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Rudolf ist 61 und spielt ein kleines Mädchen mit türkisfarbenen Haaren

15.02.2016, 10:41 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Als Cosplayer verkleidet er sich als Hatsune Miku

Lange grüne Haare, Röckchen, für immer 16 Jahre alt: Das ist Hatsune Miku, ein Schulmädchen mit Piepsstimme, ein bisschen erinnert sie an Sailor Moon. Mehr als 10.000 Miku-Songs gibt es im Netz. Dazu kommen unzählige Videos, Zeichnungen und eben auch Fans, die sich als die japanische Schülerin verkleiden.

Dazu gehört auch Rudolf, 61 Jahre, Lehrer an einer Berufsschule.

Rudolf hat ein besonderes Hobby: Cosplay. Er verkleidet sich als Manga- oder Animefigur. Nicht nur in Japan existiert eine große Szene, auch in Deutschland gibt es rund 10.000 Cosplayer. Ihre Kostüme entstehen oft in aufwendiger Eigenproduktion, so auch bei Rudolf: Er bastelt, tüftelt und näht leidenschaftlich gern.

Wer braucht schon Katy Perry, wenn es die synthetische Pop-Ikone Miku gibt? Vor zehn Jahren lernte Rudolf Mangas kennen, japanische Comics. Dabei stieß er auch auf Hatsune Miku, die mit ihren großen Augen und der Uniform zwar aussieht wie eine typische Manga-Figur, ursprünglich aber als Maskottchen für eine Musiksoftware geschaffen wurde. Die Software war so erfolgreich, dass Hatsune Miku zum virtuellen Popstar wurde.

Wir treffen Rudolf auf der ersten Hatsune-Miku-Performance in Deutschland. Mehr als 600 Kilometer Anfahrtsweg hat er auf sich genommen, um sich hier in seinem Miku-Kostüm zu präsentieren.

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Warum verkleiden Sie sich als Mädchen?

Ich mache seit zehn Jahren Cosplay. Auf einer Japan-Konvention habe ich den Charakter Miku kennengelernt. Ich habe mich in sie verguckt, als ich sie als 3D-Projektion gesehen habe.

Die meisten Spieler sind weiblich und Anfang 20. Ich falle total raus.
Rudolf, 61

Mit 61 Jahren stellen Sie nicht unbedingt den Durchschnittscosplayer dar.

Die meisten Spieler sind weiblich und Anfang 20. Ich falle total raus. Und von einem Lehrer würde man das ja auch nicht erwarten.

Wenn Sie als Miku unterwegs sind zeigen Sie Ihre Gesicht nicht. Warum?

Ich kann mein Alter nun mal nicht weg diskutieren. Und da ich weder mich, noch Miku lächerlich machen will, bleibt mir keine Wahl. Aus diesem Grund stelle ich Miku auch nicht als Schulmädchen, sondern als Kampfroboter-Prinzessin dar.

Was ist an Ihrem Kostüm alles dran?

Es besteht aus viel Aluminium, vier Motoren, einem Röckchen aus Polystyrolplatten und Lüftungsabdeckungen sowie zwei Raketen, deren Ausgangsmaterial aus dem Baumarkt stammt. Insgesamt wiegt das Kostüm 20 Kilogramm. Am Ende eines Con-Tages sind es gefühlte 30.

Wissen die Leute von der Schule von Ihrem Hobby?

Das ist bekannt. Meine Schüler und Kollegen finden das toll, zu besonderen Anlässen trete ich dort auch auf. Meine Tochter hat mir zwar mal gesagt, dass ich einen an der Klatsche habe, doch darauf konnte ich nur antworten, dass ich Mathe studiert habe. Aber sie hilft mir ab und zu bei den Kostümen.

Wurde Ihnen schon mal ein Fetisch unterstellt, weil Sie den Charakter eines jungen Mädchens annehmen?

Nein, noch nie. Cosplay ist für mich ein Stück Selbstverwirklichung. Es gibt Leute, die das, was ich mache, als Kunst ansehen.

Sieht ein bisschen nach Rollenspiel oder Karneval aus. Was ist das Besondere am Cosplay?

Das Posing und dabei fotografiert zu werden. Manchmal gehe ich auch auf Wettbewerbe. Nur wenn die Kamera auf mich gerichtet ist, spiele ich den Charakter. Ich glaube, Rollenspieler können im Gegensatz dazu phasenweise die Realität nicht von der Fantasiewelt unterscheiden. Und die meisten Cosplayer machen ihre Kostüme selbst. Es gibt sie sogar im islamischen Jakarta. Die Miku-Cosplayerinen in Indonesien tragen über ihren grünen Zöpfen einfach ein Kopftuch, das finde ich toll.

Machen sie nicht eigentlich Crossplay? Schließlich verkleiden Sie als Mann sich als Frau.

Streng genommen nicht, Miku ist eine Ausnahme, sonst stelle ich nicht nur weibliche Figuren dar. Ich fand Miku süß und dachte mir, was gibt es Schrägeres, als wenn ein 61-Jähriger sich als Schulmädchen verkleidet.

Kleiden Sie sich auch im Alltag als Frau?

Nein! Ich muss dazu in irgendeiner Weise im Mittelpunkt stehen. Das macht keinen Sinn, wenn ich nicht Teil einer Performance bin. Ich genieße es, im eigenen Kostüm auf der Bühne zu stehen. Und es ist toll, dass Leute kommen, die Fotos mit mir wollen.

Wollten Sie mal jemand anderes sein?

Nein, aber ich weiß, dass ich viele Facetten habe. Teil der Facette ist auch, dass ich mal eine Vogelgottheit, ein böser Engel oder eine nette Miku bin.

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