Art

So sehen wir aus, wenn es uns mal wieder nur ums schönste Selfie geht

20.03.2017, 16:43

Wir sind fixiert auf uns. Was macht das mit unseren Erinnerungen?

Hallo, hier bin ich. Ich bin noch da, ich lebe. Und ich erlebe Aufregendes, zumindest lass ich es so aussehen.

Menschen, die Selfies machen und anschließend hochladen, sagen verschiedene Dinge damit aus – aber wahrscheinlich wollen sie immer die Aufmerksamkeit auf sich lenken, auf das eigene Gesicht, das Selbst.

Im Job, in der Bahn, auf Partys, auf Reisen – ständig gleichen wir per Frontkamera ab, wie wir aussehen, ob das Make-up noch sitzt oder das Lächeln oder ob wir einfach noch in der Form existieren, in der wir uns gern hätten.

"Es macht mich traurig, dass unser Leben manchmal nur noch in einem Smartphone-Display stattfindet", sagt Chelsea London, 31 und Fotografin aus New York. "Es fühlt sich so an, als seien wir in manchen Momenten gar nicht mehr anwesend."

Um zu zeigen, welche Momente das sind, an welchen Orten wir zu sehr fixiert sind aufs Handy, macht sie Fotos von Leuten, die Selfies machen. Meistens fährt Chelsea dafür an öffentliche Plätze, zum Beispiel, wenn sie im Urlaub ist. Dort sieht sie sich um: "Es ist echt dramatisch, wie wir uns verändert haben, wenn wir draußen unterwegs sind."

Und so sehen Chelseas "Selfies Across Europe" aus – zum Klicken:

Chelsea London
Chelsea London
Chelsea London
Chelsea London
Chelsea London
Chelsea London
Chelsea London
Chelsea London
Chelsea London
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Die Fotos zeigen vor allem junge und auch ein paar ältere Menschen. Sie alle sind vertieft in diese eine Pose, dieses eine Bild, das sie von sich selbst machen. Sie verrenken sich, grinsen breit oder gucken extra edgy, sie fassen sich gekünstelt ins Haar und machen Kussmünder.

Immer sind sie inmitten vieler anderer Menschen konzentriert auf sich selbst. Als würde sie ihre Umgebung in diesem Moment nicht jucken, als wäre jetzt gerade nur relevant, einen Beweis zu liefern: Ich bin hier, gut sieht das aus. Oder?

Aber warum finden wir uns in solchen Momenten so wichtig? Wenn wir vor historischen Sehenswürdigkeiten stehen, sind wir dann wirklich von Bedeutung?

Na, wie bin ich?

Na, wie bin ich? (Bild: Chelsea London)

Und fokussieren wir uns mit Selfies wirklich auf uns – oder eben überhaupt gar nicht auf uns, sondern auf etwas, das wir sein wollen?

"Für manche sind Likes wichtiger als die Reise selbst", sagt Chelsea. "Ich hab alles gesehen. Leute, die 15 Minuten brauchen für ihr Bild. Andere, die ihr Smartphone direkt nach dem ersten Schuss peinlich berührt wieder einstecken. Und wieder andere, die von Brücken springen für die perfekte Szene."

Was aber passiert mit diesen Szenen, wenn wir wieder zu Hause sind? In der eher selfie-unwürdigen Kulisse?

Und was haben wir davon?

Und was haben wir davon? (Bild: Chelsea London)

Chelseas Bilder zeigen: Wahrscheinlich versinken Selfies auf einer Festplatte voll mit weiteren Selfies, in einem sozialen Netzwerk, deren Nutzer schon nach wenigen Tagen wieder vergessen haben, durch was sie sich gescrollt oder wem sie ein Like geschenkt haben.

Spätestens dann muss sich jeder selbst fragen: Woran erinnere ich mich noch? War ich eigentlich ganz bewusst anwesend an diesem Ort, habe ich den Moment in mich aufgesogen, ihn geatmet – oder mich nur damit beschäftigt, wie ich an diesem Ort rüberkomme?

Folge @selfiesacrosseurope auf Instagram oder besuche Chelsea auf ihrer Webseite.


Gerechtigkeit

Die AfD zeigt Martin Schulz mit Hakennase

20.03.2017, 16:37 · Aktualisiert: 21.03.2017, 12:25

Was steckt dahinter?

Die härteste Front im Bundestagswahlkampf verläuft in diesem Jahr quer durch Facebook: Die AfD hat dort so viele Fans wie keine andere Partei – und weiß, wie sie ihr Publikum mit möglichst dramatischen Inhalten unterhalten kann. Für einen Post vom Samstagabend steht die Partei jetzt jedoch in der Kritik: Sie soll Martin Schulz als Juden dargestellt haben.

Mit dem Titel "Fakenews auf zwei Beinen" wird der aktuelle Hype um Schulz als inszeniert dargestellt – obwohl die Umfragen real sind (bento). Schulz selbst verkörpere das "sich selbst bereichernde und verlogene Establishment".