Selbstoptimierungsratgebern. Weil die wahrscheinlich sowieso niemand ernsthaft durchliest, will "Ein guter Plan" Lebenshilfe-Weisheiten in Häppchenform liefern.

Milena Glimbovski und Jan Lenarz hatten einen guten Plan

Milena Glimbovski und Jan Lenarz hatten einen guten Plan

Eigentlich ist in Sachen Selbsthilfe ja bereits alles gesagt. "Dinge geregelt kriegen, ohne einen Funken Selbstdisziplin" heißt das maßgebliche Standardwerk, geschrieben von Kathrin Passig und Sascha Lobo, veröffentlicht bereits im Jahr 2008. Der wichtigste (einzige) Tipp, den ich behalten habe: Wenn Briefe wirklich wichtig sind, kommen sie auch zwei- oder dreimal, alles andere erledigt sich von selbst.

Weil ich die anderen, sicher sehr guten Ratschläge schon wieder vergessen habe, kommt mir "Ein guter Plan" mit seinen snackbaren Infobrocken in WhatsApp-Länge sehr entgegen: Jeden Tag aufs Neue Hinweise zur Entspannung auf den Doppelseiten, da wird der Stress vom Dauerfeuer der aktivierten Neuronen weichgeklopft. (Oder so ähnlich.)

Etwas längere Beiträge befassen sich unter anderem mit Meditation, Selbstorganisation, minimalistischem Leben und achtsamer Arbeit.

Leineneinband! Goldprägung! Schmuckfarbe!

Leineneinband! Goldprägung! Schmuckfarbe!

"Ein guter Plan" ist ein Buch, das Halt und Stabilität vermittelt: So massiv und anschmiegsam wie ein Baum im Wald. Milena und Jan versprechen Goldprägung, Sonderfarben und gewebtes Lesebändchen. Das hat seinen Preis: Knapp 40 Euro kostet "Ein guter Plan", in der Crowdfunding-Phase 25 Euro. Dafür sind allerdings alle Termine wirklich weg, wenn man das Buch in der U-Bahn liegen lässt oder einem der Soja-Kakao im Jutebeutelrucksack ausläuft. Diese Ruhe! Diese Entspannung!

Besser, ich trage in den Kalender erst gar nichts ein, was überhaupt Stress verursachen könnte. Muss ich auch gar nicht, "Ein guter Plan" hat neben erbaulichen Texten und leeren Seiten noch ein weiteres Feature: die Achtsamkeits-Ampel. Mit Hilfe kleiner ausgemalter Kästchen soll man sich bewusst machen, wie es einem wirklich geht: Genug soziale Kontakte? Guter Schlaf? Stimmung top? Mit Hilfe dieser Daten kann man sich auf die Suche nach Optimierungen machen.

Das ist dann schon weniger Neo-Biedermeier und Sehnsucht nach dem Einfachen, sondern datengestützte Selbstdiagnose. Solche Stimmungsprotokolle finden zum Beispiel auch in der Verhaltenstherapie Anwendung. Es gibt diverse Apps, mit denen man diese Eindrücke sammeln kann, mit praktischer Erinnerungsfunktion – oder eben zwischen den Buchdeckeln von "Ein guter Plan".

Vor allem aber ist "Ein guter Plan" ein perfekt auf den Zeitgeist zugeschnittenes Produkt.

Denn was Milena und Jan verkaufen, ist mehr als 90 Gramm schweres Papier. Es ist der Glaube an die Möglichkeit, den inneren Schweinehund besiegen zu können. Die Hoffnung auf ein besseres, klügeres, gesünderes, produktiveres, bewussteres Leben. Ausdruck des Strebens nach einem besseren Selbst. Leinengebundenes Wohlfühlversprechen.

Weil die Autoren mindestens ahnen, dass ihr Lifestyle-Produkt derart hohe Erwartungen nicht einlösen kann, erklären sie im Buch den Ironie-Effekt:

Ein guter Tipp: den Ironie-Effekt vermeiden

Sich neue, gesunde Verhaltensweisen anzueignen, ist schwer. Studien zeigen, dass Vorsätze oft zur Verstärkung schlechter Gewohnheiten führen. Wer sich vornimmt, ab morgen nur noch gesund zu essen, setzt sich selbst unter so großen Druck, dass er aus Angst vor dem bevorstehenden Verzicht seine Ernährung verschlimmert (Ironie-Effekt). Diese Gefahr besteht nun also auch, wenn du ab sofort deine Art zu leben ändern möchtest.

Was gar nicht hilft, ist Abschreckung. Sag dir also nicht, dass du verzweifelst, wenn du deine Gewohnheiten nicht verbesserst. Panik ist selten eine Lösung. Was ein bisschen hilft, ist positive Konditionierung: stell dir vor, was alles besser wird, wenn du mehr Achtsamkeit in dein Leben bringst. Am effektivsten ist aber folgende Methode: werde Botschafter deiner neu gesteckten Ziele. Nichts motiviert mehr, als anderen Menschen zu helfen. Man eignet sich die angestrebten Verhaltensweisen schneller an und integriert sie konsequent ins eigene Leben.

Das klingt doch nach einem guten Plan.