Bild: Stephan Weichert

04.07.2018, 11:05 · Aktualisiert: 05.07.2018, 08:15

Manchmal muss man groß denken.

Großstadt war schon immer Sehnsucht: nach frei sein, sich verlieren, ausbreiten und langsam wieder einsammeln zu können. In der Großstadt gibt es Jobs, Möglichkeiten, kulturelle Vielfalt. Sie bedeutet aber auch: hohe Mieten, volle Trams und Asphaltdschungel.

Auf Dauer kann das Leben dort ganz schön anstrengend sein. Die Sehnsucht wird bald zum Wunsch nach Ruhe, aber ohne die Vorzüge der Stadt aufgeben zu wollen. Dagegen sperren sich viele und geben irgendwann doch nach. Sie ziehen an den Stadtrand, in ein Reihenhaus im Vorort.

Muss das sein?

Frederik Fischer jedenfalls hat keine Lust darauf. Der Journalist will die Möglichkeiten der Großstadt, seine Freunde in der Nähe und trotzdem die Ruhe und Natur auf dem Land genießen. Wie das geht? Indem er die Stadt einfach mitnimmt. Frederik will ein Ko-Dorf gründen.

Was das ist und wie das gehen soll, haben wir ihn im Interview gefragt.

(Bild: Stephan Weichert )

Bist du ein Dorf-Kind?

Die ersten Jahre war ich das, ja. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit der blechernen Milchkanne vom Bauernhof frische Milch geholt habe. Als ich vier war, zog meine Familie dann vom Dorf nach Dachau.

Aber schon die Kleinstadt war mir zu eng. Mich zog es immer in große Städte: Ich habe in Berlin, London und Amsterdam studiert, in Washington und San Francisco gearbeitet. Seit 2007 lebe ich mit Unterbrechungen in Berlin.

Warum willst du dann wieder zurück aufs Land?

Zum einen ist Berlin ziemlich hässlich geworden. Ich hege eine Leidenschaft für Architektur und in der Hauptstadt wirken mittlerweile nahezu alle Neubauten leblos und wie aus der Retorte. Das hat mich entfremdet.

Zum anderen geht es mir um Gemeinschaft. Das passiert wahrscheinlich in jeder größeren Stadt ab einem bestimmten Alter: Freunde ziehen in andere Viertel, Vororte oder gleich ganz weg. Die Distanz macht es immer schwieriger, Zeit miteinander zu verbringen.

Jetzt willst du einfach alle mit in dein eigenes Dorf nehmen?

So ähnlich. Die Idee kam mir schon vor ein paar Jahren und ist auch aus meiner Liebe zur Architektur entstanden. Ich wollte schon immer mal ein altes Gutshaus oder Schloss wiederbeleben und ein Wohnprojekt daraus machen. Allerdings habe ich unterschätzt, wie wenig erschwingliche Objekte es in der Umgebung von Berlin noch gibt.

Noch mehr beschäftigt hat mich aber die Frage, wie man als Gemeinschaft dauerhaft an so einem Ort auskommt. Wenn sich zwei Leute nicht mögen, leiden alle drunter. Außerdem bin ich eher ein introvertierter Typ und brauche eigentlich einen Rückzugsort.

Für eine Hochzeit war ich dann in einem Feriendorf in Holland. Dort gab es Gemeinschaftsflächen, aber jeder hatte sein eigenes kleines Haus. Das fand ich toll.

Daraus entstand deine Idee eines Ko-Dorfes. Was genau steckt dahinter?

Ein Ko-Dorf ist etwas zwischen einem Feriendorf und einem Ort, an dem man permanent wohnt. Wie man dieses "Dazwischen" leben möchte, bleibt den Leuten selbst überlassen.

