Bild: Yuliya Skorobogatova

Art

Foto-Projekt mit Selfiestick: Eine junge Frau zeigt, wie Muttersein wirklich ist

05.04.2016, 09:52 · Aktualisiert: 14.01.2017, 14:35

"Wieso bist du so müde, du tust doch nichts."

Babys sind niedlich. Vor allem, wenn die engelsgleichen Wesen in den Armen ihrer Mütter liegen und schlummern. Wenn sie aufwachen, lächeln sie in die Kamera und geben ein erquicktes Glucksen von sich, bevor sie über pastellfarbene Decken in Richtung Papa krabbeln.

Szenen, wie man sie aus der Werbung kennt, entsprechen selten dem Leben junger Eltern. Das dachte sich auch Studentin und Mutter Yuliya Skorobogatova, die zur Zeit an der Moskauer School of Visual Arts studiert. In ihrem aktuellen Fotoprojekt zeigt sie sich mit ihren beiden Töchtern vor der Kamera: unretuschiert und so natürlich wie möglich.

In der Fotostrecke zeigen wir ihre Bilder

Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
Yuliya Skorobogatova
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Die Idee zum Projekt lieferte ein kinderloser Freund. Als Yuliya ihm gegenüber anmerkte, dass Tage ohne Schlaf ganz schön hart wären, fragt er: "Wieso bist du so müde? Du tust doch nichts, außer auf das Baby aufzupassen!"

Um zu zeigen, wie zermürbend und anstrengend so ein ganz normaler Tag sein kann, hat die zweifache Mutter ihren Alltag drei Monate lang mit einem Selfiestick dokumentiert. Um den Situationen Humor zu verleihen, hat sie die Szenarien ein wenig überspitzt.

"Das Internet ist voller persönlicher Fotos, auch jenen von Kindern. Fotografen inszenieren das Privatleben anderer Menschen ständig und werden trotzdem für ihre professionelle Arbeit geschätzt. Warum soll ich mein Leben denn nicht gleich selbst festhalten?", sagt Yuliya.

Wir haben drei Mom-Bloggerinnen gefragt, was sie von dem Projekt halten

Anne, 34, von einerschreitimmer.com

www.einerschreitimmer.com
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"Wieso bist du müde, du tust doch nichts außer auf das Baby aufzupassen!"
Wie viel Wahrheit steckt in dem Vorwurf?

Ich habe mir das früher auch immer gedacht. "Ach was – da gehst du chillig in Elternzeit. Mal was anderes im Vergleich zu einem stressigen Job..." Aber solche Sätze sagt nur jemand, der keine Kinder hat, oder noch nie auf ein oder mehrere Kinder aufgepasst hat. Die Elternzeit ist ganz anders: Im Job hat man ein freies Wochenende, das fällt mit Kindern völlig flach. Der Haushalt ist sowieso ein Chaos, die Kinder gehen ihr eigenes Tempo und sind eben nicht genau dann müde, wenn wir das so gerne hätten.

Inwiefern können diese Fotos werdende Eltern auf ein Leben mit Kleinkind vorbereiten?"

Normalerweise sieht man immer diese unglaublich süßen und sauberen Kinder auf den Fotos, die beim Schlafen eine knuffelige Schnute ziehen. Aber Vorsicht: SPOILER! Die Realität hat viel mit Schmutz, Ausscheidungen, Essensresten und Sand zu tun: Und auch Augenringe spielen eine sehr große Rolle. Trotzdem gilt: Man geht mit Kindern an seine körperlichen Grenzen. Und trotzdem geben sie einem einen völlig neuen Blick auf die Welt. Sie zeigen einem: "Hey - da gibt es noch wichtigere Dinge als Job, Karriere und Konsum." Es ist unglaublich schön, wenn man aneinandergekuschelt am Nachmittag eine Stunde schlafen kann.

Corinne, 33, von makellosmag.de

Expectation vs. Reality: Wie hast du dir den Alltag mit Baby vorgestellt und wie war er dann tatsächlich?

