Bild: Liron Erel

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Liron hat eine neue Sprache entwickelt – für Frieden im Nahen Osten

07.09.2017, 13:59 · Aktualisiert: 07.09.2017, 19:16

Die Schriftsprache Aravrit ist eine Mischung aus Arabisch und Hebräisch

Religion, politische Überzeugung und die Frage, wer den besten Hummus macht – es gibt vieles, was Israelis und Palästinenser im Nahen Osten trennt. Liron Lavi Turkenich will dafür sorgen, dass sie auch etwas verbindet. Die 32-jährige israelische Designerin hat ein neues Alphabet entwickelt, indem sie arabische und hebräische Buchstaben miteinander verbindet.

"Aravrit" heißt ihr Projekt. Der Name ist eine Kombination aus "Aravit" (Arabisch) und "Ivrit" (Hebräisch). So möchte sie für Frieden im Nahen Osten werben. 

Wir haben mit Liron gesprochen und sie gefragt: Wie erfindet man eigentlich eine neue Schriftsprache?

"Wasser"

"Wasser"

Warum hast du eine neue Schriftsprache geschaffen?

Ich lebe in Haifa, einer Stadt im Norden Israels, in der jüdische und arabische Israelis Tür an Tür wohnen. Wie überall im Land sind auch in meiner Heimatstadt alle Schilder dreisprachig auf Hebräisch, Arabisch und Englisch beschriftet. 

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich die arabische Schrift nur als hübsche Dekoration wahrnehme und mich kaum darum schere, welche Bedeutung hinter den Worten steckt. 

Das ist ziemlich traurig. Arabisch ist in Israel eine der Landessprachen, sie ist überall um uns herum und Teil unseres Alltags und trotzdem ignorieren wir sie in der Regel. Mit meinem "Aravrit"-Projekt möchte ich dafür sorgen, dass Hebräisch und Arabisch den gleichen Respekt bekommen.  

Der obere Teil ist Arabisch, der untere Hebräisch. Muttersprachler auf beiden Seiten sind in der Lage, die Wörter zu lesen.
Liron

Und das geht, indem man einfach beide Sprachen zusammenwürfelt?

"Aravrit" basiert auf den Studien des französischen Augenarztes Louis Émile Javal. Er fand heraus, dass wir nur die obere Hälfte der lateinischen Buchstaben sehen müssen, um den Sinn des Wortes zu begreifen. Das gleiche Prinzip funktioniert auch in der arabischen und hebräischen Sprache. 

So sieht die Schriftsprache von Liron aus:

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Wie hast du das gemacht?

Das System hat neue Buchstaben. Jeder Einzelne besteht aus einem oberen und einem unteren Teil. Der obere Teil ist Arabisch, der untere Hebräisch. Muttersprachler auf beiden Seiten sind also in der Lage, die Wörter zu lesen, auch wenn sie nur die Hälfte der Buchstaben sehen. 

Es war mir sehr wichtig, dass die Grammatik der jeweiligen Sprache nicht verändert wird, darum habe ich in den vergangenen sechs Jahren insgesamt 638 mögliche Buchstabenkombinationen kreiert. Man kann also ganze Sätze bilden, die in beiden Sprachen Sinn machen.

So hat Liron die Buchstaben zugeschnitten:

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(Video: Gur Margalit)

Gerade am Anfang haben mir darum viele in meinem Umfeld von meinem Projekt abgeraten.
Liron

Das klingt nach einer ziemlichen Frickelarbeit.

Zwei komplizierte Sprachen miteinander verschmelzen zu lassen, ohne die jeweiligen grammatikalischen Regeln zu verändern, ist eine wahnsinnige Aufgabe. Zuerst habe ich am Computer jeden einzelnen der 22 hebräischen Buchstaben in der Mitte getrennt und den unteren Teil mit dem oberen Teil jedes einzelnen der 29 arabischen Buchstaben verbunden. Die ersten Wörter waren bereits nach vier Monaten fertig, für andere habe ich länger gebraucht. 

Ich wusste manchmal gar nicht, wo ich beginnen sollte. Gerade am Anfang haben mir darum viele in meinem Umfeld von meinem Projekt abgeraten. Ich war aber überzeugt, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben. 

Bilder aus Israel und Palästina:

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Warum hast du trotzdem weiter gemacht?

Da ich kein Arabisch spreche, war ich auf Unterstützung angewiesen. Jeden Morgen auf meinem Weg zur Arbeit, habe ich im Zug von Haifa nach Tel Aviv Menschen, die Arabisch sprechen, um Hilfe gebeten. Alle waren sofort begeistert. Daraus sind echte Freundschaften entstanden.

Und funktioniert das? Können Menschen deine Sprache lesen und verstehen?

Am Anfang freuen sich die Leute, wenn sie "Aravrit" lesen können. Es fühlt sich für sie so an, als hätten sie gerade ein kompliziertes Rätsel gelöst. Kurz danach werden sie nachdenklich, weil ihnen der tiefere Sinn bewusst wird.

Ich möchte mit meinen arabischen Nachbarn in Frieden leben.
Liron

Ok, das Alphabet ist fertig und funktioniert. Wie hast du die Sprache verbreitet?

Über die Jahre war mein Projekt immer wieder Teil kleinerer Ausstellungen in Israel. Aber der Durchbruch gelang erst vor wenigen Monaten. Der israelische Sender KAN veröffentlichte einen Beitrag auf seiner Facebook-Seite. Plötzlich bekam ich Interview-Anfragen von Medien aus der ganzen Welt – von Argentinien bis Indien. Sogar die BBC berichtete.  

Hast du mit diesem Erfolg gerechnet?

Über die positive Resonanz in Israel und der ganzen Welt war ich überrascht. Ich glaube der Erfolg gründet darin, dass es nicht von einer Partei oder einer politischen Institution entwickelt wurde, sondern von mir – einer ganz normalen Frau. Ich möchte mit meinen arabischen Nachbarn in Frieden leben. Das ist mein ganz persönlicher Antrieb und ich glaube, dass sich viele damit identifizieren können.

Eine starke politische Botschaft. Glaubst du, dass "Aravrit" im Nahost-Konflikt helfen kann?

Auf eine spielerische und ästhetische Art symbolisiert mein Projekt unser aller Leben hier in Israel. Wie sollen wir einander verstehen, wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen? Ich glaube "Aravrit" hat unglaubliches Potenzial. Wenn es nach mir ginge, würde ich schon morgen alle Schilder in Israel umschreiben. Das ist natürlich illusorisch. 

Echter Wandel braucht seine Zeit. Im Moment bekomme ich allerdings sehr viele Anfragen, ob ich nicht Tattoos in "Aravrit" entwerfen könnte. Das ist zumindest ein Anfang.


Streaming

Die Leute regen sich über Disneys neuesten Cast bei "Aladdin" auf

07.09.2017, 13:41 · Aktualisiert: 07.09.2017, 16:28

Finden viele gar nicht gut.

Hollywood hat seit je ein Problem mit "white washing", also dem Besetzen von afrikanischen oder asiatischen Rollen mit weißen Darstellern. Für seine Realverfilmung von "Aladdin" wollte Disney daher vieles besser machen.

Es gab einen Castingaufruf, bei dem explizit nach Schauspielern aus dem Nahen Osten gesucht wurde. Und tatsächlich besetzte Disney die wichtigen Rollen mit einem diversen Cast (bento).

Nun wurde eine weiße Nebenrolle bekannt – und viele regen sich auf.