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Wir lieben Fleisch. Warum nur?

16.10.2015, 09:57 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

Vegetarier essen unserem Essen das Essen weg.

(Bild: Christoph Hoppenbrock, CC BY-NC-ND)

Sieben Prozent von uns bezeichnen sich als Vegetarier, mehr nicht. Das ist ein Ergebnis der bento-Umfrage unter 18- bis 30-Jährigen. Dass sich nur so wenige junge Menschen alternativ ernähren, hätte ich nicht erwartet.

Ich gehöre dazu und bin eigentlich die absolute Durchschnittsvegetarierin. Denn laut unserer Umfrage sind die meisten Fleischlosen von uns Frauen zwischen 24 und 26, die irgendwas mit Gesellschaft studieren. Noch dazu lebe ich mit meinen Vegetarierfreunden in einer Großstadt voller veganer Supermärkte und vegetarischer Restaurants. 

Zum “eigentlich” kommen wir gleich. Ich bin jedenfalls Teil einer Minderheit: Rund 77 Prozent der Millennials sind Fleischesser. Vegan ernähren sich lediglich zwei Prozent und sowohl bei den Vegetariern als auch Veganern sind es mehr Frauen als Männer. In meiner Welt waren es immer viel mehr. 

Joachim Westenhöfer, Ernährungspsychologe an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg, klärt mich auf: “Ihr soziales Umfeld verzerrt da wahrscheinlich ihre Wahrnehmung” Addiere man Veganer und Vegetarier käme man doch sehr nahe an die Ergebnisse ähnlicher Studien. Der deutsche Vegetarierbund zum Beispiel geht von 11,1 Prozent Vegetariern in der Bevölkerung aus. Da sind die Veganer schon mit eingerechnet.


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Mein Fleischverzicht begann mit der Abneigung gegenüber Massentierhaltung und Akkordschlachtung - und mit einem Experiment. Je einen Monat probierte ich vegetarische, vegane und frutarische Ernährung aus. 

Frutarisch bedeutet, dass nur Fallobst und -gemüse konsumiert werden darf, so dass keine Pflanze zu Schaden kommt. Wer das macht? Neben den 773 Fleischessern immerhin vier von 1000 Befragten. Für mich war der Frutarismus absolut nicht geeignet. Ich beendete mein Experiment nach drei Tagen Paprika in Kokosmilch und fuhr hungrig und schlecht gelaunt zum Grillen in den Park.

Aber nur Käse, denn das Ergebnis war, dass mich Kokosmilch zwar bis heute anwidert, ich aber überhaupt kein Fleisch vermisse. Seit fünf Jahren verzichte ich nun schon und mache dabei nur zwei Ausnahmen: Wild, weil das erlegt wird, um ein Ökosystem aufrecht zu erhalten, und nicht in engen Hallen leben muss. Und Sushi, weil ich manchmal doch schwach bin.

Das macht mich eigentlich zum Pescetarier: kein Fleisch, aber Fisch. Unter unseren 1000 Befragten waren elf Pescetarier. Ich denke, dass ich meine eigene Subkategorie gründen muss: die Sushitarier.

Finden Fleischesser jegliches Fleisch so toll wie ich Sushi? Was hält sie davon ab, zumindest in Teilzeit auf Fleisch zu verzichten, wie die immerhin noch einmal sieben Prozent zwischen 18 und 30 Jahren, die sich als Flexitarier verstehen?

Ernährungspsychologe Westenhöfer vermutet als einen Faktor die Fleischindustrie, die ihre Ware fast unmöglich billig anbiete. Außerdem werde es dem Verbraucher mit der Präsentation des Fleisches im Supermarkt leicht gemacht, nicht an Tiere denken zu müssen: “Wir dröseln für uns Tier und Fleisch auseinander, so als ob es nichts miteinander zu tun hätten.”


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Aus meinen eigenen Erfahrungen kann ich sagen, dass alternative Ernährung vor allem sozial nicht immer einfach ist. Und Westenhöfer bekräftigt dies: “Studien zeigen, dass Übergewicht und damit auch Essgewohnheiten durchaus so etwas wie einen Ansteckungseffekt haben und sich in einem sozialen Umfeld ausbreiten” Gegen den Strom schwimmen kann da schwierig sein. Ich habe mir schon eine Menge ausgelutschter Sprüche anhören müssen.

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Ja, habe ich. Außerdem schadet übermäßiger Fleischkonsum zumindest indirekt unser aller Gesundheit. Deswegen meide ich Fleisch, und ich bin damit nicht alleine: Fünf Prozent der Befragten verzichten auf Fleisch und drei Prozent auf Fisch, weil sie den Konsum für ungesund halten. 

Aber warum essen Millenials in einer Zeit des angeblich wachsenden Ökobewusstseins so gern Fleisch? Auch Professor Westenhöfer beschäftigt diese Frage, doch kann er, wie andere Wissenschaftler (hier und hier), nur vermuten: Der Fleischkonsum könnte kulturell bedingt sein, weil für viele die Bratwurst einfach zum Weihnachtsmarkt und der Braten ins bayrische Wirtshaus gehört. Er könnte von unserem sozialen abhängen oder vielleicht eben doch davon, wie uns das Fleisch im Supermarkt präsentiert wird. Was jetzt genau welchen Einfluss auf die Liebe zum Fleisch hat, weiß die Wissenschaft bisher nicht.

Im Grunde kann doch jeder futtern, was er möchte und womit er sich wohl fühlt. Traurig fände ich nur, wenn die vielen Fleischesser da nicht zumindest hin und wieder mal drüber nachdenken.


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Die bento-Umfrage

An unserer Studie haben 1000 in Deutschland lebende Menschen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren teilgenommen. Die Schwankungsbreite beträgt für die gesamte Stichprobe 1,9 Prozent. Die Online-Befragung wurde von dem Institut für Markt- und Trendforschung EARSandEYES im Auftrag von bento im Mai 2015 durchgeführt.