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Bild: Simone Brunner

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Warum russische Hipster-Künstler Wladimir Putin als Gott feiern

20.01.2016, 10:47 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Ein schickes Geschäftsviertel im Zentrum von Moskau. In einem Raum im letzten Stock eines runden Backsteinturms stapeln sich Staffeleien und bunte Sitzsäcke. Menschen in Sneakern und Slim-Jeans kritzeln Schlagworte an eine Pinnwand. In der Designer-Ecke steht eine Kleiderpuppe. "Ich sehe eine große Zukunft Russlands", prangt an der Längsseite der Decke. "Im Himmel ist Gott - Auf Erden ist Russland", steht auf einem Plakat.

Hier treffen sich junge Maler, Designer und Filmemacher aus ganz Russland. Sie haben eine Gemeinsamkeit: Alle gehören zur Organisation "Set" (deutsch: Netz oder Netzwerk). Wer in dem Netzwerk aufgenommen wird, kann die schicken Räume von "Set" als Plattform für seine Kreativität nutzen. Unter einer Bedingung: Absolute Treue zum russischen Präsidenten Wladimir Putin.

"Set" ist Anlaufpunkt für junge russische Künstler, die hinter Putin stehen.

"Set" ist Anlaufpunkt für junge russische Künstler, die hinter Putin stehen. (Bild: Simone Brunner)

Rund 1000 Kreative werden derzeit von "Set" unterstützt, sie sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Woher "Set" das Geld dafür bekommt, ist geheim. Zuletzt war von kremlnahen Unternehmen die Rede. "Set" selbst gibt sich unabhängig: Eine offizielle staatliche Unterstützung gebe es nicht, sagen sie zumindest.

Die Aktivisten von "Set" sorgen immer wieder für Aufregung. Zu Neujahr haben sie Bücher mit Putin-Zitaten an russische Beamte verschickt (SPIEGEL ONLINE). Aus Protest gegen Emojis von Regenbogenfamilien und Männern, die Händchen halten, haben Künstler von "Set" ihren eigenen patriotischen Emoji-Katalog entworfen. "Es gibt Dinge, die passen einfach nicht zur russischen Kultur", erklärt "Set"-Leiter Makar Wichljanzew. Im neuen Emoji-Katalog findet man dafür Hammer und Sichel, ein Emoji für die russische Gitarre Balalaika oder Smileys des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin. Putin ist mit ganzen sechs Smiley-Varianten vertreten.

So sieht die Kunst aus, die bei "Set" entsteht:

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Für diese Generation von Russen ist die Übermacht Putins selbstverständlich. "Sie sind heute 20 Jahre alt, Putin ist seit 16 Jahren an der Macht", sagt Wichljanzew. Er selbst ist 31 Jahre alt, trägt Rundbrillen und einen bunten Strickpullover. "Sie leben gemeinsam mit Putin. Er war für sie schon immer da, so wie Autos", sagt er.

Der 31-jährige Russe Makar Wichljanzew leitet "Set"

Der 31-jährige Russe Makar Wichljanzew leitet "Set" (Bild: Simone Brunner)

In einer Nische sitzt Gleb Krajnik. Weißes Hemd, Tattoos, Hipster-Bart. "Die Jugend will eigentlich immer rebellieren", sagt er. Deswegen hat er einen Ring mit dem Kopf Putins und der deutschen Aufschrift "Putinversteher" entworfen. Entstanden ist das Wort "Putinversteher" in Deutschland, eigentlich werden damit abwertend Personen beschrieben, die Putins aggressive Position in der Ukraine-Krise verteidigen. "Und da Putin heute international ein Außenseiter ist, ist es cool, mit ihm zu sympathisieren", sagt Krajinik.

Gleb Krajinik hat sich den Putin-Ring ausgedacht.

Gleb Krajinik hat sich den Putin-Ring ausgedacht. (Bild: Simone Brunner)

Der Putin-Ring ist das bekannteste Projekt von "Set", inzwischen gibt es eine ganze Mode-Kollektion. Models, die Kleider mit Putin-Prints tragen, laufen längst über russische Laufstege. Immer wieder gäbe es auch Bestellungen aus Deutschland, sagt Krajnik. Auf der Homepage putinversteher.ru heißt es: Wer "Putinversteher" am Finger trägt, stelle sich "gegen die Doppelmoral des Westens und gegen bärtige Frauen". Eine Anspielung auf die österreichische Drag-Queen Conchita Wurst.

Damit ist "Set" ganz auf Kreml-Linie. Immerhin sei Russland die letzte Bastion, die konservative Werte wie die traditionelle Familie, Religion und Patriotismus hochhalte. Werte, die sich im "dekadenten Westen" längst aufgelöst hätten, so das russische Kulturministerium in einer Erklärung.