  • Das Dorf besteht aus kleinen Einfamilienhäusern und Gemeinschaftseinrichtungen: auf jeden Fall ein Coworking-Space und eine Community-Küche mit langer Tafel. Optional könnte man auch ein Kino einrichten. Und Veranstaltungsräume wären wichtig.
  • Die Häuser sind Eigentum der Dorfbewohner. Sie können selbst darin wohnen, sie vermieten oder beides. Wer selbst nicht da ist, kann sein Haus über eine eigene Plattform für andere verfügbar machen.
  • Die Idee ist, Unterkünfte im Ko-Dorf auch Unternehmen für Retreats anzubieten oder anderen Gruppen für Projekte, wie eine Workation – eine Mischung aus Arbeit und Urlaub. Auf einem schwarzen Brett oder über eine App könnten die Leute dann Veranstaltungen für die Gemeinschaft anbieten: Filmabende, Workshops und mehr.

Die meisten Menschen haben Jobs, die sie nicht überall verrichten können. Welche Leute sprecht ihr an?

Tatsächlich überwiegend Leute, die ortsunabhängig arbeiten können. Leute, die in der Stadt wohnen, sich aber mehr Natur und trotzdem Gemeinschaft wünschen.

Diese Dorfkinder haben ihre Heimat gar nicht erst verlassen. Hier erzählen sie, warum sie das Landleben lieben:

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Workation, Coliving, Coworking: Es gibt ja schon einige Ansätze, die in diese Richtung gehen. Wozu braucht man noch ein Ko-Dorf?

Für mich ist es eine Art Coliving für Introvertierte: Man hat die Gemeinschaft, Gleichgesinnte, aber man kann ihr auch entkommen – in das eigene Haus oder zurück in die Stadt.

Besteht da nicht die Gefahr, dass viele ihre Häuser als Wochenenddomizil nutzen, statt echte Gemeinschaft zu leben – und man dann allein auf dem Land sitzt oder umgeben von Teambuilding-Events?

Das muss man testen, klar. Ich halte es für unwahrscheinlich.

Dieses Sehnsuchtsgefühl nach Natur und Gemeinschaft scheint mir bei den meisten in der Stadt sehr ausgeprägt. Ich persönlich würde meine kleine Wohnung in Berlin behalten, kenne aber welche, die auch dauerhaft in dem Dorf wohnen würden. Und auch die Nachfrage von Leuten, die mal eine Woche dort verbringen wollen, ist in meinen Augen gegeben. Allerhöchstens im Winter könnte es schwierig werden.

Eine Art, dem entgegenzuwirken wäre aber auch ein Leerstandsverbot. In einem ähnlichen Projekt – dem Feriendorf Meerleben an der Ostsee – gilt das beispielsweise. Wer ein Haus kauft und es länger nicht nutzt, muss es zumindest über eine Plattform zur Verfügung stellen.

Für mich ist es eine Art Coliving für Introvertierte: Man hat die Gemeinschaft, Gleichgesinnte, aber man kann ihr auch entkommen – in das eigene Haus oder zurück in die Stadt.

Wie groß soll euer Dorf werden?

Das kommt natürlich darauf an, was eine Gemeinde uns anbieten kann. Wir haben aber eine Mindestgröße von zwei Hektar und 50 Häusern festgelegt. Dadurch ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass immer Menschen vor Ort sind, größer.

Ich stelle mir das teuer vor. Wie wollt ihr das finanzieren?

Wir würden eine Genossenschaft gründen und über Genossenschaftsanteile Geld einsammeln. Damit könnte man ein Grundstück kaufen oder von einer Kommune pachten.

Die Häuser wären Privatbesitz. Das hat zwei Gründe: Zum einen schafft das Verbindlichkeit. Die Eigentümer sind dann selbst daran interessiert, dass alles funktioniert und helfen eher mit. Nur dann profitieren sie auch – finanziell oder als Bewohner. Sie sollen in diesen Strukturen aber nicht gefangen sein: Besitzer können ihre Häuser auch wiederverkaufen.

Ein Haus bauen kann sich aber auch nicht jeder leisten.

Das stimmt. Wir wollen aber, dass kein Haus mehr als 100.000 Euro kostet. Die Häuser sind standardisiert und ein Architektenbüro gestaltet sie so in einer bestimmten Größe und für einen bestimmten Preis.

Mehr Infos zum Ko-Dorf

Wer mehr über das Ko-Dorf wissen möchte, kann sich für den Newsletter anmelden oder dem Projekt auf Twitter folgen.

