Bild: Marcel Wogram

Food

Ric ernährt sich seit einem halben Jahr von Flüssignahrung

07.10.2015, 12:52 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

Essen macht Spaß – nicht bei Ric. Seit mehr als einem halben Jahr ernährt er sich von Flüssignahrung. Was macht das mit ihm?


Mana schmeckt wie der letzte Löffel vom Müsli. Wenn die Flocken schon richtig durchgematscht sind und auf dem Schüsselboden nur noch ein körniger Brei klebt. "Der Drink ist nicht konzipiert, um gut zu schmecken", sagt Ricardo Ferrer Rivero. Der 31-jährige Unternehmer aus Hannover ernährt sich seit einem halben Jahr fast ausschließlich von dem Fertiggetränk. "Der Körper lernt, das zu mögen", sagt er.

Nur selten isst Ric noch normale Mahlzeiten. Ungefähr 80 Prozent seiner Ernährung werden von Mana gedeckt. Dabei handelt es sich um eine Nachmache des vor allem in den USA sehr verbreiteten Soylent-Drinks, den der Amerikaner Rob Rhinehart im Jahr 2014 auf den Markt brachte. Vor allem im Silicon Valley ist Soylent verbreitet. Da arbeiten junge Leute in Tech-Firmen daran, die Welt zu verändern, sie arbeiten hart. Zeit zum Essen bleibt kaum, Zeit zum Kochen schon gar nicht. Deshalb greifen immer mehr von ihnen auf die flüssige Ersatznahrung zurück.



Das passt zur totalen Selbstoptimierung im Silicon Valley. Dabei geht es nicht darum, besonders gesund zu leben oder besonders gut auszusehen – es geht darum, seine Zeit möglichst effektiv zu nutzen. Prominentes Beispiel: Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg trägt jeden Tag dasselbe graue T-Shirt. Von dem hat er sehr viele im Kleiderschrank. Warum? Er will seine Zeit nicht für Kleinigkeiten verschwenden und seine Energie stattdessen darauf verwenden, die besten Produkte zu bauen, das sagte er zumindest beim Facebook-Q&A #AskMark im vergangenen November.



Bei Zuckerberg musste der Kleiderschrank dran glauben, bei den Soylent-Jüngern ist es das Essen. Für Normalesser klingt das erst mal ziemlich abstoßend: Soll das etwa die Zukunft des Essens sein? Aber geht es beim Essen nicht um viel mehr, als nur satt zu werden? Will man nicht auch gemütlich mit Freunden zusammensitzen? Kann es wirklich sein, dass man aufs Kochen verzichtet, nur um mehr Zeit zum Arbeiten zu haben? Zumindest auf die letzte Frage lautet Rics Antwort: Ja.



Manchmal wird Ric gefragt, wie sein Stuhlgang aussieht. "Alles ganz normal", sagt er.

Manchmal will er aber trotzdem noch etwas Festes essen: 80 Prozent Mana, 20 Prozent Oldschool-Mahlzeiten. "Immer wenn ich Bock auf was anderes habe, esse ich das einfach", sagt Ric. Auch für Geschäftsessen geht er natürlich ins Restaurant. "Social Meals" nennt der Hannoveraner das.



Die seien auch deshalb wichtig, sagt Ric, weil er regelmäßig etwas kauen müsse, sonst werde die Muskulatur im Mundbereich zu schlapp. Am Anfang habe fast immer Kaugummi gekaut, die seien aber schlecht für die Umwelt, deshalb wolle er das nicht mehr. Stattdessen probiert er gerade Süßholz aus. Seine Schwester habe daraufhin angeboten, dass sie ihm einen Hundeknochen schenken wolle. Ric lacht, als er das erzählt. Seine minimierte Ernährungsweise nimmt er nicht zu ernst.

Er kennt solche Witze schon: Während er sein Mittagessen vorbereitet, sitzt sein Team-Kollege am Tisch und isst. Der hat sich gerade einen Döner von der Bude gegenüber geholt, so wie Ric es früher auch gemacht hat. „Mmh, war das lecker“, sagt der Kollege extra laut. Ric lacht.

Zwischen 2011 und 2013 war er Chief Creative Officer bei doctape, das war ein Cloud-Data-Startup, ähnlich wie Dropbox. Gegessen wurde nur, wenn der Hunger zu groß wurde. Dann holte sich das Team irgendwas Schnelles aus der Umgebung, erzählt Ric. Meistens gab es Pizza. Genießen konnte er das Essen nicht, gesund war es erst recht nicht.




Attila Hildmann ist der Endgegner: Unsere Kolumnistin Ada Blitzkrieg über Green Smoothies und Esoterik in Saftform.


Noch stressiger wurde es, so Ric, als er sein nächstes Projekt anging: Pey, ein Startup, mit dem er Bitcoins unter die Menschen bringen will. Bitcoin ist eine digitale Währung, die vollständig dezentral organisiert und unabhängig von Banken ist. Eigentlich ist das bisher eher was für Nerds, das zu ändern ist Rics Ziel. Mit Pey will er die Digitalwährung zu ganz normalen Kunden und in ganz normale Geschäfte bringen: in Cafés und Friseurläden. Seit fast einem Jahr arbeitet er jetzt daran. Und in der Zeit habe er mit seinem Team einiges geschafft: In mehr als 50 Läden in Hannover könnten Kunden jetzt schon mit Bitcoins bezahlen. Da stehen Bezahl-Terminals an der Kasse, so ähnlich wie EC-Kartenlesegeräte – mit dem Unterschied, dass man das Smartphone dranhält.

