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Mein Aldi ist eine Kultstätte des Bullshits

28.10.2015, 16:50 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Feinschmecker! Gourmet!! Elite!!!

Ich reagiere allergisch auf Geschwätz. Ich ertrage es schwer, wenn Leute nicht wissen, wovon sie reden, aber trotzdem nicht den Mund halten. Wenn sie kleine Gedanken in große Worte packen.

Der nächste Supermarkt von meiner Wohnung ist eine Aldi-Filiale. Es gibt kaum andere Discounter in der Nähe. Aldi ist die einzige Option, wenn ich in einem Reisekoffer Wochenrationen Milch und Saft durch die Straßen Hamburgs bugsieren will. Oft gehe ich widerwillig. Denn Aldi ist eine Kultstätte des Bullshits.

Ich habe Aldis Geschäftskonzept immer so verstanden: Die Produkte sind billig und qualitativ ganz okay. Die Albrecht-Brüder, selbst legendär sparsam, waren genauso hinter dem Hartz-IV-Euro her wie dem Haushaltsbudget des preisbewussten Oberstudiendirektors. 

Bisher war mir entgangen, dass Aldi ein Gourmet-Supermarkt ist, ein Tummelplatz für Feinschmecker mit Luxus-Gaumen.

Ist auch nicht so. Trotzdem brüllt es mir in jedem Gang, aus jedem Kühlregal genau das entgegen: Gourmet-Roastbeef! Feinschmecker-Butter!! Elite-Joghurt!!! Letzterer ist ein Penny-Produkt, keines von Aldi, wie ich in einer früheren Version dieses Artikels fälschlicherweise schrieb. Denn natürlich ist Marketing-Blabla kein reines Aldi-Problem. Elite ist aber besonders wunderlich: Ist das Joghurt für Eliten? Haben die Discounter ihr egalitäres Versprechen der preiswerten Massenversorgung etwa aufgegeben? Oder verkörpert der Familieneimer "Pfirsich-Maracuja" die Elite unter den Joghurts? Und wenn ja, was soll das heißen?

Wahrscheinlich: nichts. Vor meinem geistigen Auge wuselt eine Armee von Marketing-Heinis um graue Stellwände und heftet an die drangepinnten Wurstpackungen wahllos bunte Pappkarten, auf denen "Delikatess" und "Premium" steht – und Hunderte andere große Worte, die durch ihren inflationären Gebrauch jede Bedeutung eingebüßt haben.

Jaja, ich weiß: Man hat sich über die Zeit an vieles gewöhnt. Werbespots, in denen eine Off-Stimme umständlich die Vorzüge des Produktes erklärt, findet man höchstens auf YouTube als 50er-Jahre-Artefakt. Aber muss man es jedem denkfaulen Vokabelschubser durchgehen lassen, wenn er einst majestätisch bedeutungsvolle Worte entwertet, in der Hoffnung, er könne Verbraucher damit für dumm verkaufen? Heißt nicht irgendwas auch "Gut & Günstig"? – eine im Vergleich wohltuend bescheidene Lobpreisung des eigenen Sortiments. Die Lücke zwischen behauptetem Anspruch und tatsächlicher Durchschnittlichkeit der Produkte ist bei Aldi – und praktisch allen anderen Discountern – einfach zu riesig, um sie zu ignorieren.

"Ein bisschen mehr Bedeutung wäre manchmal schön", überschrieb Max Goldt mal einen sprachkritischen Essay. Sein Gruselkabinett der bis zur Unkenntlichkeit entstellten Worte führt schließlich zur "Inspiration" - ein Wort, das einst von der Beseelung eines Sterblichen durch den Heiligen Geist kündete und nun sein Dasein über automatisch generierten Produktempfehlungen fristet, in Sätzen wie: "Inspiriert von Ihren Stöber-Trends".

Ja, Aldi, ein bisschen mehr Bedeutung wäre manchmal schön. "Garden Feelings"? Welche Gefühle verbindet man denn gemeinhin mit einem Elektro-Laubsauger, außer frühmorgendlichem Hass auf den Nachbarn? Werden die Waldspaziergänge in Hollywood-RomComs bald durch das geschickte Placement röhrender "Garden Feelings"-Laubsauger romantisch aufgewertet? What A Feeling!

Oder die "Wellness-Flakes"? Hätte es "Vollkorn-Flakes" nicht auch getan? Aber ich verstehe: Wer sich den lieben langen Tag seinen Kopf zermartern muss, welches hochtrabende Quatschwort er der Cervelatwurst verpassen kann, dem kommt die bereits ohne jegliche Bedeutung auf die Welt gekommene Vokabel "Wellness" gerade recht. 

Offen bleibt aber: Was macht mein "Feeling" eigentlich "weller"? Die "Wellness-Flakes" oder der "Wellness-Drehstuhl"?

Vielleicht tue ich den berufsmäßigen Wortverdrehern aber unrecht. Vielleicht haben sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den häufig übersehenen Dingen des Alltags ein wenig Magie einzuhauchen. Stehen sie gar in der Tradition der Romantiker? Schrieb nicht schon Joseph von Eichendorff:

"Schläft ein Lied in allen Dingen / die da träumen fort und fort / und die Welt hebt an zu singen / triffst du nur das Zauberwort"?

Hm. Ne.

Ich schiebe meinen Wagen Richtung Kasse, vorbei an den Hygiene-Artikeln. Klopapier lädt immer zu billigen Witzen ein – und Aldi leistet trotzdem freudig Schützenhilfe: Die Taschentücher haben "Talent", das Vierlagige bietet einen derartigen "Luxus", dass Ludwig XIV auf seinen puffbehosten Knien um die Eröffnung einer Aldi-Filiale im Versailler Schloss gebettelt hätte. 

Und warum auf Worte beschränken, die existieren? Das "Dreilagige" hört auf "Zartess", ein Name wie ein Windhauch durch Herbstlaub. Aber was bedeutet das? Mir ist nicht mal die Wortart klar! "Zartess oblige"? Am Arsch! 

Mir reichts. Aufgewühlt staple ich Bullshit-Artikel neben Bullshit-Artikel aufs Kassenband, als mein Blick auf die Grabbelbox neben meinem Wagen fällt. Ein schlichtes grün-weißes Tütchen liegt da, Aufschrift "Braune Kuchen". Einfach nur "Braune Kuchen". Ich vermute darin: braune Kuchen. Na also, geht doch.

Schickt uns euren lustigsten Supermarkt-Bullshit!

Aldi ist nicht allein. Auch andere Supermarktketten versuchen ihre Normalo-Artikel mit übertriebenen Lobpreisungen wertvoller erscheinen zu lassen als sie sind. Fotografiert die schrägsten Marketing-Kreationen und schickt uns die Bilder an input@bento.de. Wir zeigen sie dann in einem weiteren Artikel (schreibt bitte euren Namen oder ein Pseudonym dazu, unter dem wir das Bild veröffentlichen dürfen).

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