Bild: Sandow Birk

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Ein Künstler hat einen "amerikanischen Koran" entworfen, mit Bildern von Nascar-Rennen bis zu 9/11

13.04.2016, 10:49 · Aktualisiert: 13.04.2016, 11:37

Wüste, Gewalt, Dogmen und eine Stammesgesellschaft aus dem siebten Jahrhundert: Der Koran hat – vorsichtig ausgedrückt – in weiten Teilen der westlichen Welt nicht das beste Image. Der Künstler Sandow Birk aus Los Angelas will das ändern. In seinem "American Qur'an" kombiniert er die Suren des Koran mit Bildern aus dem amerikanischen Alltagsleben. Surfer und Vorstädter beim BBQ stehen neben religiösen Geschichten und Verhaltensregeln. Auch Mexikaner beim Versuch, die Grenze zu überqueren, kommen vor. Wir haben Birk gefragt, was das soll.

Du hast neun Jahre damit verbracht, den Koran abzuschreiben und Bilder aus dem amerikanischen Alltagsleben drumherum zu malen. Warum?

Amerikaner beziehen sich andauernd auf die Bibel als Kern des amerikanischen Selbstverständnisses, also auf ein altertümliches Buch aus dem Nahen Osten. Ein anderes altertümliches Buch aus dem Nahen Osten, der Koran, gilt uns hingegen als fremd und bedrohlich. Vor allem nach 9/11 hatte ich genug davon, dass mir Leute im Radio erzählen, was der Islam ist und was nicht. Ich wollte es einfach selbst herausfinden. Das hat mich auf die Idee gebracht, einen bebilderten Koran zu schaffen, der die Botschaft zugänglicher macht. Ich habe mir also einfach einen Koran im Buchladen gekauft und angefangen zu lesen.

Fotostrecke: Der Koran mit Bildern

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Und was stand drin?

Das Bemerkenswerteste war, dass der Koran so vertraut wirkte. Jeder, der denkt, dass der Koran gewalttätiger ist als die Bibel, hat entweder keine Ahnung oder ist voreingenommen. Beide erzählen dieselben Geschichten: Adam und Eva, Arche Noah, Abraham und Isaak, Moses und die zehn Gebote, Maria und Jesus. Der Koran ist keine Geschichte über Mohammed, im ganzen Werk kommt er überhaupt nur viermal vor.

Trotzdem passiert es doch eher selten, dass jemand den Koran dann gleich abschreibt und neu bebildert. Woher kommt dein Interesse am Islam?

Vom Surfen! Ich bin in einem Vorort von Los Angeles aufgewachsen und gehe, seit ich elf Jahre alt bin, vier bis fünf Tage die Woche Wellenreiten. Durch das Surfen habe ich auch mehrere längere Reisen in die muslimischen Teile der Welt gemacht, ich war zum Beispiel in Indonesien, Marokko und auf den Philippinen. Dort habe ich immer großartige Erfahrungen mit fantastischen Menschen gemacht.

Wer ist Sandow Birk?

Der amerikanische Künstler Sandow Birk wurde 1962 in Detroit geboren. Er gilt als künstlerisches Multitalent: Für seine Bücher, Filme, Animationen und Gemälde hat er zahllose Preise gewonnen. Die Themen seiner Werke reichen von Bandenkriminalität über Surfing und Skateboarding bis hin zu Amerikas Kriegen. Die Washington Post bezeichnete seinen "American Qur'an" als "Meisterwerk". Birk lebt in Los Angeles.

Irgendwann wollte ich mehr über deren Religion wissen, um die Welt und was sie bewegt, besser zu verstehen. Wahrscheinlich gehört der Koran zu den wichtigsten Büchern der Welt. Für einen an der Welt interessierten Westler ist es beschämend, keine Ahnung vom Koran zu haben. Er sollte zum Allgemeinwissen gehören.

Dein Buch heißt "American Qur'an". Wie amerikanisch kann ein Buch sein, das im siebten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel entstanden ist?

Der bessere Titel wäre "Der Koran für Amerikaner", aber das klang einfach nicht so gut. Mein Buch umfasst den gesamten Koran auf Englisch – jedes Wort, per Hand aufgeschrieben und mit Bildern. Mein Ziel war es, dem Koran etwas von seiner Exotik zu nehmen.