Die Annexion der Halbinsel Krim hat "Set" mit einer Poster-Serie über russische Soldaten gefeiert. Aktivisten haben zuletzt Graffitis an Hauswände gesprayt – ein Buchstabe in sieben verschiedenen russischen Städten, die zusammen "Spasibo" ("Danke") ergeben. Das Video haben "Set"-Aktivisten zu Putins Geburtstag hochgeladen, erzählt die "Set"-Pressesprecherin Anastasia Melnik mit glänzenden Augen.

Der Putin-Ring kostet zirka 116 Euro.

Der Putin-Ring kostet zirka 116 Euro. (Bild: Screenshot putinversteher.ru )

Auf den ersten Blick kommt "Set" wie ein Start-Up aus der Kreativbranche daher. Das Manifest der Organisation passt jedoch nicht zu diesem modernen Silicon-Valley-Image. Dort heißt es sperrig: "Der Weg, der uns vom Vater gezeichnet wurde, ist nicht der Kampf mit dem Vater, sondern mit der ganzen Welt – in diesem Kampf sind wir mit dem Vater vereint, sind wir eins mit ihm." Und weiter: "Wir streben nicht nach der Macht des Vaters - wir teilen sie mit ihm, lernen von ihm, eignen uns diese Macht an. Gemeinsam mit dem Vater bündeln wir unsere Energien für unsere Gegenwart und Zukunft."

Wer ist gemeint mit "Vater"? Natürlich Wladimir Putin. "Jeder zweite Russe, der heute in seinen Zwanzigern ist, ist mit nur einem Elternteil aufgewachsen“, sagt Wichljanzew. "Putin soll für sie eine Vaterfigur sein."

Putin als Über-Vater der Nation? Das hat "Set" den Vorwurf eingebracht, einen sowjetischen, wenn nicht gar sektenähnlichen Personenkult um den russischen Präsidenten zu betreiben. Putin ist die zentrale Figur der Filme, Bilder und Fotografien von "Set". Darauf angesprochen wiegelt Wichljanzew ab: "Putin ist einfach für viele ein Vorbild. Er ist sportlich und erfolgreich. Er wird respektiert." Und fügt grinsend hinzu: "Immerhin gefällt er ja auch den Frauen.“

Die russisch-amerikanischen Beziehungen sind öfters Thema bei "Set".

Die russisch-amerikanischen Beziehungen sind öfters Thema bei "Set". (Bild: Simone Brunner)

"Set" ist aus dem Dunstkreis der kremltreuen Organisation "Naschi" (die "Unsrigen") hervorgegangen. "Naschi" wurde 2004 gegründet. Die Organisation sollte Proteste wie im Nachbarland der Ukraine während der sogenannten "Orange Revolution" verhindern. Die Aktivisten von "Naschi" sind vor allem mit Pro-Kreml-Demonstrationen und Hetze gegen Regierungskritiker aufgefallen (SPIEGEL ONLINE). Das hat ihnen den abwertenden Beinamen "Naschisten" eingebracht. Nach den Massenprotesten in Russland im Winter 2011/2012 wurde "Naschi" aufgelöst.

"Im Internetzeitalter ist es effektiver, mit den Köpfen der Leute zu arbeiten, statt auf die Straße zu gehen", sagt Wichljanzew. Er selbst war ein "Naschi-Mitglied" der ersten Stunde. "Sowohl der Arabische Frühling als auch der Maidan haben über Twitter stattgefunden." Das Internet soll das neue, freundliche Gesicht der Kreml-Propaganda zeigen. In Abgrenzung zum Image der "Naschi"-Raufbolde. Soft-Power und Emojis gegen liberale, westliche Werte. "Set" als eine politische Organisation zu sehen, ginge allerdings zu weit, sagt Grigory Tumanow, der als Journalist in Russland arbeitet. "Set" surfe auf der Patriotismuswelle, die Russland seit der Annexion der Krim erfasst hat.

Putins Gesicht schmückt nicht nur Ringe sondern auch T-Shirts.

Putins Gesicht schmückt nicht nur Ringe sondern auch T-Shirts. (Bild: Simone Brunner)

Den jungen Kreativen kommen die patriotischen Sprüche leicht über die Lippen. "Ich liebe mein Land, und ich finde, dass wir gemeinsam dafür arbeiten müssen", sagt Ljudmila, eine blonde junge Frau mit Undercut. Sie hat zuletzt patriotische Bilder für eine Ausstellung gemalt. Sie findet: "Russland muss sich endlich von seinen Knien erheben."

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