Bild: Christoph Hoppenbrock, CC-Lizenz BY-NC-ND

Future

So spießig sind wir wirklich

01.10.2015, 07:24 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

Wir sind realistisch, nicht rebellisch, und finden Gesundheit, Sicherheit und Familie superwichtig. Das hat unsere Umfrage unter 18- bis 30-Jährigen ergeben. Ist das schlimm?

Natürlich sind sie immer irgendwo enttäuscht, die Alten. Weil sie die Jungen nicht verstehen. Weil sie selbst alles ganz anders und natürlich besser geregelt haben, früher. Das war schon bei den alten Griechen so - warum sollte es heute anders sein?

(Bild: Christoph Hoppenbrock, CC-Lizenz BY-NC-ND)

Tatsächlich stoßen 18- bis 30-Jährige, auch gelabelt mit "Generation Y" oder "Millennials", oft auf Unverständnis - bei Alt-68ern und Babyboomern, bei Werbefritzen, Gymnasiallehrern und Feuilleton-Redakteuren der Generation Golf. Rebellisch sollen die Jungen sein, unangepasst und hedonistisch. Sie sollen Drogen nehmen oder sich wenigstens ab und zu betrinken. Sie sollen viel Sex haben und sich bloß nicht schon mit Mitte 20 auf eine ernste Beziehung einlassen. Dazu sollen sie noch Karriere machen wollen und von goldenen iPhones und Tesla-Autos träumen.

Das Problem ist nur: Das alles wollen 18- bis 30-Jährige gar nicht. In unserer Umfrage haben wir sie gefragt, was ihnen im Leben sehr wichtig ist. 

  • Klar an erster Stelle: Gesundheit, mit 80 Prozent der Befragten. 
  • Fast ebenso wichtig ist finanzielle Unabhängigkeit (71 Prozent), wobei es dabei wohl um eine Art Grundsicherung geht - also eher um die ersten 50.000 Euro Jahresgehalt als um die zweiten. 
  • Ebenfalls weit vorn auf der Liste: Bildung. Frieden. Und, mit 65 Prozent auf Platz drei: eine eigene Familie zu haben.   
  • Reichtum an sich (44 Prozent), Karriere (40 Prozent) und Statussymbole wie Smartphone (20 Prozent) oder ein eigenes Auto (19) fanden viele weniger wichtig. 

(Bild: Christoph Hoppenbrock / bildbauer.de)

Tatsächlich schreckt der Gedanke an Kinder und eine feste Partnerschaft die Befragten nicht ab - im Gegenteil. Schon im vergangenen Jahr hatte eine Umfrage der Zeitschrift “Neon” ergeben, dass fast die Hälfte der 18- bis 35-Jährigen später unbedingt heiraten will; rund zwei Drittel der Befragten wünschen sich Kinder. Treue ist demnach für 93 Prozent der Millennials wichtig oder sehr wichtig.

“Generation Biedermeier”, so bezeichnete das Kölner Rheingold-Institut in seiner Jugendstudie aus dem Jahr 2010 diese Altersgruppe - eine etwas gehässige Anspielung auf die gleichnamige Epoche im frühen 19. Jahrhundert. Damals zogen sich viele Bürger ins Private zurück und saßen nach gängiger Vorstellung mit Handarbeit auf den Knien am Kaffeetisch. Ist das behagliche Wohnzimmer heute tatsächlich wieder das Ideal?

Ganz von der Hand zu weisen ist der Gedanke nicht, schließlich schmücken sich heute viele Hipsterläden, Bars und Clubs mit Requisiten aus Omas Wohnzimmer - vom Ohrensessel über den Nierentisch bis zum goldenen Bilderrahmen an der Wand. Total ironisch, klar, aber eben auch ganz schön gemütlich. “Wieso wünschen sich immer mehr Menschen einen Schrebergarten und lieben es, regelmäßig wandern zu gehen?”, wunderte sich neulich der UniSPIEGEL. “Wo kommt das Neo-Spießige bloß her, das sich überall beobachten lässt?”

Jugendforscher Klaus Hurrelmann glaubt, der Grund dafür seien all die Krisen, mit denen die Generation groß wurde. Die Anschläge vom 11. September, der Krieg gegen den Terror, der Lehman-Crash, der Klimawandel - für die heute 18- bis 30-Jährigen sind Katastrophen ein Dauerzustand, ihre Einstellung dem Leben gegenüber einer tiefen Sehnsucht nach Sicherheit geschuldet. Nach Ruhe und geordneten Verhältnissen.

Raum für Notizen: Was ist dir wichtig, haben wir Nutzer gefragt. Eine Antwort: “Familie und Freunde, Zufriedenheit”

Raum für Notizen: Was ist dir wichtig, haben wir Nutzer gefragt. Eine Antwort: “Familie und Freunde, Zufriedenheit” (Bild: Slatit / CC-BY-ND-2.0)

Und die Feierei? 

  • In unserer Umfrage geben 38 Prozent der Teilnehmer an, seltener als einmal pro Monat richtig betrunken zu sein - ein Drittel besäuft sich überhaupt niemals. 
  • 67 Prozent haben noch nie illegale Drogen genommen. 
  • Cannabis haben 31 Prozent der Befragten ausprobiert. Anders ausgedrückt: Zwei von drei Menschen zwischen 18 und 30 Jahren haben noch nie in ihrem Leben gekifft. Eigentlich kaum vorstellbar, wenn man mal an die letzte WG-Party denkt.

Man könnte diese Generation also tatsächlich spießig nennen - oder gar mit Zombies vergleichen, wie es Oliver Jeges getan hat, der Autor von “Generation Maybe”: “Zombie oder Ypsiloner - die Seelenlosigkeit ist ihnen gemein”, schrieb er in einem Artikel für die “Welt”. Das ist natürlich großer Quatsch. Genauso wie der Vorwurf, sie sei ziellos, nur weil sie sich um ihre Work-Life-Balance schert.

Was ist dir wichtig? “Mit dem Nötigsten versorgt sein, eine positive Einstellung bewahren :)“, schrieb ein Befragter. Andere Antworten: “Hoffnung und Vertrauen; Grundmaß an Sicherheit” und: “Die kleinen ‘schönen’ Momente im Leben, Genuss“.

Was ist dir wichtig? “Mit dem Nötigsten versorgt sein, eine positive Einstellung bewahren :)“, schrieb ein Befragter. Andere Antworten: “Hoffnung und Vertrauen; Grundmaß an Sicherheit” und: “Die kleinen ‘schönen’ Momente im Leben, Genuss“. (Bild: Ondrej Supitar)

Vielleicht irritiert am Ende gerade dieses pragmatische Vorgehen: Die Generation will nicht die Welt umkrempeln, politische Systeme zu Fall bringen oder die ultimative Bewusstseinserweiterung erleben. Zumindest ein Großteil von ihnen will ganz elementare Dinge: Gesundheit, finanzielle Unabhängigkeit, eine eigene Familie. So viel Genügsamkeit ist bei einer jungen Generation vielleicht neu. Schlecht ist sie deswegen nicht. 

Was ist dir wichtig? “Gute Freunde, Zugehörigkeitsgefühl”

Was ist dir wichtig? “Gute Freunde, Zugehörigkeitsgefühl” (Bild: Alex / by 2.0)

Die bento-Umfrage

An unserer Studie haben 1000 in Deutschland lebende Menschen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren teilgenommen. Die Schwankungsbreite beträgt für die gesamte Stichprobe 1,9 Prozent. Die Online-Befragung wurde von dem Institut für Markt- und Trendforschung EARSandEYES im Auftrag von bento im Mai 2015 durchgeführt.