Veranstaltungen und Treffen werden auch hier bekannt gegeben.

Warum gerade 100.000 Euro?

Unsere Idee ist ja auch eine Antwort auf Gentrifizierung und hohe Mieten. 100.000 scheint uns ein Betrag, den auch Durchschnittsverdiener irgendwie – beispielsweise über einen Kredit – zusammenkriegen können.

Wo auch immer das Dorf entsteht, wird es sicher Nachbarn haben. Wie beugt ihr vor, dass sie sich nicht überrannt fühlen von den urbanen Aussteigern?

Ein Ko-Dorf hat auch Vorteile für seine Nachbarn: Es gibt mehr kreative Angebote, mediale Aufmerksamkeit, Besucher. Aber wenn andere uns nicht in ihrer Gemeinde akzeptieren, haben wir ein riesiges Problem. Im ersten Schritt muss daher die Gemeinde sagen, dass sie uns will. Wir würden Infoabende veranstalten und ins Gespräch kommen.

Aber die Wahrheit ist: Am Ende weiß niemand, wie und ob es funktioniert.

Wie weit seid ihr mit dem Projekt?

Gerade bilden wir Ortsgruppen, die sich Objekte in ihrer jeweiligen Region anschauen. Die sind ganz verteilt: tief im Westen, in Sachsen-Anhalt, Sachsen oder Brandenburg. Das Schwierigste ist tatsächlich, eine geeignete Fläche zu finden, die nicht zu abgelegen ist.

Insgesamt haben fast 300 Leute Interesse angemeldet. Unsere Kerngruppe besteht aus drei Leuten: dem Architekten Patric Meier und seiner Freundin Katrin Frische - die Initiatoren von Meerleben - und mir.

Vor kurzem haben wir ein erstes Treffen in Berlin organisiert. Es kamen etwa 40 Leute: von Anfang 20 bis über 50, darunter ein Koch, Landwirte, Kreative. Die meisten hatten sehr ähnliche Vorstellungen, das war schön zu sehen.

Für 300 Leute wird es in dem Ko-Dorf aber wahrscheinlich keinen Platz geben. Wie entscheidet ihr, wer reindarf und wer nicht? Und kann man trotzdem noch einsteigen?

Auf jeden Fall. Wie sich das am Ende entscheidet, müssen wir sehen. Wir werden auf jeden Fall mit allen Leuten ins Gespräch gehen, sie so gut wie möglich kennenlernen, um offensichtliches Konfliktpotenzial zu vermeiden. Aber wir haben keinen Kriterienkatalog, den alle erfüllen müssen. Da wir noch ganz am Anfang stehen, haben wir auch noch nicht auf alle Fragen Antworten.

Wichtig ist mir nur: Ich will den Leuten nichts aufoktroyieren. Häufig stehen hinter Wohnprojekten ja starke Ideologien: neue Wirtschaftsmodelle, solidarische Landwirtschaft, spirituelle Modelle. Ich verstehe den Reiz, aber ich würde das Ko-Dorf lieber ideologiefrei halten. Wenn es eine Ideologie gibt, dann einzig die einer offenen Gesellschaft: Rechtsextreme wollen wir beispielsweise nicht.


Today

Thüringen will die Opfer des rechten NSU-Terrors mit 1,5 Millionen Euro unterstützen

04.07.2018, 10:46 · Aktualisiert: 04.07.2018, 15:21

4 Fakten zur Initiative

Kommende Woche soll ein Urteil über die größte rechte Mord- und Anschlagsserie der Bundesrepublik gefällt werden. Dann endet nach fünf langen Jahren der NSU-Prozess, bei dem die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe angeklagt ist. 

Am Dienstag sprach Zschäpe vor Gericht – und versuchte, sich von ihren mutmaßlich rechtsextremen Mittätern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zu distanzieren. Rechtes Gedankengut habe für sie "gar keine Bedeutung" mehr, sagte sie vor Gericht in München. (bento)

Wer bei den Worten von Beate Zschäpe keine Rolle spielte: die Opfer und Angehörigen, die immer noch unter den schrecklichen Taten des NSU-Trios zu leiden haben.