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16.04.2018, 12:05 · Aktualisiert: 16.04.2018, 12:31

Landleben und Karriere müssen sich nicht ausschließen.

Ein Metzger mit blutverschmierter Schürze und gelben Gummistiefeln öffnete Tobias vor zwei Jahren die Tür zu seinem neuen Glück: 140 Quadratmeter Bürofläche, direkt an der Ortsdurchfahrt von Viechtach, Niederbayern. Mehrere Jahre hatte der Metzger vergeblich versucht, den Raum neu zu vermieten.

Drinnen: rote Terrakottafliesen, ein alter Roller, zugestaubte Möbel. Draußen: eine Pferdewiese. Es dauerte keine zwei Wochen, da waren die Räume leer, dann zogen Sitzsäcke, eine Tischtennisplatte, mehrere Schreibtische, eine Kaffeemaschine und Diskokugel ein. Nur die Pferde vor der Tür, die blieben.

"Woidhub" sollte der Coworking Space mitten in der bayerischen Provinz heißen.

  • "Woid", bayerisch für Wald.
  • "Hub", englisch für Knotenpunkt, und ein beliebter Name für Coworking Spaces.

"Die Leute haben nicht verstanden, was wir hier wollen. Die haben gedacht, wir eröffnen einen Pub", sagt Tobias, 29, Grafikdesigner, tätowierter Unterarm, Lederjacke, Kaffee in der Hand und die Beine vom Schreibtischstuhl aus weit nach vorne ausgestreckt.

In Regensburg hat Bals Tobi – wie ihn hier alle nennen – seine Ausbildung gemacht, danach hätte er auch nach Hamburg, Berlin, Köln gehen können. So wie Tausende andere Kreative, die ihre Zukunft in den Sammelbecken der Designer, Grafiker, Medienmanager, Webentwickler und Berater suchen. Doch Tobi wollte zurück nach Viechtach. Nach Hause.

Heimat, Landleben und Karriere – das muss sich doch nicht ausschließen, dachte er. Tobias wollte die Vernetzung der Großstadt und die Freiheit des Landlebens. Aber dafür brauchte er andere Strukturen.

Warum wir die Zukunft der Arbeit in einer 8000-Einwohner-Gemeinde in Bayern suchen

Lange galt die Stadt als das Nonplusultra: mehr Menschen, mehr Business, mehr Forschung, mehr Kultur. Wer Karriere machen oder sich selbst finden und ausprobieren wollte, musste in die Stadt. Doch die Freiräume verschwinden, Zeit für Zukunftsvisionen hat kaum noch jemand.

Ganz anders auf dem Land: Hier gibt es Ruhe, viel Platz und durch die Digitalisierung ist man trotzdem nah dran – so zumindest die romantische Vorstellung.

Ist das wirklich so? Katharina verbringt eine Woche im Coworking-Space "Woidhub" in Viechtach im Bayerischen Wald, wo sich junge Pioniere Großstadtfeeling in die 8000-Einwohner-Gemeinde geholt haben. Was sie dort erfährt, berichtet sie diese Woche auf bento.

Zusammen mit Ochsenbauer Florian (Flo), 30, Eventmanager, hat er das Coworking Space gegründet. Einige Monate hatten die beiden Freunde in Flos Wohnzimmer gearbeitet, mitten im Wald, wenig Handyempfang, zwei Sofas. Dann musste eine Lösung her. Sie suchten nach passenden Räumen und sprachen mit Bankberatern – die ersten beiden lehnten ab. "Ich hab den Blick noch genau vor Augen – irgendwas zwischen verwundert und skeptisch. Von Coworking hatten sie noch nie gehört."

Erst eine jüngere Beraterin sprang direkt an. Sie habe nur noch gefragt, wie viel Geld es denn sein dürfte. Dann ging es los mit dem Aufbau der "Kreativzentrale", wie Flo und Tobi das "Woidhub" in ihrer Präsentation angepriesen hatten.

