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"Dezent, unauffällig und wandelbar": Wie es ist, als Personenschützerin zu arbeiten

16.03.2017, 10:50 · Aktualisiert: 16.03.2017, 10:57

Lange Zeit sahen Bodyguards aus wie Tim Wiese: groß, muskelbepackt, bedrohlich. So, als würde man definitiv den Kürzeren ziehen, sollte man ihnen blöd kommen. Doch seit ein paar Jahren gibt es einen neuen Typ Bodyguard: Frauen.

Hier zum Beispiel sehen wir Camilla, die Frau von Prinz Charles, bei einem Besuch in Saudi-Arabien mit fünf weiblichen Personenschützern:

Auch in Deutschland gibt es Menschen, die immer wieder Bodyguards beschäftigen. Nicht nur Prominente, in Deutschland leben immerhin 109 Milliardäre. (Hurun Report) Und immer häufiger buchen diese Leute weibliche Personenschützer.

Gracia-Patricia Walters, 43 Jahre alt, sieht aus wie das Gegenteil von Tim Wiese. Sie ist 1,68 Meter groß, hat die blonden Haare glatt gekämmt, trägt eine hellblaue Bluse und lächelt. Und sie ist vermutlich Deutschlands bekannteste Personenschützerin, "Die Welt" hat schon über sie berichtet, der NDR.

Gracia-Patricia Walters und ihr Team

Gracia-Patricia Walters und ihr Team (Bild: Anna Gröhn)

Mit 23 stieg sie ins Geschäft ein. Zunächst arbeitete sie zehn Jahre auf dem Hamburger Kiez und stand auf der Reeperbahn an den härtesten Türen der Stadt. Damals arbeiteten gerade einmal zehn Frauen im Personenschutz, sagt sie. Seit rund zehn Jahren kümmert sie sich jetzt um die Sicherheit von Prominenten, Schwerreichen und Geschäftsleuten. In ihrem Sicherheitsunternehmen in Ratzeburg arbeiten zehn weibliche Personenschützer und 15 männliche.

Zum Klicken: Wie sich Frauen zu Personenschützern ausbilden lassen

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Warum sind weibliche Bodyguards so gefragt?

  1. Die sogenannten Ladyguards seien "dezent, unauffällig und wandelbar", sagt Walters. "Die Menschen wollen nicht mehr, dass man sieht, dass sie Schutz brauchen." Ein Zwei-Meter-Mann sei auffälliger als eine Frau, die sich auch mal als Nanny, Cousine, beste Freundin oder Shopping-Assistentin ausgeben könne.
  2. Frauen würden unterschätzt und somit zu einem "unerwarteten Widerstand", sagt Walters.

Sind die Tage der Zwei-Meter-Schränke also gezählt?

Nicht ganz, sagt die Personenschützerin. "Das Optimum ist immer ein gemischtes Team." Und bei einer harten Bedrohung seien Bodyguards noch immer von Vorteil: Rigoros sollen sie wirken und physische Stärke signalisieren. Frauen agieren eher im Hintergrund.

Laut Arbeitsagentur sind heute knapp 70.000 Frauen im Objekt- und Personenschutz tätig. Dennoch sind die Männer mit rund 167.000 noch immer in der Überzahl. Beim BKA sind zehn Prozent der Personenschützer weiblich.

Warum wird man Personenschützerin?

Als Kind wollte Walters immer zur Polizei, wie ihr Großvater und ihr Onkel. "Ich hatte schon früh einen starken Beschützerinstinkt entwickelt", sagt sie. Und sie sei verrückt nach Uniformen gewesen, zu Karneval ging sie mal als Polizistin, mal als Kapitänin.

Nach der Schule bewarb sie sich bei der Polizeiakademie, bestand den Eignungstest und machte dann doch eine Ausbildung zur Reisekauffrau. Ihr Vater hatte ihr dazu geraten.

Doch dann traf sie bei den Polizeiweltmeisterschaften 1998 zufällig einen Personenschützer, der zu ihr sagte: "Wir brauchen mehr Frauen im Personenschutz."

Wie kommt man da rein?

Der Personenschützer war zugleich Ausbilder bei der GSG 9, einer Spezialeinheit der Bundespolizei. Zwei Jahre lang ließ Walters sich bei ihm ausbilden, lernte Observationstechniken und Rechtsgrundlagen, übte das taktische Fahren, machte Kampfsporttraining und eine Schießausbildung.

Zu jener Zeit gab es den Ausbildungsberuf des Personenschützers noch nicht, sagt Walters. Und noch immer ist er keine geschützte Berufsbezeichnung, sondern ein Fortbildungssegment innerhalb der Sicherheitsbranche.

Er unterscheidet sich aber von dem des Bodyguards: Letzterer ist vor allem im Showbusiness tätig und für den sichtbaren Schutz von Prominenten zuständig. Personenschützer hingegen sind diskret und sollen nicht erkannt werden. Ihre Ausbildung ist fundierter, sie müssen taktischer agieren, um eine Person professionell zu schützen.

Libyens ehemaliger Staatschef Muammar al-Gaddafi hatte auch Leibwächterinnen. Hier begleiteten sie ihn nach Rom

Libyens ehemaliger Staatschef Muammar al-Gaddafi hatte auch Leibwächterinnen. Hier begleiteten sie ihn nach Rom (Bild: dpa/epa/Ettore Ferrari)

Als Frau in einem klassischen Männerberuf – geht das überhaupt?

