1. Startseite
  2. Art
  3. ​Kunst in Chile: Nackte Frauen in Marienpose fotografiert María Paz Alfaro

Art

"Es ist für mich natürlich, nackt zu sein"

17.01.2016, 12:21 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Die Chilenin ​María Paz Alfaro, 24, hat gewagt, was in ihrer Heimat verpönt ist: Sie fotografierte nackte Frauen in der Marienpose.

Im Dezember 2015 öffneten sich die Tore ihrer ersten Ausstellung in der chilenischen Küstenstadt Valparaiso. María Paz Alfaro hatte noch in der Nacht zuvor im "Parque Cultural de Valparaiso“ mit Freundinnen die letzten Bilder aufgestellt. Die 24-Jährige ist aufgeregt, zeigen die Bilder doch etwas für Chile Ungebührliches: nackte Haut, noch dazu in der Marienpose. Paz Alfaro studiert Fotografie in Viña del Mar und macht 2016 ihren Abschluss.

(Bild: Maria Paz Alfaro)

Wie kamst Du auf die Idee für die Ausstellung?

Dahinter steckt meine Semesterarbeit “Developmental Workshop III“. Ich konnte das Thema frei wählen. Meine Arbeit zeigt die Schönheit des weiblichen Körpers, der Schwerpunkt liegt auf der Anatomie. Mir war nach etwas Ungewöhnlichem. María ist in Südamerika sehr wichtig. Deshalb habe ich versucht, das jeweils in den Ländern vorherrschende Marienbild abzubilden. Und eben auch durch die Nacktheit den Kult zu hinterfragen.

Marías Bilder stehen in einem ehemaligen Gefängnis. An jenem Ort folterte man die Häftlinge während der 17-jährigen Pinochet-Diktatur. Das heutige Kulturzentrum steht auf einem der 42 Hügel der Stadt, "cerros“ genannt. Für die ist die chilenische Hafenstadt Valparaiso berühmt.

Wir zeigen eine Auswahl der Fotos

1/6

Du möchtest mit deinen Bildern provozieren. Weshalb?

Ich wollte eine Serie mit falschen Portraits der Muttergottes produzieren. Die Basis des kreativen Prozesses war meine Auseinandersetzung mit dem Marienkult der katholischen Kirche. "Hiperdulia“, also die Verehrung Marías. Dieser Kult befeuert die Anbetung eines Bildes, das so großen Wert erfährt. Millionen Menschen beteiligen sich daran - doch keiner von ihnen kennt die echte Muttergottes.

Also dachte ich: Warum gestalte ich nicht meine eigene Darstellung der Mutter Gottes? Was ich nun in meiner kleinen Ausstellung mit dem Namen "Nueva Deidad“ tat. Ich glaube, dass wir hier im Land, in der jungen Demokratie, einen sehr strikten Umgang mit der Religion pflegen. Sie ist für uns wichtig, unantastbar. Doch möchte mit meiner Kunst auf Ungereimtheiten hinweisen. Kritik, auch an der Kirche, muss möglich sein.

Was meinst du mit Ungereimtheiten?

Es gibt nicht nur schwarz oder weiß, wenn es um Religion geht. Vieles liegt im Grauen. Doch über Religion darf man nicht sprechen. Wir werden nackt geboren - was ist schlimm daran? Ich möchte, dass meine Bilder mehr Menschen erreichen, diese sie sie sehen und kritisieren. Ich mag es, hinterfragt zu werden. Ich hatte hohe Anforderungen an meine Kunst. Ich habe wirklich auf jedes Detail geachtet, um eine saubere Arbeit auf dem Niveau nationaler oder internationaler Galerien abzuliefern.

In Chile herrschte von 1973 bis 1990 eine brutale Diktatur. Erst nach dem Abgang des Diktators Augusto Pinochet wandelte sich der gut 13.000 Kilometer von Deutschland entfernte Staat zu einer Demokratie. Während der dunklen Zeit verschwanden nach Schätzungen Zehntausende Menschen. Und: Abtreibungen sind in Chile bis heute verboten. Der Andenstaat zählt damit weltweit zu jenen sieben Ländern, in denen Schwangerschaftsabbrüche generell verboten sind, das gilt selbst nach einer Vergewaltigung. Erstmals seit Ende der Diktatur kann nun eine Gesetzesinitiative erfolgreich sein, die eine Legalisierung der Abtreibung in den ersten zwölf Wochen erlaubt. Auch Scheidungen sind in Chile erst seit Ende 2004 erlaubt. Das Land gilt als das konservativste Südamerikas.

(Bild: Maria Paz Alfaro)

Wie waren die Reaktionen auf deine Bilder? Und weshalb nackte Frauen?

Als ich darüber nachdachte, konnte ich mir die Bilder der Frauen nicht vorstellen, wenn sie vollständig bekleidet sind. Denn mein persönlicher Ausdruck ist es, Nacktheit zu zeigen. Wenn es um Kritik geht, dann ziele ich sicherlich auf die Moralisten in meinem Land. Chile ist in vielen Bereichen ein sehr konservativer Ort. Einer davon ist die Kunst. So ist es in der Fotografie immer noch ein Tabu, Nacktheit zu zeigen. So etwas gibt es in den "Fine Arts“ nicht. Mit meinen Bilder will ich beweisen, wie schön und gut Nacktheit sein kann. Ich drücke es mit meiner Subjektivität und Ästhetik aus.

Wie reagierten Freunde und Verwandte?

Mein Vater war begeistert, er unterstützt mich in allem, was ich tue. Ich komme aus einem Dorf, gut zwei Stunden entfernt. Meine Freunde und mein Professor fanden es auch sehr gut, die Besucher waren schon überrascht.

Marías Ausstellung endet am 17. Januar 2016. Sie hat das Glück, mit einer der Großen des Fachs ausgestellt zu werden. Ein Stockwerk höher hängen Bilder von Viviane Maier. Als sie 2009 starb, fand sich durch Zufall der Bilderschatz in einer Lagerhalle. Heute gilt Maier als eine der bedeutendsten Gesellschaftsfotografen ihrer Zeit.

Du hast dich auch nackt fotografieren lassen. Auf einem Bild bist du Oben ohne zu sehen.

Ja, denn Nacktheit stellt für mich kein Problem dar. Es ist für mich natürlich, nackt zu sein. Wenn ich jetzt auf meine Fotos schaue, wie sie in den hübschen Rokoko-Rahmen stehen, sehe ich Eleganz, Sensibilität und Anmut. Ich möchte noch mehrere davon herstellen. Zum Glück habe ich dafür noch viel Zeit.

(Bild: Maria Paz Alfaro )

Noch mehr Kunst