Und so sieht es da aus:

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Sie wollen eine Gegenbewegung starten zu dem, was Deutschland laut Statistik droht: Insgesamt verlor der ländliche Raum zwischen 2000 und 2015 etwa 4,5 Prozent seiner Bevölkerung. Die Großstädte wuchsen im selben Zeitraum um etwa das Gleiche, sagen die Erhebungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

Vor allem die Jungen gehen – für die Jobs, für die Liebe, für die Ausbildung, für ein abwechslungsreicheres Leben. Es bleiben die Alten, verwaiste Geschäfte, Bushaltestellen, wo der Bus nur zweimal am Tag hält. 12 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren zogen 2015 in eine andere Region. 7,2 Prozent davon in eine Großstadt oder einen städtischen Kreis. Tschüss Landleben.

Der "Woidhub", er soll nicht nur Tobi glücklicher machen – er soll auch anderen Kreativen ermöglichen, ihren Job auch hier auf dem Land auszuüben, ein Startup zu gründen, die Heimat wieder zu beleben. Die beiden begreifen sich auch als Pioniere.

Flo hat die einzige Event-Agentur zwischen Regensburg und Passau und organisiert vor allem Firmenevents. Als Adidas-Mitarbeiter ein Öko-Produkt entwickeln sollten, suchten sie sich Viechtach als Tagungsort aus. Sie fuhren Kanu, Mountainbike und saßen bei Flo und Tobi im Garten, um auf neue Ideen zu kommen.

Tobis Job lässt sich so zusammenfassen: Er vertreibt den Siebzigerjahre-Charme aus der Stadt. Der Feuerwehr hat er ein neues Logo geschenkt, dem Hotel am nächstgelegenen Hang neue Kataloge verschafft. Jetzt gerade will eine Destillerie einen neuen Online-Shop und der Bürgermeister der Nachbargemeinde endlich mal ein frisches Logo.

Florian Ochsenbauer

Florian Ochsenbauer (Bild: bento)

Ehrgeizig, perfektionistisch, präzise – in Filmen und Serien werden solche Eigenschaften gerne Städtern zugeschrieben, am liebsten Bankern oder Unternehmensberatern in Anzügen, kurz: nicht so Typen wie Tobi. Aber er ist ein ambitionierter Manager. Oft steht er an den Schreibtischen seiner Mitarbeiterinnen, schaut über die Schulter, gibt Tipps, treibt an. "Schau, des kannst so machen" sagt er dann.

"Einfach ausprobieren – nicht zu lange nachdenken."

Und auch bei seinen Kunden schätzt er den unkomplizierten Umgang miteinander. Tobis Pitches – so nennt man den Kampf um einen Werbeetat – sehen so aus: Rein ins Bürgermeisterzimmer, ein bisschen über das vergangene Wochenende plaudern, im tiefsten Bayerisch versteht sich, fünf Minuten andere Beispiel-Projekte vorführen, Angebot auf den Tisch legen – fertig. "In Regensburg habe ich manchmal tagelang Kampagnen erarbeitet, die dann am Ende doch abgelehnt wurden", sagt er. "Darauf hatte ich keinen Bock mehr."

Den Stress und die Enttäuschung, wenn man für den Mülleimer gearbeitet hat, vermisst er nicht. Die großen Konzepte und Kampagnen aber manchmal schon. "Hier reicht vielen auch ein Flyer."

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"Ich kenne hier fast jeden."
Tobi über Viechtach

Tobi wusste schon in der siebten Klasse, was er später einmal werden möchte. "Wir hatten ein Fach Digitale Bildbearbeitung und haben zum ersten Mal Photoshop kennengelernt". Ein Kumpel und er hätten sich so eingefuchst, dass sie am Ende den Unterricht gaben – nicht der Lehrer.

Und genauso wusste Tobi auch, dass er in die Heimat zurückkehren wollte. "Hier kennt mich fast jeder, meine Kunden kommen alle aus der Region", sagt Tobi. In der Großstadt wären seine Agentur und das "Woidhub" nur eine von vielen Alternativen. "Hier sind wir ein Unikat."