Durch sein neues Startup wurden die 24 Stunden pro Tag noch knapper für Ric. Gleichzeitig hatte er keine Lust mehr, jeden Tag das ungesunde Fast Food in sich reinzuschaufeln. Da griff er wohl lieber auf die Silicon-Valley-Lösung zurück – als Kompromiss, sagt Ric.

Seit Januar ernährt er sich aus dem Becher.



Auf seine erste Soylent-Lieferung wartete er ein halbes Jahr. Eine Freundin aus den USA bestellte die Zutaten für Ric und schickte sie zu ihm nach Deutschland, denn Soylent wird nicht nach Europa verschickt. 500 Euro bezahlte Ric für seinen ersten Monat Flüssignahrung.



Deshalb stieg er auf den Soylent-Verschnitt Mana um, der in Tschechien hergestellt wird. Diese Lösung ist wesentlich günstiger: Für eine Monatsportion, die in vier Kartons geliefert wird, bezahlt Ric jetzt 184 Euro, zwei Euro pro Mahlzeit.

Weniger als zehn Minuten braucht Ric, um eine Portion zuzubereiten, 30 Minuten pro Tag: drei Löffel Mana-Pulver, drei Löffel Wasser, Öl. Schütteln. Fertig.

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Was er zu sich nimmt, tippt Ric in seine App. Denn er ist nicht nur ein effizienter Esser: Auch sonst versucht er seinen Alltag zu optimieren, mit unterschiedlichen Gadgets trackt er fast sein ganzes Leben. Nach jeder Mahlzeit gibt er ein, wie viele Kalorien er zu sich genommen hat, jeden morgen nach dem Duschen wiegt er sich und sogar seinen Schlaf analysiert er mithilfe eines Sensors im Bett.



Kalorien, Schlaf, Blutdruck – mit Gadgets und Apps trackt Ric sein Leben

Kalorien, Schlaf, Blutdruck – mit Gadgets und Apps trackt Ric sein Leben

An seinem Outfit fällt sofort das Handyholster auf, das er um seinen Oberkörper trägt. Unter den Achseln befindet sich eine kleine Tasche fürs Smartphone, ein bisschen erinnert das an einen Cowboy, der seine Pistole blitzschnell aus dem Gürtel zieht, um den ersten Schuss abzufeuern.

Dass seine Ersatznahrung nicht gleichzusetzen ist mit ausgewogener und frischgekochter Ernährung, weiß Ric. Besser, als jeden Tag nur Fertiggerichte zu essen, sei das aber allemal. Laut der Mana-Homepage ist in dem Drink alles drin, was der menschliche Körper braucht: "Ihrem Körper zu geben, was er braucht, ist mit Mana keine Zauberei." Ein schöner Zusatzeffekt der Ersatznahrung: Mana ist wohl vollständig vegan. Außerdem versuchen die Macher, möglichst viele Allergien auszuschließen. Die aktuellste Version des Drinks enthalte lediglich Soja und Gluten.

Sibylle Adam, Professorin für Ernährungswissenschaften an der HAW Hamburg hat sich Mana genauer angeschaut: "Rein rechnerisch scheint das Produkt von den Makronährstoffen her ausbalanciert zu sein. Die Anteile von Kohlenhydraten, Proteinen, Fett und Ballaststoffen in Mana passen ungefähr."
Die Mana-Macher prüfen alle Bestandteile ihres Produkts im Labor

Die Mana-Macher prüfen alle Bestandteile ihres Produkts im Labor (Bild: MANA)

Trotzdem steht sie der Ernährung von Ric sehr skeptisch gegenüber: "Ein künstlich hergestelltes Produkt kann meiner Meinung nach nicht an die natürliche Ernährung heranreichen. Zum Sattwerden: ja. Aber nicht zur langfristigen Erhaltung der Gesundheit." Zwar sei Mana rein rechnerisch okay. Es gebe aber noch sehr viel mehr zu beachten: "Das Thema Ernährung ist komplex. In der Wissenschaft haben wir schon viel herausgefunden. Aber sehr viel wissen wir auch noch nicht."

Ein gewisses Risiko ist also nicht auszuschließen. Brauchbare Langzeitstudien gibt es zu Mana noch keine, dafür ist das Produkt noch nicht lange genug auf dem Markt.

Ric ernährt sich trotzdem fast nur aus dem Becher. Er fühlt sich sogar fitter als früher. Das könne er mit Zahlen belegen: Die monatlichen Ausgaben am Kaffeeautomaten sind im vergangenen halben Jahr stark zurückgegangen. Nebenwirkungen habe er bisher keine bemerkt, sagt er. Auch seine anfängliche Befürchtung, dass er stark abnehmen würde, sei nicht eingetroffen. Im Gegenteil: Ric hat sogar zugenommen. Im Moment pendelt sich sein Gewicht bei ungefähr 72 Kilogramm ein. "Ich muss gerade sogar aufpassen, dass ich nicht fett werde", sagt er. Wenn er seinen Freunden von seiner Ernährungsweise erzählt, stellen sie noch ganz andere Fragen: Wie sieht der Stuhlgang so aus? "Alles ganz normal", sagt Ric. Na dann.

Noch mehr über Ernährung hier bei uns.


Attila Hildmann ist der Endgegner: Unsere Kolumnistin Ada Blitzkrieg über Green Smoothies und Esoterik in Saftform.