Bild: Stefanie Sargnagel

Art

Sie macht alles falsch auf Instagram – und ist damit super erfolgreich

05.03.2016, 12:05 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

Stefanie Sargnagel startet eine Revolution

Billig, extrovertiert, abgefuckt" steht auf dem Facebook-Profil, darunter der Name: "Stefanie Sprengnagel (Opfer)". Auf dem Bild ist eine nett lächelnde, junge Dame mit roter Baskenmütze und Perlenohrringen zu sehen. So adrett sieht man die 30-jährige Wienerin nur selten.

Bekommt schreckliche Albträume von Kulturmenschen: Stefanie Sargnagel

Bekommt schreckliche Albträume von Kulturmenschen: Stefanie Sargnagel

Oder sagen wir besser: eigentlich nie. Das Bild wirkt, als hätte es sich auf ihrer Seite eingeschlichen. Es genügt, nur ein paar Posts zu lesen, um festzustellen, dass Sargnagels Sprache, ja ihre ganze Person, derbe, direkt und unverblümt ist. Sie scheut sich nicht zu sagen, was sie denkt, erlebt und fühlt – und sei es auch noch so skurril, ekelerregend oder unladylike:

"Wah die naturkosmetikmasken brennen so. Mein organismus bekämpft mein streben nach bobotum. Die poren sind gereizt von der heilerde, sie wollen stundenlange beisluft. Von der fischplatte krieg ich scheißerei, vom guten rotwein sodbrennen und von den kulturmenschen schreckliche albträume."

Fotostrecke: Stefanie Sargnagel zeigt sich selbst, Wurstbrote und Nierenspieß

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Und dieser Stil kommt an

Inzwischen hat die Dauerkunststudentin (erstes Semester 2006!) aus der Klasse des berühmten Malers Daniel Richter drei Bücher veröffentlicht. Allesamt sind sie Sammlungen ihrer Facebook-Posts und der komischen Dialoge zwischen ihr als Call-Center-Agentin bei der Auskunft – das Kunststudium will ja irgendwie finanziert werden – und schrägen Anrufern.

Daniel Richter, geboren 1962, ist einer der erfolgreichsten deutschen Maler. Er lebt und arbeitet in Berlin, Hamburg und Wien.

Daniel Richter, geboren 1962, ist einer der erfolgreichsten deutschen Maler. Er lebt und arbeitet in Berlin, Hamburg und Wien. (Bild: SPIEGEL TV)

Mittlerweile ist der Job allerdings passé – zu viele Termine hat sie seit ihrem Erfolg als… ja, als was eigentlich? Als Autorin, Künstlerin oder 08/15-Userin, die einfach Glück hatte, dass sich Verlage für sie interessieren? Beim ersten Blick meint man, Letzteres sei richtig. Beim zweiten wird man zugeben müssen, dass sich Sargnagel von den meisten Facebook- und Instagram-Nutzern erheblich unterscheidet. Und sieht man ganz genau hin, wird deutlich, wie verdammt gut sie dabei ist. Entsprechend wird sie von der Kunstszene gefeiert.

Stefanie Sargnagel, die Kunstfigur

Ihre Kunst ist ihr Online-Leben. Sie findet, durch ihr spontanes Mitteilungsbedürfnis entstünden "manchmal sehr banale, manchmal ganz großartige" Posts. Alles, was sie macht, habe einen humoristischen Anspruch und Humoristik ist für Sargnagel keine Kleinkunst, wie viele behaupten, sondern hohe Kunst. Und mal ehrlich: Lässt diese Statusmeldung noch irgendwelche Zweifel zu?

"Immer wenn mein Professor Daniel Richter auf Kunststudentenpartys auftaucht, verhalten sich plötzlich alle so, als würde Gott zu seinen Jüngern sprechen. Ich weiß nie, wie ich damit umgehen soll, weil ich ja Gott bin."
Es ist an und für sich entspannender seine Depressionen zu teilen, als verkrampft eine Heile Welt vorzuspielen.
Stefanie Sargnagel

Positive Selbstdarstellung langweilt sie

Neben überheblich, ja größenwahnsinnig kann Sargnagel aber auch unsicher, zerbrechlich. Und Stefanie Sargnagel wäre nicht sie selbst, wenn sie dies nicht auch teilen würde.

"Wenn ich jeden Tag eine E-Mail bekomme mit irgendeiner Aufforderung bezüglich meiner Bucherscheinung, fühl ich mich sofort geburnoutet. Wenn ich aber einen Tag keine E-Mail bekomme, hab' ich das Gefühl, ich bin nicht mehr gefragt und alles geht den Bach runter."

Einträge wie dieser zeigen, dass Sargnagel beim Trend zur positiven Selbstdarstellung auf Facebook nicht mitmacht. Sie durchbricht die Neidspirale, von der Forscher reden, wenn ein positiver Post den nächsten bedingt und dies unentwegt Neid hervorruft. Da mitzumachen würde Sargnagel langweilen und deprimieren. "Es ist an und für sich entspannender seine Depressionen zu teilen, als verkrampft eine Heile Welt vorzuspielen." Und so zeigt sie sämtliche Facetten ihrer Person und ihres Lebens. Die schönen wie die hässlichen, die viele online lieber verheimlichen.

Selfie von Stefanie Sargnagel auf Instagram

Selfie von Stefanie Sargnagel auf Instagram

Haariger Bauch und Rotznase

Und dann ist da noch Sargnagels grandioser Instagram-Account, der subversiver nicht sein könnte. Denn die "schau-mal-her-was-ich-tolles-erlebt-habe"-Bilder, die durch etliche Filter noch idyllischer, noch romantischer, ja nach dem perfekten Erlebnis aussehen, sucht man bei ihr vergeblich.

Die Fotos von @sargnagelstefe sind qualitativ schlecht, farblich hässlich, motivisch unästhetisch. Sie zeigen kein #healthfood, sondern Wurstbrote oder den Nierenspieß vom Imbiss aus Darmstadt. Oder den haarigen Bauch ihres Freundes Martin. Oder Sargnagels laufende Nase in Nahaufnahme. Oder Selfies, auf denen der Selfie-Stick demonstrativ zu sehen ist.

"Ich finde zu einfach erkennbare Eitelkeit halt eher negativ. Ein Duckface wäre mir wesentlich peinlicher als ein Kloselfie." Man fragt sich, ob wir bei all dem Narzissmus und strategischen Denken in den sozialen Netzwerken nicht besser dran wären, wenn es mehr von Sargnagels Sorte gäbe.

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