Außerdem ist die Familie nah, Tobis Freundin ist im Nachbarort Friseurin, im Winter fährt er kurz mal vor der Arbeit zum Snowboarden und fängt halt später an. Arbeiten auf dem Land ist für Tobi absolute Freiheit. "Ich kann mir gerade nichts anderes vorstellen."

Das "Woidhub" soll zeigen, dass das auch anders geht – einfach war das aber nicht.

"Am Anfang dachten die Leute aus dem Ort, wir sitzen hier den ganzen Tag nur rum und spielen Tischtennis. Dann macht der eine da noch so ein bisschen was mit Fotos und der andere organisiert Partys", sagt Tobi. Kreative sind Fremde in der bayrischen Provinz. Gewesen.

Handwerksbetriebe kennen die Niederbayern: Mechatronik-Konzern Rohde und Schwarz, Verpackungshersteller Linhardt, Automobilzulieferer Rehau sind hier die größten Arbeitgeber. Im Stadtkern von Viechtach gibt es alles, was man zum täglichen Leben braucht: einen Metzger, eine Apotheke, einen Supermarkt. Aber einen Coworking Space für Kreative? Neuland.

Nach zwei Jahren aber reiht sich der einstige Fremdkörper in das Stadtbild ein wie bepflanztes Beet direkt am Wegesrand. Mit jedem neuen Logo, das Tobi designt, mit jeder Veranstaltung, die Flo organisiert, weicht die Skepsis.

Trotzdem bleiben die beiden auf ihre Art Exoten – denn ganz so viele Menschen, die Schreibtische mieten wollen, scheint Viechtach dann doch nicht zu beherbergen. Die meisten Arbeitsplätze sind von Tobis Angestellten besetzt. Von den Mietern der ersten Stunde sind einige schon wieder verschwunden, wie die Pharmavertreterin, oder der Solaranlagen-Monteur.

Vier Leute schauen regelmäßig vorbei: Student Tobias, ein Programmierer aus Regensburg, Michi von der Ledermanufaktur, sein Bruder Daniel, ein Startup-Gründer aus München, der meist einmal die Woche von Viechtach aus arbeitet. Dazu kommen die kurzfristigen Gäste: Vom Bayerischen Rundfunk war kürzlich ein Regisseur hier, um ein neues Format zu planen – oder eben Unternehmen wie Adidas.

Kürzlich hatten Tobi und Flo überlegt, eine noch größere Fläche zu kaufen. Doch dafür Hunderttausende Euro zu investieren, haben sie dann doch nicht gewagt – dafür hat das "Woidhub" noch nicht genügend angelockt.

Wie in einem Coworking Space mit vielen verschiedenen Freischaffenden fühlt es sich hier deshalb wirklich nicht an. Vor allem sind es Kunden von Tobi, die hierher kommen oder Freunde, die abends vorbeischauen, kurz bevor das "Woidhub" seine Türen schließt. Sie trinken ein Bierchen, zocken Nintendo, schauen sich Hochzeitsfotos an, die Tobi von ihnen am Wochenende geschossen hat.

Es steckt eben doch ein bisschen Pub im Hub.


Gerechtigkeit

Warum bento noch weiblicher wird

16.04.2018, 12:01

Wir müssen über Sprache sprechen

Wir haben ein Sprach-Problem: Wir schreiben zum Beispiel über Politiker und über Erzieherinnen. Die Politikerin und der Erzieher sind dann mitgemeint. Gerecht ist das nicht.

In der deutschen Sprache haben viele Berufe ein Geschlecht sozusagen eingebaut: Der Politiker, der Polizist, der Arzt — früher einmal waren das tatsächlich nur Männer. Überhaupt prägten Männer lange das öffentliche Leben, die öffentlichen Debatten. Das hat sich geändert. Die Sprache hinkt hinterher.

Denn: Die männliche Form dominiert immer noch die deutsche Sprache. Wir sprechen von den Teilnehmern, den Demonstranten, den Zuhörern. Dabei sind nicht nur Männer gemeint. Das nennt sich generische Maskulinum.

Mittlerweile weiß man: Das ist keine gute Lösung.