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Art

Total unterschätzt: Wie Selfies unsere Gesellschaft verändern

09.10.2015, 08:00 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

Ein Selfie kann Kunst sein, Widerstand und Statement.

Selfies kann jeder. Selfies macht fast jeder, besonders Jugendliche oft exzessiv. Während Gleichaltrige die Bilder oft zelebrieren, spotten die Alten: „Selfies? Knipsen die nicht nur aufmerksamkeitsgierige, untalentierte, hohle Girlies?“

Auch die Journalistin Gloria Ryan schrieb schon auf Jezebel.com, einer der meistgelesenen US-amerikanischen, feministischen Online-Magazine: Selfies würden auf widerliche Art entlarven, wie junge Frauen lernen, vor allem auf ihre Äußeres zu achten. Schließlich teilten junge Frauen mit ihren Bildern nichts anderes mit als: Ich bin schön. Letztendlich, schreibt Ryan, seien Selfies ein Zeugnis von Narzissmus und Eitelkeit.


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Damit unterschätzen sie Selfies gewaltig. Ein Selfie kann Kunst sein, Widerstand und Statement. Damals wie heute. Denn das Selfie hat es eigentlich schon immer gegeben, ob als Höhlenmalerei, Gemälde oder Fotografie. Künstler bedienen dieses Genre schon lange, lange bevor „Selfie“ vom Oxford Dictionary 2013 zum Wort des Jahres gekürt wurde.

(Bild: dpa)

In Museen hängen die Selbstportraits von Künstlern und Künstlerinnne wie Vincent Van Gogh, Albrecht Dürer oder Frida Kahlo. Gerade Frida Kahlo ruht verdient auf dem Status einer feministischen Ikone. In ihren Gemälden reflektierte sie Politik, Kapitalismuskritik und Feminismus genauso wie ihren Weltschmerz, ihren Kampf als Künstlerin sowie ihr persönliches Schicksal - ihr schwerer Unfall als Jugendliche zum Beispiel, der ihr chronische Schmerzen bereitete und ihr untreuer Ehemann. Der ständige Dialog zwischen ihrem Innenleben und der Außenwelt macht ihre Selbstportraits besonders kontrovers und politisch.

Frida Kahlo mit ihrem Ehemann Diego: Sie verarbeitete seine Untreue oft in ihren Bildern

Frida Kahlo mit ihrem Ehemann Diego: Sie verarbeitete seine Untreue oft in ihren Bildern (Bild: dpa / Martin Munkacsi)

In diesem Jahr trafen sich in Kassel rund 200 Personen zum Lady*fest, bei einem Workshop zu „Selfies und ihr politisches Ermächtigungspotential“ hielten gerade die Männer zu Beginn wenig von Selfies. „Prolog“ und „selbstverliebt“ urteilten sie, alles andere als subversiv.

„Ich finde es in Ordnung, selbstverliebt zu sein“, sagte hingegen eine Studentin, die bloggt, einen gut gefüllten Instagram-Account führt und wortgewandte Feministin ist. Zu recht, denn: Selbst wenn Selfies bedeuten, selbstverliebt zu sein, was wäre daran so schlimm?

Wir leben in einer ziemlich männlichen Gesellschaft: Die Norm ist weiß, säkular christlich, mindestens der Mittelschicht zugehörig, gesund, heterosexuell, und sie identifiziert sich vollständig mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht, sie ist also cisgender.

Muslimischen Frauen wird erklärt, wie unterdrückt sie aufgrund ihres selbstgewählten Hijabs doch seien

Frauen, dicke Personen, Personen of Color, Personen mit sichtbarer Behinderung, arme Personen, Transpersonen und Queers werden von der Norm ausgeschlossen. Selbstbewussten Frauen wird nahegelegt, bescheiden zu sein. Flamboyante Queers werden gebeten, ihren „Lebensstil“ nicht so laut herum zu posaunen. Personen of Color daran erinnert, dass ihre Körper nicht ausreichend westlich-weißen Schönheitsidealen gleichen. Muslimischen Frauen wird erklärt, wie unterdrückt sie aufgrund ihres selbstgewählten Hijabs doch seien.

Auch in den Medien sehen wir einige Menschen oft nur in negativ besetzten Rollen: die cholerische schwarze Frau, die ungesunden, faulen Dicken, die Kampflesbe, eine verwirrte Transfrau, kriminelle Arme, bemitleidenswerte Personen mit Behinderung.

Die konstruierten Normen und Hierarchien drohen zu zerbrechen, wenn Differenz plötzlich mit Stolz getragen wird, wenn Abweichung zu etwas Positivem wird, wenn jemand selbstbewusst auftritt, obwohl er doch eigentlich vermeintlich minderwertig ist. Selfies können dabei helfen: Denn auf Selfies können sich Menschen so zeigen, wie sie selbst sich sehen und zeigen wollen. Im Netz machen Selfies sichtbar, sie helfen, sich zu vernetzen, sich selbstbestimmt zu repräsentieren und stereotypen Darstellungen zu widersetzen.

Darüber schreibt auch Derek Conrad Murray, Juniorprofessor an der University of California, in „Notes to self: the visual culture of selfies in the age of social media“: Darin untersucht er das Selfie als politische Opposition und als Ästhetik des Widerstands, er argumentiert mit renommierten Künstlerinnen wie Nan Goldin, Cindy Sherman und Vivian Maier sowie mit Noorann Matties und Vivian Fu, zwei jüngere Feministinnen of Color, die durch ihre Selbstportraits viel Aufmerksamkeit im Netz bekommen. (Zur Studie)

September 10th, 1955, New York City© Vivian Maier/Maloof Collection
Posted by Vivian Maier on Montag, 11. Juli 2011

Besonders wichtig ist, wie die Künstlerinnen Sexualität, Gender und Race darstellen.

Murray schreibt: „(...) the young female photographers (...), claim a representational agency that transcends the gender-specific slights and ideological trivializing of the young women’s efforts to define themselves; to make themselves visible, in a cultural climate that continues to negate, ridicule, malign, and sexualize them.“

Auch Kim Kardashian weiß mit Selfies umzugehen: In ihrem Coffeetable-Buch „Selfish“ sammelte sie ihre liebsten Selbstporträts aus den Jahren 2006 bis 2014. Sie schreibt, dass sie während der Kuratierung viel über ihre Leben, ihre Rolle und ihre Erfahrungen reflektierte. Hinter ihren Selfies stehen nicht nur millionenfache Likes auf Instagram, sondern ihr gekonntes Spiel zwischen medialen Zuschreibungen der narzisstischen, selbstzentrierten Celebtrity und der avantgardistischen, unterschwellig politischen Trendsetterin, die sie nun mal ist.

Nicht umsonst bezeichnete der US-amerikanische Kunstkritiker Jerry Saltz sie auf „Vulture“ als feministische Künstlerin. Die kitschig-ironische Inszenierung ihrer Ehe mit Kanye West vergleicht er gar mit Andy Warhols Zugang zur Popkultur.

Selbstverliebtsein sollte natürlich nicht dazu führen, die Bedürfnisse anderer egoistisch auzublenden. Aber ein bisschen Selbstverliebtheit steht jedem gut - und hilft dabei sexistischen Hatern etwas entgegenzusetzen. Mit Charme und ohne Hass.