Bild: Ji-Yeon Kim

Art

Dein Tinder-Profilbild hängt vielleicht in dieser Berliner Ausstellung

23.02.2017, 16:01 · Aktualisiert: 23.02.2017, 16:03

Eventuell weißt du noch nicht, dass Ji-Yeon Kim dich gemalt hat

Wisch rechts, wisch links, ahh, nicht richtig geguckt, egal, weg.

So funktionieren Dating-Apps wie Tinder. Und je öfter sie genutzt werden, desto schneller sind die Finger, desto schneller fällt die Entscheidung: Ist der oder die da mein Fall, nur so vom Foto her?

"Ich habe so viel getindert, dass ich die anderen Nutzer irgendwann gar nicht mehr als Menschen wahrgenommen habe", sagt die Künstlerin Ji-Yeon Kim, 31. Sie wohnt in Berlin, hat Kunst und Innenarchitektur studiert. Bis vor fünf Jahren lebte und arbeitete sie in Südkorea.

Menschen in Dating-Portalen – schnell weg

Menschen in Dating-Portalen – schnell weg (Bild: Ji-Yeon Kim)

Um nach dem großen Umzug, der Reise in ein neues Leben, Leute kennenzulernen, meldete sie sich bei Dating-Apps an. Nicht nur, um sich zu verlieben – auch, um Freunde zu finden, sagt sie.

Was dann passierte: Ji-Yeon hing nur noch an ihrem Smartphone, verbrachte Stunde um Stunde drinnen vor ihren Apps, um in der Welt vor ihrem Fenster Anschluss zu finden. Einige Männer traf sie für Dates, dazwischen lagen Tausende Wisch-Bewegungen.

Bis sie innehielt. Und begann, die Leute, die sie sonst nach einer Sekunde wieder vergaß, zu porträtieren:

Ji-Yeon Kim
Ji-Yeon Kim
Ji-Yeon Kim
Ji-Yeon Kim
Ji-Yeon Kim
Ji-Yeon Kim
Ji-Yeon Kim
Ji-Yeon Kim
Ji-Yeon Kim
Ji-Yeon Kim
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Ji-Yeons Gemälde sind der Pausenknopf in einer Welt, die es uns immer schwieriger macht anzuhalten. Stehenzubleiben. Um zu fragen: Wie sieht meine Umwelt eigentlich gerade aus – aus was besteht sie? Und, falls mir die Antwort auf diese Frage nicht gefällt: Wen oder was muss ich ändern, damit ich zufriedener bin mit dem Raum, in dem ich lebe?

Die Künstlerin hat nicht nur Menschen gemalt, die ihr äußerlich gefielen. Sondern eben die, an denen sie sich achtlos vorbeiwischte. "Ich kam mir dabei so unmenschlich vor", sagt sie.

Künstlerin Ji-Yeon Kim: "Aus was besteht meine Umwelt?"

Künstlerin Ji-Yeon Kim: "Aus was besteht meine Umwelt?"

Genau den Menschen, die sonst wieder verschwinden, lässt sich jetzt länger ins Gesicht blicken. Mit Acrylfarbe malt Ji-Yeon die Porträts von Fremden auf Leinwände, insgesamt sind es 50 Werke – weitere 50 sollen folgen.

Wie sie da so verewigt sind, angehalten, da kommt der Gedanke auf, dass wir nicht nur beim Tindern, sondern auch sonst mal wieder öfter den Blick vom Smartphone wenden könnten.

"Ich hoffe, dass ich die Leute, die ich gemalt habe, mal in echt treffe." Dann will sie mit ihnen sprechen, sagt sie. Ein paar echte Worte wechseln, Fragen stellen – und sich dann vielleicht auch schon wieder abwenden. Oder bleiben.


Triff Ji-Yeon Kim – auf der Vernissage ihrer Ausstellung "City of Singles – Portaits of Tinder", am 25. Februar in Berlin. Zur Facebook-Veranstaltung.


Zum Weiterklicken – der Fotograf George Downing hat Bilder von all seinen Tinder-Dates gemacht:

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