Bild: Helga Wretman

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Fitness for Artists: Bei diesen Interviews rinnt der Schweiß

10.02.2016, 13:39 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Ihr Blick ist ernst. Der Schweiß perlt von ihrer Haut. Im lila Sport-BH trainiert Helga Wretman ehrgeizig auf dem Laufband. Dazu schnelle Musik: Willkommen bei Fitness for Artists-TV.

Helga Wretman, 30, ist ausgebildete Tänzerin, Performancekünstlerin und Fitnessfreak. Die Schwedin trifft Künstler am liebsten zu schweißtreibenden Interviews. Zwischen Personal Trainings in ihren Ateliers finden Gespräche über Kunst statt. Sonst ist Helga Wretman als Stuntfrau tätig oder modelt. Sie hat aber auch Stationen als Choreografin hinter sich. In ihren Performances schlüpft sie gerne in andere Rollen: Mal mimt sie die Fitnesstrainerin, dann einen Jungen ohne Freunde. Wir haben sie in Berlin zum Gespräch getroffen:


Hier geht's zum Video mit Hanne Lippard

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Helga, du trainierst andere Künstler. Warum?

Meine Freunde aus der Kunstszene haben mich gefragt, wie sie fit werden können. Ich war verwundert, doch habe mich gefreut, dass sie mich gefragt haben, denn das entspricht nicht dem gängigen Künstler-Klischee: Sport ist interessant, aber nur, wenn man es selbst nicht macht.

Woher kommt die Sportbegeisterung?

Dass Leute sich vermehrt für Sport interessierten und gut aussehen wollten, ist kein Kunstelite-Spleen. Seitdem es Social Media gibt, wird die Darstellung der eigenen Person immer wichtiger.

Da kommst du ins Spiel.

Ich habe ein Trainingsprogramm entwickelt und meine Freunde sonntags in der Hasenheide in Neukölln gedrillt. Mir kam dann die Idee, daraus eine Performance zu machen und habe das Training als Kunst in Galerien gezeigt.

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Und daraus ist die Web-Serie "Fitness for Artists TV" entstanden?

Ja, ich wurde gefragt, ob ich aus diesem Projekt eine Serie machen möchte. Dadurch hat sich das Format entwickelt: Ich mache mit Künstlern ein persönliches Training und spreche währenddessen mit ihnen über ihre Arbeit.

Hier geht's zum Video mit Ron Tran

Hier geht's zum Video mit Ron Tran

Einige dürfen Yoga machen, andere müssen tanzen. Wie entscheidest du?

Ich habe geguckt, welcher Sport zu welchem Künstler passt. Bei dem Performancekünstler Ron Tran hat sich zum Beispiel Partneryoga angeboten, da ich wusste, dass er bereits mit einigen Übungen vertraut ist.

Deine Interviewpartner schwitzen in den Videos ganz schön, nehmen sie dir das nicht übel?

Sie wissen, dass ich eine Rolle spiele. Vor allem meinen Vater habe ich gequält, aber er mag mich immer noch. Die meisten finden Fitness for Artists TV lustig und meine Videos lassen eine andere Sichtweise auf Kunst zu, die man sonst nicht hat. Egal, was man macht, man sollte sich nie zu ernst nehmen. Man kann sonst nicht spielen, nichts Neues entdecken.

Ursprünglich bist du Ballerina. Wurde dir das Tanzen zu langweilig?

Ich habe eine Ausbildung in zeitgenössischem Tanz. Ich dachte, dass wird für mich eine kreative Reise, doch was ich in der Ballettschule gelernt habe, war nicht kreativ. Es war nie meine Kunst, sondern immer eine Interpretation von dem, was jemand anderes wollte.

Also bist du Stuntfrau geworden?

Ich hatte viel gearbeitet und war ausgebrannt. Ich habe unter anderem Tanztheater gemacht. Da waren Szenen, wie ich die Treppe herunterfalle oder gegen die Wand geschmissen werde üblich. Mir war klar, wenn ich das auf der Bühne kann, kann ich das auch im Film.

Hier geht's zum Video mit Fredrik Wretman

Hier geht's zum Video mit Fredrik Wretman

Dir hat niemand gesagt, dass du zu klein dafür bist?

Ich bin 1,57 groß, aber genau das hat gefehlt. Oft arbeite ich als Kinder-Double und habe Baumhausszenen oder klettere irgendwo rauf. Die Produzenten in Deutschland trauen sich nicht so viel.

Auch als Videokünstlerin spielst du mit verschiedenen Rollen.

Ja, ich finde das spannend. In Fitness for Artists TV bin ich ein Coach – das ist ein Teil von mir, aber auch eine Rolle. Es gibt auch einen Jungen, den ich spiele: Dave. Der ist unbeliebt und erfindet sich deshalb online neu. Er entwickelt einen Avatar, der im Internet sehr beliebt wird. Dave verliebt sich in sich selbst. Doch sein Avatar verliebt sich in einen anderen Avatar.

Klingt fast nach Shakespeare?

Seine Dramen waren zu seiner Zeit eigentlich Trash. Jetzt sind sie Hochkultur. Die Frage ist, was passiert mit Fernsehen, YouTube, Social Media – Formaten, die wir heute für Trash und nicht für Hochkultur halten. Vielleicht ist genau das in 100 Jahren Hochkultur.

Wie geht es weiter?

Gerade arbeite ich an Performances zum Spa-Wellness-Wahn. Dazu habe ich Interviews in der Berlinischen Galerie geführt und die Installation Wellness in a Box entwickelt.


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