Bild: Lisa Altmeier

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Warum Japan für Vegetarier die Hölle ist

15.12.2015, 18:26 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

"Ist da Fleisch drin?" - "Nein, nur Hühnchen." Von wegen lecker Tofu: Japaner stecken wirklich überall Fleisch und Fisch rein.

"Och nee, schon wieder Augen im Mund!“ Eine typische Situation in Japan, wenn du versuchst, dich als vegetarische Reisende durchzuschlagen. Es ist verdammt schwierig. Egal, was du bestellst: Tofu, Pommes, Suppe, Reis mit Gemüse - die Japaner fügen überall noch Fleisch oder Fisch hinzu und seien es nur diese stecknadelgroßen silbrigen Fische mit den riesigen Augen oder hauchdünne Schinkenscheiben als Dekoration.

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Natürlich wusste ich, dass Fisch in Japan ein großes Thema ist, aber dass man Hühnchen dazu bekommt ("Das ist doch kein Fleisch!“), wenn man ein vegetarisches Gericht bestellt, war mir nicht bewusst.

Das Konzept des Vegetarismus ist in Japan sowieso ziemlich fremd. Es gibt natürlich auch dort eine Tierschutzbewegung, aber die ist sehr überschaubar. "Vegetarisch leben, das ist doch so eine Lifestyle-Entscheidung, das machen hier nur Leute, die irgendwelchen Prominenten aus Hollywood nacheifern“, sagte eine Studentin aus Tokio zu mir.

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Ich glaube, kein einziger Japaner hatte in den drei Monaten, in denen ich dort unterwegs war, Verständnis für mein merkwürdiges Essverhalten, auch wenn Japan ein Land ist, indem man sein Unverständnis über Merkwürdigkeiten nicht offensiv zur Schau stellt.

Meistens liefen Verabredungen zum Essen mit anderen Leuten so ab: „Gibt es irgendetwas, was du nicht isst?“ - "Ich bin Vegetarierin.“ -"Ohhh… Hmmm… Also, hmmm, wo gehen wir da denn jetzt hin? Isst du Fisch?“ -"Nein.“ - "Aber dann kannst du ja praktisch gar nichts essen, oder?“

Einmal fragte mich jemand: "Isst du Eier?“ "Ja.“ "Dann komm, wir gehen einfach irgendwo Fischeier essen.“

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In Japan geht Höflichkeit über alles. Wenn du ein exotisches Essverhalten an den Tag legst, so wie ich, ist die Person, mit der du dich triffst, dazu verpflichtet, dir ein tolles vegetarisches Essen zu bieten. Das ist mehr als unangenehm, wenn von vornherein klar ist, dass es in den meisten Läden außer Beilagen nichts Vegetarisches geben wird. Als Vegetarierin wird man also zur Belastung für andere Menschen.

Ein Kellner in einem kleinem Imbiss in Hiroshima schlüsselte mir einmal minutiös auf, wie die einzelnen Gerichte gekocht werden, und das nahezu alle üblicherweise auf der Grundlage von Fischbouillon oder Fleischbrühe zubereitet werden, sie aber natürlich gerne den erheblichen Aufwand auf sich nehmen, sich für mich ein anderes Gericht auszudenken und zu kochen.

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Dabei war Japan bis ins 18. Jahrhundert hinein ein nahezu fleischfreies Land. Dann öffnete es sich in Richtung Westen und schwupps steckt überall Schwein und Huhn drin. In Großstädten wie Tokio gibt es natürlich eine große Bandbreite an Essen, aber je ländlicher die Region, desto schwieriger wird die Nahrungsbeschaffung für Vegetarier.

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Das gilt auch für einen Snack zwischendurch: Statt belegter Brötchen mit Käse isst man in Japan zwischendurch ein Onigiri, also ein Reisbällchen. Diese Onigiri sind nur leider gefüllt, im Regelfall mit Fleisch oder Fisch. Dank Übersetzungsapps kann man auch bei mangelhaften Japanisch-Kenntnissen zumindest das Produkt abfotografieren und sich den Text übersetzen lassen.

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Vor den meisten Restaurants stehen große Stände mit Plastikabbildungen von sämtlichen Gerichten auf der Karte, das hilft Ausländern wie mir im Prinzip sehr. Sogar das Bier wird dort künstlich nachgebaut. Speisekarten gibt es je nach Größe des Ortes teilweise auch auf Englisch, zumindest aber sind sie im Regelfall mit Bildern von den meisten Speisen ausgestattet. Leider wird das Fleisch allerdings oft weggelassen. Dem Standardkunden ist egal, ob da jetzt noch ein bisschen chicken on top kommt oder nicht. Ich hatte zwar eine App, mit der man nach vegetarischen Läden suchen konnte, aber die waren oft eine einstündige Reise entfernt.

Ich begann, anderen Leuten zu verschweigen, dass ich Vegetarierin bin, damit sie sich nicht dazu verpflichtet fühlten, mit mir drei verschiedene Restaurants abzuklappern. Ich versuchte halb-heimlich nur Beilagen zu bestellen, ohne zu begründen, warum meine Mahlzeit aus Pommes und Bohnen bestand.

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Manchmal ließ ich auch Fleisch einfach auf dem Teller liegen, so ich es denn entdeckte. Allerdings war das nicht gut für mein Gewissen. Es ist traurig, wenn ein Tier dafür stirbt, dass du es verspeist. Noch trauriger ist es, wenn ein Tier dafür stirbt, dass es in einem Mülleimer landet, weil Du es nicht isst.

Ich hatte also die Wahl zwischen "scheiße“ und "beschissen.“ Zweimal aß ich aus diesem Grund ein Fischgericht auf. Einmal reichte mir jemand einen Snack, der aussah wie Chips, sich aber beim Draufherumkauen als Aalflosse entpuppte.

(Bild: Lisa Altmeier)

In den ersten drei Wochen nahm ich vier Kilo ab. Danach wurde es langsam besser. Ich wurde eine große Freundin der Izakayas, der beliebtesten japanischen Essbetriebe. Dort gibt es haufenweise leckere Kleinigkeiten wie Mais, Sojabohnen, Kimchi oder Ei. Vieles davon offiziell ohne Fleisch, wobei ich doch häufiger kleine Fische oder Scheinestückchen aus den Speisen ziehen musste. Alles, was in einer Brühe schwamm, umschiffte ich weitläufig.

Falls also jemand vorhat, als Vegetarier nach Japan zu reisen: Stellt euch auf Spuren von Fleisch in eurem Essen ein. Bleibt trotzdem leise und höflich, sonst brüskiert ihr eure Mitesser. Und futtert euch vor der Reise ein wenig Körperfett an, von dem ihr im Zweifel zehren könnt.

Crowdspondent goes Japan

Die Autorinnen Lisa Altmeier und Steffi Fetz reisten im Herbst 2015 als "Crowdspondent" durch Japan. Auf ihrer Webseite gibt es mehr Informationen zum Projekt sowie Fotos und Videos aus Japan.