Bild: Emil Levy Z. Schramm

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Der 23-jährige Emil Schramm fotografiert den NSU-Prozess: "Mit Beate bin ich fertig"

04.12.2015, 12:50 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

Der junge Fotograf Emil Levy Z. Schramm hat einen der begehrten Presseplätze des NSU-Prozesses bekommen. Entstanden ist eine fotografische Studie.

Emil Levy Z. Schramm

Emil Levy Z. Schramm

Als Jugendlicher wurde Emil Levy Z. Schramm ständig fotografiert – von seiner Mutter und während seiner Modeljobs. Weil er Fotografen daher hauptsächlich mit Arbeit verband, konnte er sie nie so richtig leiden. Das änderte sich, als er das Handwerk in einem Schulkurs kennenlernte. Mittlerweile lebt er selbst als Fotograf in Berlin, ist Absolvent der "Neue Schule für Fotografie". In seiner Abschlussarbeit "Operation Bosporus" porträtiert der 23-Jährige die Hauptangeklagte des NSU-Prozesses, Beate Zschäpe, und kombiniert die Fotos mit Nachtaufnahmen der Tatorte des Terroristen-Trios.

Emil, du hast 2012 eine Akkreditierung für den NSU-Prozess bekommen. Warum hast du dich überhaupt für einen der Presseplätze beworben?

Als das Losverfahren für die Presseplätze bekannt gegeben wurde, habe ich erst begonnen, mich mit dem NSU und seinen Morden zu beschäftigen. Ich hatte kein bestimmtes Projekt im Kopf, sondern habe es einfach aus Interesse versucht und Glück gehabt.

Wie war es für dich, bei diesem Medienereignis dabei zu sein?

Am Anfang war es schrecklich. Ich war ja total unerfahren, das haben die anderen Pressefotografen natürlich schnell gemerkt und waren nicht sehr nett zu mir. Am liebsten wäre ich einfach nicht mehr hingegangen, aber als ich einmal angefangen hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich es einfach machen muss. Dann habe ich auch gemerkt, was für ein Glück ich habe, der einzige Fotograf dort zu sein, der mit den Fotos nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten muss.

Inwiefern?

Ich stand nicht unter Druck, in den wenigen Minuten zu Beginn eines Prozesstages irgendein Foto zu bekommen. Stattdessen konnte ich beobachten und mir überlegen, ob und wie ich das Erlebte darstellen möchte.


(Bild: Emil Levy Z. Schramm)

Wie hast du dich entschieden?

Erst hatte ich überlegt, die Fotos wie eine Modestrecke zu inszenieren. Aber das wäre ziemlich langweilig geworden, denn als Gefangene hat man nicht so viele Outfits. Mir ist dann aufgefallen, dass Beate immer sehr teilnahmslos rüber kam, sich immer wegdrehte, als gehe sie das Ganze gar nichts an. Generell ist sie ein sehr unscheinbarer Mensch. Dieses "sich nicht zeigen" wollte ich sichtbar machen.


(Bild: Emil Levy Z. Schramm)

Du nennst sie Beate?

Ja, ich hoffe das kommt nicht so rüber, als ob ich total eng mit ihr wäre. Aber so oft, wie ich im Rahmen des Projektes ihren Namen nennen musste, war "Beate Zschäpe" einfach zu lang. Und "Frau Zschäpe" klingt meiner Meinung nach zu förmlich für eine Terroristin.


(Bild: Emil Levy Z. Schramm)

Die Arbeit am Projekt dauert nun immerhin schon mehr als drei Jahre. Hast du eine Art Beziehung zu Beate Zschäpe aufgebaut?

Anfangs ging es ja hauptsächlich um sie. Da habe ich ihr sogar mehrere Briefe geschrieben, mit dem Wunsch, sie für ein Porträt im Gefängnis besuchen zu dürfen. Allein das Formulieren war eine Herausforderung: Wie schreibt man einen Brief an eine Terroristin? Sie hat nie geantwortet. Wahrscheinlich war das besser so. Wie hätte ich mich denn auf so eine Begegnung auch vorbereitet? Was hätte ich sie gefragt? Mittlerweile interessiert sie mich gar nicht mehr, sie hat es nicht verdient, im Mittelpunkt zu stehen. Mit Beate bin ich fertig. Viel wichtiger sind die Opfer. Deshalb habe ich die Tatorte der NSU-Morde besucht.

Mit Beate bin ich fertig. Viel wichtiger sind die Opfer.

Warum hast du die Tatorte bei Nacht fotografiert?

Die Tatorte zu besuchen, war unglaublich bedrückend. Manche existieren gar nicht mehr wirklich – zum Beispiel der Imbiss von Ismail Yasar in Nürnberg. Dort hängt jetzt eine Gedenktafel. Diese Orte zu besuchen und mir vor Augen zu führen, welch schreckliche Taten dort passiert sind, hat mich tief berührt. Ich finde, die Nachtaufnahmen vermitteln am ehesten das Gefühl, das ich bei meinen Besuchen dort empfunden habe.


NSU-Tatort in Hamburg: Hier wurde Süleyman Tasköprü am 27. Juni 2001 ermordet. (Bild: Emil Levy Z. Schramm)


NSU-Tatort in Nürnberg: Hier wurde Ismail Yasar am 9. Juni 2005 ermordet. (Bild: Emil Levy Z. Schramm)


NSU-Tatort in Dortmund: Hier wurde Mehmet Kubasik am 4. April 2006 ermordet. (Bild: Emil Levy Z. Schramm)

Der NSU-Prozess ist noch nicht zu Ende, du bist noch akkreditiert. Wirst du weiter hingehen?

Ich war mittlerweile etwa 20-mal da. Im Endeffekt ist es immer das Gleiche, mich hat es mit der Zeit sogar etwas angewidert. Es kam mir vor wie eine Klassenfahrt der Angeklagten und ihrer Anwälte. Sie aßen Süßigkeiten, quatschten oft fröhlich miteinander. Es verändert sich auch nicht wirklich viel. Sicherlich werde ich aber wieder hingehen – spätestens zur Urteilsverkündung.

Damit ist dann auch das Projekt beendet?

Nein, mittlerweile hat mich das Thema gefesselt, es haben sich viel mehr Facetten aufgetan, als ich anfangs dachte. Alleine schon, was die Mordschauplätze und die Ermittlungsmethoden angeht. Deshalb habe ich den Titel "Operation Bosporus" gewählt. Er bezieht sich auf die Polizeikommission, die mit der Aufklärung der Mordserie beauftragt war - und "Bosporus" genannt wurde.

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