Wie die Bibel sollte der Koran auch als universelle Botschaft verstanden werden und nicht als irgendein kulturelles Etwas aus dem Nahen Osten. Die meisten Muslime leben auch gar nicht im Nahen Osten, sondern in Asien. Sie sprechen noch nicht mal Arabisch. Dennoch verbinden wir den Islam immer mit den politischen Ereignissen zwischen Syrien und Saudi-Arabien.

Aber der Stil von "American Qur'an" wirkt wie persische Malerei. Doch sehr exotisch.

Ja, ich habe mich im Rahmen des Projekts mit Persischen Miniaturen und anderen Formen islamischer Kunst beschäftigt. Ich habe mir viele Manuskripte des Koran aus verschiedenen Zeiten, Gemälde und andere Miniaturen angeschaut. Ich wollte, dass mein Projekt als Fortführung dieser Traditionen wahrgenommen wird.

Andererseits bricht dein Koran auch mit der islamischen Tradition: Menschen in den Koran zu malen, würden einige Gelehrte sicher verurteilen. Hast du dir über das islamische Bilderverbot Gedanken gemacht?

Natürlich bin ich mir der eher modernen Tradition, heilige Texte nicht zu bebildern, bewusst. Letztlich sind es Amerikaner aber gewohnt, heilige Texte in bebilderter Form nahe gebracht zu bekommen. Ich wollte also ein Buch schaffen, das meine eigenen Traditionen widerspiegelt. Ich hoffe, dass es letztlich ein Treffen von Westen und Osten in neuer Form darstellt.

Bilderverbot im Islam

Im Islam gibt es kein klares Bilderverbot – zumindest nicht im Koran. Andere Überlieferungen deuten es zumindest an. In der Neuzeit sprachen sich daher viele muslimische Gelehrte gegen die Darstellung von Menschen in Moscheen oder religiöser Literatur aus. So soll verhindert werden, dass sich Gläubige ein Bild von Gottes Schöpfung machen. Eine zwingende Regel ist dies jedoch nicht.

Extremisten nehmen die Empfehlungen der Gelehrten hingegen zum Anlass, radikal gegen Abbildungen jeglicher Art vorzugehen: Die Taliban zerstörten Buddha-Statuen in Afghanistan, Anhänger des "Islamischen Staats" zerhackten historische Bildreliefs in Irak und Syrien. Nur an einer Stelle ignorieren die Islamisten das angebliche Bilderverbot: Wenn sie Fotos und Videos ihrer Gräueltaten ins Netz stellen.

Laut FBI hat sich anti-muslimische Gewalt in den USA in den letzten Jahren verfünffacht. Hattest du Angst, dass dein Buch falsch ankommen könnte?

Ja, Islamophobie nimmt immer weiter zu und das nicht nur in den Vereinigten Staaten. Als ich vor zehn Jahren mit dem Projekt begann, sagten viele Leute: "Das kommt jetzt gerade recht." Ein Jahrzehnt später sagen sie es leider immer noch. Das ist traurig. Jeder mit ein bisschen Ahnung weiß doch aber, dass islamische Kulturen alles andere als "unzivilisiert" waren und sind. Ist Singapur unzivilisiert? Kuala Lumpur? Jakarta? Angst vor den Reaktionen hatte ich nicht. Nur davor, dass niemand mein Buch zu Gesicht bekommt.

Als du mit dem Malen angefangen hast, hattest du die Sorge, von der muslimischen Community missverstanden zu werden. Nun kann jeder das fertige Buch bei Amazon kaufen. War deine Sorge berechtigt?

Ich denke jetzt, da das Projekt beendet und das Buch veröffentlicht ist, spricht es für sich selbst. Amerikaner reagieren mir gegenüber meist mit Überraschung und Neugier. Und von der muslimischen Community wurde es durchgehend gelobt, vor allem von jüngeren muslimischen Amerikanern. Oft danken sie mir, weil mein Buch ihre amerikanische Kultur mit ihrer Religion kombiniere. Es tut gut, das zu hören.


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