Dass Frauen auf dem Vormarsch sind – daran mussten sich die Männer erst gewöhnen, sagt Walters. "An der Tür war das Testosteron so breit, dass da nicht viel Platz blieb.“ Den müsse man sich erst verdienen – sowohl als Frau, als auch als Mann. "Jeder muss sich behaupten und im Team verdient machen", sagt sie. Deshalb müsse man als Frau aber nicht breitbeinig und Kaugummi kauend herumbrüllen, sondern lieber die Ruhe bewahren. Von den "Jungs" wurde Walters immer akzeptiert. "Ich bin behandelt worden wie ein Mann", sagt sie. "Für mich ist das ein Kompliment."

Was macht man als Ladyguard?

Die Erwartung: Der Job ist wie in einem Agenten-Thriller.

Und die Realität?

Es kommt schon mal vor, dass Walters Undercover im Abendkleid unterwegs ist. Bei den Bayreuther Festspielen trat sie mit tiefem Ausschnitt, offenem Haar und einer Walther P99 am Oberschenkel auf. Ihr Auftrag: Gefährdete Kunden vor unliebsamen Gästen beschützen. Und manchmal liegt sie auch zwei Wochen lang am Strand neben ihrer Schutzperson auf Mauritius und schlürft Cocktails, alkoholfreie versteht sich.

Aber so aufregend das klingt: Oft muss Walters vor allem warten, manchmal bis zu acht Stunden lang. Auf der Hamburger Reeperbahn habe es weitaus mehr Auseinandersetzungen gegeben als je im Personenschutz. "Es gibt Phasen, in denen man völlig gelangweilt in einer dunklen Stube wartet und denkt, man verstaubt", sagt sie. Gerade Geschäftstermine seien zäh. Dazu komme Bürokram, Vorbereitung und Wartezeit – sie verbringe viel Zeit in Hotels, müsse Reiserouten planen und den Reiseablauf kennen.

Däumchen werden trotzdem nicht gedreht, schließlich muss das Umfeld im Auge behalten werden – und das erfordert vollste Konzentration. Begleitet Walters etwa Geschäftspartner, die russische Ölgeschäfte abschließen, steht sie "immer auf Hab-Acht-Stellung".

Was muss man für den Job mitbringen?

Mal mistet Walters als Pferdepflegerin den Stall aus, während ihre Schutzperson in der Halle reitet. Mal begleitet sie einen ihrer Kunden beim Golfen als Caddie, wobei sie vorher genauestens die Abschlagzeiten plant. "Wir bauen mit den Auftraggebern immer eine abgestimmte Legende auf", sagt sie.

Es gebe Fälle, in denen das gesamte Umfeld nichts von der Schutzmaßnahme wisse. Gerade bei Familienstreitigkeiten sei das der Fall. "Eine Kundin hatte Angst um ihr Leben. Wir haben uns dann als Freundinnen aus alten Zeiten ausgegeben und sie beschützt." Gerade Personenschützerinnen müssten häufig in andere Rollen schlüpfen und inkognito operieren. "Man muss eigentlich eine zweigespaltene Persönlichkeit haben."

Und natürlich eine ausgezeichnete Fitness, zusammen mit sozialverträglichen Hobbys: Walters hat einen schwarzen Gürtel im Judo, fährt Ski und Wasserski, segelt, reitet, fährt Motorboot und Lkw, spielt Tennis, Polo und Golf und absolviert regelmäßig den Iron Man oder einen Marathon.

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Martin Buhrmester
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Was ist das krasseste, was einem passieren kann?

Düsseldorf, vor knapp zehn Jahren: Ein Juwelenhändler steht unter Walters’ Schutz, Rohdiamanten im Wert von 15 Millionen D-Mark sind mit dabei. Plötzlich versperrt ein Müllwagen dem Konvoi den Weg. Walters merkte schnell: So fährt kein normaler Müllwagen. Ein Blick nach hinten: Schwarze Fahrzeuge mit Bullfängern nähern sich, die Scheiben verdunkelt, die Insassen maskiert. Kein Ausweg.

Walters gibt das Kommando zum sofortigen "Turn": Rückwärts rast der Konvoi auf die Gegenspur, dann die Rockford-Wende in die nächste Querstraße. Unverzüglich wird der Juwelier in den vorher definierten Schutzbereich gebracht. Gefahr abgewendet.

"Die Situation war brenzlig", sagt Walters. Sie habe die Schusswaffe schon in der Hand gehabt. Die Regel sei das aber nicht. In 20 Jahren sei so etwas vielleicht drei Mal vorgekommen.

Wie sozialverträglich ist der Job?

24 Stunden lang, 365 Tage im Jahr ist Walters im Einsatz, zumindest indirekt. Das Handy legt sie nie weg, denn sie muss erreichbar bleiben. Mitten in der Nacht wird sie dann zu einem Einsatz gerufen, ein Einbruch, ein Stalker, alles schon vorgekommen. Es gibt Monate, in denen sie gerade einmal zehn Tage zu Hause ist, die restliche Zeit in Madrid, Düsseldorf, auf Kreta. Bei Familienfeiern fehlt sie oft, auch Verabredungen sind schwer einzuhalten.

Einmal war sie auf dem Weg zu dem Geburtstag ihres Neffen. Dann kam ein Anruf, ein Notfall, sie müsse sofort kommen. Und Walters drehte um. "Du weißt nie, wann du aufstehst oder ins Bett gehst. Deine Familie weiß nie, wann du es schaffst anzurufen", sagt sie. "Du bist weg. Du bist verschluckt."


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