Alle sagen einem, dass es anstrengend wird. Was dieses Anstrengendes ist, wird dir aber erst bewusst, wenn man selbst Eltern wird. Der Schlafmangel, die vielen Krankheiten, die nicht nur das Baby treffen, sondern immer auch einen selbst, und die Tatsache, dass es nun ein anderes Wesen gibt, das dich komplett bestimmt. Natürlich gibst du einen Teil von dir auf. Oder gehst einfach in eine neue Lebensphase, das sieht jeder anders. Trotzdem ist man erst mal raus aus dem bisherigen Leben, das kann sehr einsam sein. Meckern und Rauslassen tut extrem gut, deshalb verstehe ich das Fotoprojekt. Ich spüre immer die Erleichterung bei mir und anderen, wenn man merkt: "Denen geht es genauso."

"Wieso bist du müde, du tust doch nichts außer auf das Baby aufzupassen!”
Wie viel Wahrheit steckt in dem Vorwurf?

Wenn Eltern stöhnten: "Der Schlaf!" habe ich vor dem Kind tatsächlich auch manchmal gedacht: "Na, müde sein kenne ich doch von durchgemachten Nächten." Dann merkt man, es ist eine gänzlich unbekannte Kategorie an Erschöpfung. Das Ausschlafen kommt erst Jahre später. Noch häufiger wird angenommen, man hätte ganz viel Zeit mit Baby zu Hause. Und alle Eltern kennen den Klassiker, es abends immer noch nicht aus dem Schlafanzug geschafft zu haben... Jetzt könnte man aufrechnen: Soundso oft wickeln à 5 Minuten, Stillen à 15 Minuten. Da kommt locker ein Arbeitstag zusammen und man trinkt nur noch kalten Kaffee vom Vortag, den man auf der Waschmaschine findet.

Inwiefern können diese Fotos werdende Eltern auf ein Leben mit Kleinkind vorbereiten?

Gerade die ersten Monate oft in ziemlicher Isolation nagen an einem und persönliche Geschichten sind wichtig, aber der Anspruch greift mir zu kurz. Auf den Fotos sieht man nur die Mutter. Wo ist der Vater, Freunde? Das manifestiert das Bild, dass sich die Mutter allein kümmert (zu kümmern hat). Sicher kommt es der Realität in den meisten Haushalten am Nächsten, aber mir erschließt sich der Sinn nicht. "Guckt mal, ich mache alles allein und es ist wahnsinnig anstrengend", das mag eine richtige Aussage sein aber welche Reaktion soll folgen? Schulterklopfen, anerkennendes Nicken – und dann? Mach mal schön alleine weiter? Aufmerksamkeit erzeugen kann nur der erste Schritt sein.
Und persönlich finde ich es schade, dass sie auf keinem Foto etwas anderes als ein mürrisches Gesicht macht. Ganz tief hinter der ganzen Erschöpfung ist nämlich auch ein großes bisschen Glück.
Lass uns Freunde werden!

Nina, 41, von frau-mutter.com

Expectation vs. Reality: Wie hast du dir den Alltag mit Baby vorgestellt, und wie war er dann tatsächlich?

Vor dem ersten Kind habe ich mir den Alltag mit Baby wie in einer dieser Werbungen für Babynahrung vorgestellt. Beglückend, innig und ich dabei immer total kompetent. Und das 24/7. So war es dann NICHT. Zunächst unterschätzt man, wie müde man aufgrund des Schlafmangels sein kann. Das sind unglaubliche Dimensionen von Müdigkeit, die einen natürlich alles, was dann nicht so gut klappt, weniger gut tolerieren lässt. Natürlich liebt man sein Kind und es gibt diese Momente, wo man berstet vor Glück und Liebe, aber viel ist eben auch durch den Tag kommen. Ich finde es schwer für junge Mütter, wenn der Babyalltag immer so rosenrot dargestellt wird.

Wie viel Wahrheit steckt in dem Vorwurf: "Wieso bist du müde, du tust doch nichts außer auf das Baby aufzupassen”?

Vielleicht kann derjenige, der es sagt, eine Nacht einfach mal fünf bis sieben Mal geweckt werden.

Inwiefern können diese Fotos werdende Eltern auf ein Leben mit Kleinkind vorbereiten?

Ich mag die Fotos von Yuliya, weil sie den ganz normalen Alltag mit Baby zeigt, so schön, aber auch so anstrengend wie er ist. Was ganz wichtig ist: Die Fotografin geht mit Humor an die Sache. So klappt alles am besten und so nehme ich den Mutter-Job auch in Angriff.

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