Bild: Various & Gould

Art

Die Stadt sieht besser aus mit Various & Gould

01.11.2015, 12:51 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Tolle Streetart aus Berlin.

Richtig Ärger haben Various & Gould für ihre Arbeit noch nie bekommen. Dabei arbeiten sie beide schon seit 13 Jahren als Streetart-Künstler. Gemeinsame Sache macht das in Berlin lebende Duo erst seit dem Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

Am liebsten kombinieren sie Collagen und Siebdruck und verarbeiten in ihrer Kunst gesellschaftspolitische Themen wie Religion, Identität oder Freiheit. Ihre erste gemeinsame Serie veröffentlichten Various (33) und Gould (37) im Jahr 2007. Das aktuelle Projekt „Face Time“ zeigt bunt collagierte, fiktive Gesichter und ist zurzeit vor allem in Berlin zu sehen – zum Beispiel als 350 Quadratmeter großes Fassadenbild in Kreuzberg.

Um was geht es bei „Face-Time“?

Various: Um Identitäten, Schönheitsideale und die Frage nach Geschlechtern. Wir versuchen Vorurteile aufzulösen, aber hinterfragen auch das Selbstverständnis von Geschlechtern. Wir kreieren neue Charaktere, die interessant aussehen. Das irritiert meist erstmal – aber daran erkennt jeder für sich, wo er Zuschreibungen macht.

Eure eigene Identität möchtet ihr nicht preisgeben. Das erinnert ein bisschen an Banksy.

Various: Bei Streetart Künstlern, wie auch Banksy einer ist, hat das anonym bleiben einen Grund: Man arbeitet im öffentlichen Raum, da weiß man nie, was passiert. Wir arbeiten zwar nicht so krass illegal, sind nicht zerstörerisch unterwegs – aber das Gesetz verbietet es eben erstmal.

Gould: Das anonym-bleiben ist natürlich auch Teil einer gewissen Inszenierung. In der Kunst hat man die Möglichkeit, eine neue Rolle zu spielen. So ist es ja auch bei einigen Musikern, wie The Residents oder Daft Punk.

Für was stehen eure Künstlernamen?

Various: Ich wollte einen Namen, der ausdrückt, was ich gerne mache. Da ich so viele Interessen habe, passt Various perfekt: Der Name steht für einen Technik- und Themenmix in der Kunst, er gibt mir die Freiheit, Verschiedenes auszuprobieren.

Gould: Mein Name kommt von einem Pulli, den mir mein Bruder von seiner Austauschschule in den USA mitgebracht hat. Er hatte das Logo der Gould-Academy als Aufdruck und ich habe diesen Pulli geliebt. Ich habe ihn so oft getragen, dass mich Freunde irgendwann „Gould“ genannt haben – ein super Name auch für die Streetart.

Was begeistert euch an Streetart?

Various: Als ich Streetart entdeckt habe, hat mir das die Augen für meine eigene Stadt geöffnet. Es war wie ein Befreiungsschlag. Man guckt sich den öffentlichen Raum ganz anders an.

Gould: Man wird ein Nerd – im guten Sinn. Man entwickelt einen Blick für Örtlichkeiten, städtische Begebenheiten.

Macht es euch nichts aus, dass eure Kunstwerke vergänglich sind?

Various: Dass es schnell wieder weg sein könnte ist irgendwie auch der Reiz daran: Manche Leute wissen das Kunstwerk zu schätzen, andere reißen es einfach ab. Emotional löse ich mich von der Arbeit schon in dem Moment, in dem sie fertig ist. Dann weiß ich, dass sie mir nicht mehr gehört.

Eigentlich bewegt ihr euch mit eurer Arbeit in der Illegalität…

Various: Manchen geht es bei Streetart um den Adrenalin-Kick. Das hat mich nie groß interessiert. Ich wollte eher Möglichkeiten haben, Kunst zu machen, meine Arbeiten zu zeigen.

Gould: In Berlin hatten wir noch nie Probleme mit der Polizei. Wir stören ja niemanden und machen nichts kaputt. Und wenn man ein bisschen Erfahrung hat, weiß man, wo es okay ist. Wir sind eher aufgeregt, wie die Arbeit allgemein aufgenommen wird. Es gibt immer Passanten, die fragen, was wir da machen. Wir bringen ja irgendwie Chaos in ihr geordnetes System. Wir nutzen solche Begegnungen aber gerne, um mit den Leuten über unsere Kunst zu sprechen.

Was wollt ihr mit eurer Kunst erreichen?

Gould: Unsere Arbeit hat nicht immer eine bestimmte Botschaft. Leute kriegen schon genug Ausrufezeichen um die Ohren gehauen – mach' dies, wähl' den! Wir machen eher die Zwischentöne, die rätselhaften Sachen, mit denen der Betrachter als Mensch angesprochen wird.

Various: Die große Qualität von Kunst ist, wenn sie berührt. Für uns funktioniert das am Besten über Visuelles.

Wie entstehen eure Projekte eigentlich?

Various: Das ist sehr unterschiedlich. Am Anfang steht eine Idee. Das kann auch nur ein Wort sein, das einen von uns oder uns beide beschäftigt. Wir entwerfen dann Skizzen und diskutieren darüber – das ist das Tolle daran, dass wir zu zweit sind. Oft sind unsere Arbeiten eine Mischung aus analog und digital – manchmal mit Computer, manchmal mit Schere und Pinsel. Oder wir vermischen alles.

Gould: Manchmal steht aber auch ein Material am Anfang und das Thema kommt später. So war es bei unserem Hexen-Projekt. Wir wollten gerne etwas mit Phosphorfarbe machen. Die kennt man von Streichholzschachteln – sie brennt selbst nicht, aber man kann ein Streichholz an ihr entzünden. Erst später kam uns die Idee, eine Porträt-Serie von bekannten, kontroversen Personen wie Edward Snowden mit dieser Farbe zu drucken. Durch Streichhölzer und Kerzen konnten die Betrachter dann an der von uns inszenierten „Hexenjagd“ teilnehmen. Das Publikum hat die Kunstwerke also quasi vollendet.

Es steht ja niemand hier und lobt uns für unsere Arbeit. Wir können nur hoffen, dass unsere Kunstwerke Seelenverwandte finden.
Gould

Woher wusstet ihr, dass das Publikum verstanden hat, was mit den Kunstwerken zu tun ist?

Gould: Wir waren erst relativ spät in der Nacht mit den Kunstwerken fertig und haben dann die Positionen der einzelnen Hexen in der Stadt auf unserem Blog veröffentlicht. Dazu den Hashtag #WitchHunt. Dann haben wir abgewartet. Und siehe da: Auf Instagram haben Leute gleich Bilder von sich und unseren Kunstwerken hochgeladen. Da wussten wir, dass das Projekt funktioniert und haben uns natürlich sehr gefreut. Es steht ja niemand hier und lobt uns für unsere Arbeit. Wir können nur hoffen, dass unsere Kunstwerke Seelenverwandte finden. Für Feedback muss man manchmal sehr geduldig sein.

Various: Wenn man Kunst im öffentlichen Raum macht, weiß man nie, wie lange ein Kunstwerk überhaupt da ist. Also müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen etwas von unserer Kunst mitbekommen. Über Social Media funktioniert das ganz gut.

Noch mehr über Various & Gould auf ihrer Website. Hier gibt es mehr Kunst auf bento.