Bild: Julian Kuhnke

Future

Vom Sprachforscher zum Ladenbesitzer für regionale Lebensmittel

27.12.2017, 18:51 · Aktualisiert: 28.12.2017, 17:41

Heute: Julian, 32, aus Dortmund

Was wolltest du werden, als du jünger warst?

Lehrer! Warum auch immer. Ich wollte Deutsch und Geschichte unterrichten.

Queraufstieg

Irgendwann kommt sie, die Frage, bei manchen früher, bei anderen später, manche haben regelrecht Angst vor ihr: "Was willst du später mal werden?"

Es fällt schwer, das zu beantworten. Und wer eine Antwort gefunden hat, bereut sie manchmal hinterher. Weil der Arbeitsalltag in der Realität doch ganz anders aussieht. Und dann?

In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die sich beruflich umentschieden haben. Die sich getraut haben, noch mal von vorne anzufangen.

Was hast du gelernt und warum?

Nach dem Abi ging es zunächst in die Ausbildung zum Hotelkaufmann bei einer internationalen Hotelkette. Ich dachte: Jetzt hast du einen Ausbildungsplatz, die Chance solltest du dir nicht entgehen lassen. Studieren kann man später immer noch. Das Spannende an der Ausbildung war, zu sehen wie eine Marke weltweit aufgebaut werden kann. In der Hotellerie ist hierfür die Kommunikation eine Grundlage – also entschied ich mich für ein Studium der Sprachwissenschaften und BWL und landete schließlich in der Unternehmenskommunikation eines großen Energieversorgers.

Wieso hast du dich entschieden, etwas anderes zu machen?

Das war tatsächlich eine reine Herzensangelegenheit. Nach einem Auslandssemester in Helsinki ließ mich die Idee, einen Laden für regionale Produkte aufzumachen, nicht mehr los. Die Menschen dort haben einen ganz anderen Zugang zum Essen. Regionale Produkte gehören einfach zum Alltag.

Julian in seinem Laden in Dortmund

Julian in seinem Laden in Dortmund (Bild: Felix Oeding)

In Deutschland bekommen sie stattdessen oft einen "Bio-Birkenstock-Stempel" aufgedrückt. Ein besseres und zeitgemäßeres Kommunikationskonzept könnte das ändern. Als mein Arbeitsvertrag auslief, mietete ich einen Pop-up-Store für vier Monate an. Ich konnte meine Idee einfach mal austesten. Wir haben Regale selbst zusammengezimmert, Eier auf einem Klavier abgestellt und Lebensmittel in Blumenkästen gepackt.

Wie genau sah dein Plan aus?

Mein Plan war, einen Onlineshop für regionale Lebensmittel aufzuziehen. Ich dachte, man könnte den Pop-up-Store nutzen, um den Onlineshop zu bewerben, aber jetzt ist es quasi umgekehrt. Ich bewerbe meinen Laden online. Es geht mir schließlich darum, dass sich Kunden und Produzenten in meinem Laden kennenlernen sollen. Das geht nur offline. Meine Idee kam bei meinen Gästen so gut an, dass ich nach vier Monaten als Pop-up-Store einen richtigen Laden, direkt ein Haus weiter, eröffnen konnte.

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Was waren die ersten Reaktionen?

Um meine Regale zu füllen, bin ich bei vielen Landwirten persönlich aufgeschlagen. Einige lehnten mein Konzept sofort ab. Andere boten mir gleich eine ganze Tonne Kartoffeln an. Besonders Nachwuchs-Landwirte sahen in meinem Laden eine Chance, ihre Produkte zu verbreiten. Die Kunden haben ähnlich reagiert: Einige wurden zu Stammkunden und andere haben bis heute nicht verstanden, wieso es Anfang April keine Erdbeeren bei mir zu kaufen gibt. Das Warten auf die "richtigen" Erdbeeren lohnt sich aber jedes Jahr aufs Neue!

Lebensmittel aus der Region – oder direkt vom lokalen Anbieter.

Lebensmittel aus der Region – oder direkt vom lokalen Anbieter. (Bild: Julian Hans)

Was waren die größten Hürden?

Sätze wie "Ihren Laden braucht kein Mensch" haben mich am stärksten belastet. So und teilweise drastischer wurde es mir seitens der Stadt und der Banken gesagt.

Hattest du keine Angst zu scheitern?

Angst wäre das falsche Wort. "Respekt" passt da eher. Durch die unverbindliche Testphase als Pop-up konnte ich den Respekt vorm Scheitern jedoch etwas abfedern. Ich war aber auch nicht so naiv, den Laden unter allen Umständen durchzuziehen. Ich habe meine Ausbildung, mein Studium, meine Berufserfahrung und vor allem: meine Freunde und Familie. Ein guter Back-up – auch im Falle eines Scheiterns.

Kunden und Produzenten sollen sich bei Julian im Laden kennenlernen.

Kunden und Produzenten sollen sich bei Julian im Laden kennenlernen. (Bild: Julian Hans)

Wie hat es sich angefühlt, deinen Weg zu gehen?

Der Weg fühlt sich richtig und zielführend an. Die finanzielle Sicherheit zu verlassen, war für mich der richtige Weg. Ich arbeite schließlich nicht zehn Stunden am Tag, jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Für mich sind die Stunden im Laden nicht immer Arbeit, sondern viel mehr eine Zeit für spannende Gespräche. Ich genieße meine zeitliche Flexibilität. Klar, andere verdienen mehr Geld als ich, aber auch die haben eine gewisse Unsicherheit, weil sie in befristeten Verträgen hängen. Es ist das Schicksal unserer Generation, mit Unsicherheiten zu leben.

Du bist auch ein Queraufsteiger?

Du hast einen Knick im Lebenslauf – und bist stolz darauf? Du hast dich noch mal beruflich umentschieden und machst etwas ganz anderes, als ursprünglich gedacht? Dann melde dich gern bei uns.

Wo stehst du jetzt?

"Der Hans" wird nun drei Jahre alt und ich habe mir einen sehr guten Kundenstamm aufgebaut. Meine Kollegin Jessica kennt sich richtig gut mit Lebensmitteln aus, ich mit Kommunikation – das macht uns zu einem guten Team. Wir sprechen viel mit unseren Gästen, geben ihnen Rezepte für ungewöhnliche Zutaten wie Steckrüben. Das fehlt vielen in klassischen Bio-Supermärkten.

Neben regionalem und saisonalem Obst und Gemüse bieten wir auch, wie ich sie nenne, "unkonzerntionelle" Produkte an. Das ist meine Wortschöpfung für alles, was nicht aus der Region kommt. Wir verkaufen also auch Schokolade, Gewürze und Öle. Kaffee- und Kakaobohnen wachsen natürlich nicht in Dortmund. Aber es gibt hier auch einen kleinen Kaffeeröster, der wiederum den Kontakt mit den Kaffeebauern unterhält und vor Ort hier im Nachbarviertel röstet. So passt auch das wieder zum Konzept.

Die Karte hängt bei Julian im Laden.

Die Karte hängt bei Julian im Laden. (Bild: Julian Hans)

Wohin soll deine Reise gehen?

Für mich im Sommer zum ersten Mal nach drei Jahren wieder in den Urlaub an die Nordsee. Für den "Hans" beginnt vielleicht die Familienplanung. Ich überlege, in Dortmund ein Pop-up-Geschwisterchen vom Hans aufzumachen. Ob "der Hans" auch ohne mich, den Hans, funktioniert, bleibt abzuwarten. Bis jetzt ist mein Laden schon sehr auf mich gemünzt.

Letztlich möchten wir aber unser Alleinstellungsmerkmal noch mehr in den Vordergrund rücken – nämlich den direkten Kontakt zu den Erzeugern und Produzenten, hierfür werden wir mehr kleine Veranstaltungen organisieren und den "Hans" weiter als den Ansprechpartner für ehrlich gemachte Lebensmittel etablieren.

Und, bist du glücklich?

Ich schlafe sehr gut.


Gerechtigkeit

Jetzt droht Barcelona den Katalanen mit Abspaltung – und stellt die Nationalisten bloß

27.12.2017, 18:15 · Aktualisiert: 27.12.2017, 18:29

"Barcelona is not Catalonia" ist Satire. Die Frage ist, wie lange noch.

Barcelona ist der Stolz Kataloniens. Die Metropole ist die eine große Stadt der Region im Nordosten Spaniens, Touristenmagnet und eine der wirtschaftsstärksten Orte des ganzen Landes. Wenn sie erst mal von Spanien unabhängig sind, wollen die rund zwei Millionen katalanischen Nationalisten Barcelona zur Hauptstadt ihres neuen Staates machen.